Die besten RPGs mit Charaktererstellung — Meine persönliche Auswahl für 2026
Ich habe mal ausgerechnet, wie viele Stunden ich allein in Charakter-Editoren verbracht habe. Über alle Spiele hinweg, seit ich 2003 meinen ersten Helden in Neverwinter Nights zusammengeklickt habe. Das Ergebnis: mindestens 200 Stunden. Zweihundert Stunden, in denen ich Nasenlängen justiert, Augenbrauen verschoben und Haarfarben verglichen habe, ohne auch nur einen einzigen Gegner zu bekämpfen. Manche würden sagen, das ist Zeitverschwendung. Ich sage: Das ist der halbe Spaß.
Ein guter Charakter-Editor macht aus einem RPG etwas Persönliches. Man spielt nicht irgendeinen Helden — man spielt seinen Helden. Mit der Narbe, die man ihm selbst gegeben hat. Mit der Stimme, die man nach zwanzig Minuten Probehören ausgewählt hat. Mit dem Gesicht, das aussieht wie eine seltsame Mischung aus dem eigenen Spiegelbild und einem Marvel-Charakter. Genau so soll es sein.
Hier sind die RPGs, die das am besten hinbekommen — getestet von jemandem, der deutlich zu viel Zeit in Charakter-Editoren verbringt.
Dragon’s Dogma 2 — Der unangefochtene König
Capcom hat mit Dragon’s Dogma 2 den wahrscheinlich detailliertesten Charakter-Editor der Spielegeschichte abgeliefert. Das ist keine Übertreibung. Kieferbreite, Muskeldefinition, Gangarten, Körperhaltung, einzelne Falten — alles einstellbar. Ich habe 90 Minuten im Editor verbracht, bevor ich das erste Mal die Spielwelt betreten habe. Mein Mitbewohner dachte, ich hätte eine Modellierungs-Software geöffnet.
Aber es geht nicht nur um Optik. Der Charakter-Editor beeinflusst das Gameplay direkt. Größe und Körperbau bestimmen, welche Ausrüstung passt, wie schnell man klettert und wie weit man springen kann. Ein kleiner, leichter Charakter wird von Greifen durch die Luft getragen. Ein schwerer Krieger bleibt fest am Boden, während derselbe Greif ihn vergeblich versucht zu packen. Das ist keine Kosmetik — das ist Gameplay-Design.
Das Pawn-System macht die Sache noch interessanter. Man erstellt einen KI-Begleiter mit demselben Editor und schickt ihn in die Welten anderer Spieler. Meinen Pawn — eine zwei meter große Kriegerin mit einer Narbe über dem linken Auge — haben in der ersten Woche über 300 Spieler ausgeliehen. Es gibt wenige Momente im Gaming, die sich so befriedigend anfühlen wie die Nachricht, dass jemand deinen selbst erstellten Charakter gut genug fand, um ihn auf seine Reise mitzunehmen.
Elden Ring — Schönheit im Angesicht des Todes
From Software's Charakter-Editor war historisch gesehen eher funktional als beeindruckend. Elden Ring hat das geändert. Der Editor bietet eine überraschende Tiefe: Gesichtssymmetrie lässt sich gezielt brechen, Hautstrukturen sind realistisch, und die Beleuchtung Vorschau zeigt, wie der Charakter tatsächlich in der Spielwelt aussehen wird — nicht nur unter Studio-Licht.
Das Problem bei From Software-Spielen war immer: Man verbringt eine Stunde im Editor und setzt dann sofort einen Helm auf, der das Gesicht komplett verdeckt. Elden Ring hat das teilweise gelöst, weil viele der stilvollsten Rüstungen das Gesicht frei lassen. Außerdem gibt es eine „Spiegelfunktion, mit der man das Aussehen jederzeit ändern kann — ohne Kosten, ohne Einschränkung.
Was mich persönlich fasziniert: Die Community rund um Den-Ring-Charaktere ist riesig. Auf Reddit gibt es Subreddits, die sich ausschließlich dem Charakter-Design widmen. Leute erstellen Prominente, Anime-Figuren, historische Persönlichkeiten — und teilen ihre Slider-Einstellungen. Mein bester Versuch war ein halbwegs überzeugender Geralt von Riva. Halbwegs.
Baldur’s Gate 3 — Wenn der Charakter die Geschichte verändert
Larian Studios hat verstanden, dass Charaktererstellung nicht beim Editor aufhört. In Baldur’s Gate 3 beeinflusst jede Entscheidung — Rasse, Klasse, Hintergrund, Fähigkeitswerte — wie die Welt auf den Spieler reagiert. Ein Tiefling wird anders behandelt als ein Mensch. Ein Barde löst Konflikte anders als ein Barbar. Ein Charakter mit hoher Intelligenz sieht Dialogoptionen, die anderen verborgen bleiben.
Der visuelle Editor selbst ist solide, aber nicht revolutionär. Körperbau-Optionen, Haare, Tattoos, Heterochromie — alles vorhanden, aber in der Tiefe nicht vergleichbar mit Dragon’s Dogma 2. Was Baldur’s Gate 3 unschlagbar macht, ist die Tiefe dahinter: Dein Charakter ist nicht nur ein Bild. Er ist ein Satz von Regeln, Fähigkeiten und Beziehungen, die das gesamte Spiel durchdringen.
Ich habe das Spiel dreimal durchgespielt — als dunkler Urge-Charakter, als tugendhafter Paladin und als chaotischer Barde. Es waren drei völlig unterschiedliche Spiele. Nicht nur im Kampf, sondern in der Geschichte, den Beziehungen, den Enden. Das ist der wahre Test eines Charakter-Systems: Nicht wie schön der Editor ist, sondern wie sehr die Erstellung das Spielerlebnis verändert.
Cyberpunk 2077 — Neon, Narben und körperliche Selbstbestimmung
CD Projekt Red hat mit Cyberpunk 2077 einen Charakter-Editor geschaffen, der Grenzen verschiebt — nicht technisch, sondern gesellschaftlich. Körpertyp und Stimme sind voneinander entkoppelt. Narben, Cyberware-Implantate und Körpermodifikationen sind Teil der Identität, nicht nur Dekoration. In einer Welt, in der Menschen sich Klingen in die Arme pflanzen und ihre Augen gegen Kameras tauschen, ist Charaktererstellung eine Aussage darüber, wer man sein will.
Seit dem 2.0-Update und dem Phantom-Liberty-DLC ist V endlich der Charakter, den man beim Launch versprochen bekam. Das Fertigkeiten-System wurde komplett überarbeitet. Builds fühlen sich jetzt radikal unterschiedlich an: Ein Netrunner spielt sich wie ein völlig anderes Spiel als ein Solo-Kämpfer. Die Perks und Cyberware, die man wählt, verändern nicht nur Zahlen — sie verändern, wie man die Welt wahrnimmt.
Mein Lieblings-Detail: Die Spiegelszenen. Wenn V in einen Spiegel schaut, sieht man sein eigenes Gesicht — mit allen Modifikationen, die man gewählt hat. In einem Genre, das oft in der Ego-Perspektive spielt, sind diese Momente überraschend wirkungsvoll. Man erinnert sich plötzlich: Ach ja, das bin ich. Dieses Gesicht habe ich gebaut.
Metaphor: ReFantazio — Klassen-System als Charakter-Ausdruck
Atlus geht das Thema anders an. In Metaphor: ReFantazio kann man das Aussehen des Protagonisten nicht verändern — aber das Klassensystem ist so tief, dass es sich wie eine andere Form der Charaktererstellung anfühlt. Über 40 Archetypen stehen zur Verfügung, jeder mit eigenen Fähigkeiten, Kampfstilen und sogar Story-Auswirkungen. Man baut keinen Charakter im Editor — man baut ihn durch Entscheidungen.
Das ist ein Designansatz, den japanische RPGs seit Jahrzehnten perfektionieren. Final Fantasy V hatte das Job-System. Tactics hatte es. Bravely Default baute ein ganzes Spiel darauf. Metaphor treibt es auf die Spitze, weil die Archetypen nicht nur mechanisch, sondern narrativ eingebunden sind. Man spielt nicht einfach einen Krieger — man spielt eine gesellschaftliche Rolle.
Für Spieler, die genau diese Art von Tiefe suchen — RPGs, bei denen die Charaktergestaltung über Kosmetik hinausgeht und das gesamte Spielerlebnis prägt — hat der JRPG-Podcast Icicle Disaster eine lesenswerte Übersicht zusammengestellt, die sowohl actionreiche als auch strategische RPGs mit tiefgreifenden Charakter-Systemen abdeckt.
Monster Hunter World / Wilds — Dein Jäger, deine Identität
Monster Hunter war schon immer ein Spiel, in dem der eigene Charakter eine besondere Bedeutung hat. Man sieht ihn hunderte Stunden lang. Man sieht ihn in jeder Zwischensequenz, in jedem Foto mit erlegten Monstern, in jeder Lobby. Entsprechend viel Zeit verbringen Spieler im Editor — und Capcom weiß das.
Monster Hunter Wilds, das für 2025 angekündigt wurde, verspricht den bisher detailreichsten Editor der Serie. Basierend auf den Trailern und der Demo: Die Haut Texturen sind fotorealistisch, die Beleuchtung dynamisch, und die Bewegungsanimationen passen sich dem Körperbau an. Aber das Wichtigste ist ein soziales Phänomen: In Monster Hunter definiert der Charakter die Online-Identität. Man wird in Lobbys an seinem Charakter erkannt. Man bekommt Komplimente für gutes Design. Der Editor ist nicht nur ein Werkzeug — er ist eine soziale Visitenkarte.
Kleines Geständnis: In Monster Hunter World habe ich 340 Stunden Spielzeit. Davon waren mindestens 15 Stunden im Editor, verteilt auf neun separate Besuche. Ich habe meinen Charakter häufiger umgestylt als ich selbst.
Dark Souls III — Der Editor, den niemand ernst nimmt (und alle lieben)
Hier wird es ehrlich: Der Charakter-Editor von Dark Souls III ist objektiv betrachtet nicht gut. Die Slider sind unintuitiv, die Beleuchtung im Editor stimmt nicht mit der Spielwelt überein, und es ist nahezu unmöglich, einen normal aussehenden Menschen zu verstehen. Das Ergebnis sieht fast immer aus wie eine Mischung aus Kartoffeln und Albtraum.
Und genau das ist der Punkt. Die Dark-Souls-Community hat aus dieser Beschränkung eine Kunstform gemacht. Die hässlichsten Charaktere werden gefeiert. Es gibt Wettbewerbe. Es gibt YouTube-Serien. „Habe ich den hässlichsten Charakter in Dark Souls erschaffen?“ hat Millionen von Aufrufen. In einer seltsamen Wendung ist der schwache Editor zum kulturellen Markenzeichen der Serie geworden.
Gameplay-technisch ist die Charaktererstellung in Dark Souls III aber durchaus tiefgründig. Klasse, Startausrüstung, Attributsverteilung — diese Entscheidungen definieren die ersten zehn bis zwanzig Stunden. Ein Pyromant spielt sich völlig anders als ein Ritter, der sich anders spielt als ein Dieb. Die optische Erstellung mag chaotisch sein — die mechanische ist präzise.
Was einen guten Charakter-Editor wirklich ausmacht
Nach zwanzig Jahren RPG-Erfahrung und geschätzten 200 Stunden in Editoren habe ich eine klare Meinung: Die besten Charakter-Editoren verbinden Ästhetik mit Konsequenz. Es reicht nicht, einen schönen Charakter zu haben. Die Erstellung muss spürbar sein — im Gameplay, in der Geschichte, in der Welt.
Dragon’s Dogma 2 hat den besten visuellen Editor. Baldur’s Gate 3 hat die tiefste Integration in die Spielmechanik. Elden Ring hat die beste Community rund um Charakter-Design. Cyberpunk 2077 macht die mutigsten gesellschaftlichen Aussagen. Jedes Spiel löst das Problem anders, und jede Lösung hat ihre Berechtigung.
Aber der Trend ist eindeutig: Spieler wollen mehr. Mehr Optionen, mehr Auswirkungen, mehr Persönlichkeit. Die Zeiten, in denen man zwischen drei Gesichtern und zwei Frisuren wählen konnte, sind vorbei. 2026 erwartet man Hunderte von Slidern, dynamische Beleuchtung im Editor, und die Gewissheit, dass die Stunde, die man im Editor verbringt, das Spielerlebnis tatsächlich bereichert.
Meine Empfehlung nach Spielertyp
Für Perfektionisten, die stundenlang Nasenlängen vergleichen: Dragon’s Dogma 2. Kein anderes Spiel kommt an die visuelle Tiefe heran.
Für Rollenspieler, denen die Geschichte wichtiger ist als die Optik: Baldur’s Gate 3. Drei Durchgänge, drei völlig verschiedene Erfahrungen.
Für Soulsborne-Fans, die Herausforderung über Schönheit stellen: Elden Ring. Der Editor ist gut genug, und das Spiel dahinter ist ein Meisterwerk.
Für Spieler, die ein Klassen-System der Optik vorziehen: Metaphor: ReFantazio. 40+ Archetypen bedeuten 40+ verschiedene Spielweisen.
Für gesellige Spieler, die online erkannt werden wollen: Monster Hunter Wilds. Dein Charakter ist deine Visitenkarte.
Schlusswort
Charakter-Erstellung in RPGs ist mehr als ein Feature. Es ist der Moment, in dem ein Spiel aufhört, das Spiel eines Studios zu sein, und anfängt, dein Spiel zu werden. Die 90 Minuten, die ich in Dragon’s Dogma 2 im Editor verbracht habe, waren keine verschwendete Zeit. Sie waren die Grundlage für 200 Stunden, in denen ich mich mit meinem Charakter identifiziert habe. Das kann kein vorgefertigter Protagonist leisten.
Also nehmt euch die Zeit. Verstellt die Slider. Probiert die Frisuren durch. Diskutiert mit eurem Mitbewohner, ob die Narbe über oder unter dem Auge besser aussieht. Das ist keine Zeitverschwendung — das ist der Anfang eines Abenteuers.
Über den Autor: Christian spielt seit über 20 Jahren RPGs und hat dabei mehr Zeit in Charakter-Editoren verbracht als in manchen kompletten Spielen. Alle genannten Spiele wurden auf eigener Hardware getestet. Dieser Artikel enthält redaktionelle Empfehlungen.


