Kampf ums Überleben in Haiti

15. Januar 2010, 23:12 Uhr · Quelle: dpa
Buenos Aires/Port-au-Prince (dpa) - Nach dem Jahrhundertbeben in Haiti kommen die Hilfsgüter und Rettungsteams aus aller Welt auch am Freitag nur quälend langsam bei den Opfern an.

Aufgebrachte Überlebende türmten unterdessen in der Hauptstadt Port-au-Prince Leichen zu Barrikaden auf und plünderten vereinzelt Lagerhäuser. Im Fernsehen beklagten sich verzweifelte Erdbebenopfer bitterlich über die ausbleibende Hilfe. Schätzungsweise 50 000 Menschen sind bei dem verheerenden Erdbeben am Dienstag ums Leben gekommen.

Allerdings gab es inmitten der Apokalypse auch einzelne Lichtblicke: Internationale Suchtrupps hätten 23 Menschen lebend aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen, sagte der chilenische Entsandte Juan Gabriel Valdés. In dem Hotel hatten viele Ausländer gewohnt.

Als Nadelöhr für die Helfer erwies sich erneut der völlig überlastete Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince, wo einige Flugzeuge mit Helfern und Hilfsgütern abgewiesen werden mussten. So musste unter anderem eine mexikanische Maschine mit einer Trinkwasseraufbereitungsanlage wieder umkehren.

Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten, selbst in unmittelbarer Nähe des Flughafens seien immer noch traumatisierte Menschen ohne Nahrung, Wasser oder medizinische Hilfe. Über die Lage außerhalb von Port-au-Prince gibt es keine verlässlichen Angaben. Vor allem aus dem Süden des Landes werden schwere Zerstörungen gemeldet.

Helfer befürchten wachsende Spannungen und Ausschreitungen, sollten Trinkwasser, Lebensmittel und Medikamente nicht unverzüglich die verzweifelten Überlebenden erreichen. Nach Berichten des US-Senders CNN wurden massenweise Tote von den Straßen gesammelt und mit Radladern in große Lastwagen gekippt. Auch der Leiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Haiti, Stefano Zannini, sprach von dramatischen Szenen. Derzeit bestehe zwar noch keine akute Seuchengefahr. Den Verletzten müsse aber dringend geholfen werden. Sie suchten zu Tausenden medizinische Hilfe, sagte Zannini. Da es an Lebensmitteln mangele und auch Benzin für den Transport fehle, verschlimmere sich die Lage.

Unterdessen kam die von US-Präsident Barack Obama angekündigte massive Hilfsaktion langsam in Fahrt. Am Freitag trafen weitere US-Soldaten in Port-au-Prince ein, wo sie seit dem Vortag den Flughafen kontrollieren. Diese Truppen könnten im Notfall auch für die Aufrechterhaltung der Sicherheit eingesetzt werden, hieß es.

Zugleich erreichte der riesige US-Flugzeugträger «Carl Vinson» Haiti. Das Kriegsschiff hat 5700 Mann Besatzung, 19 Hubschrauber, eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und tonnenweise Versorgungsgüter an Bord. Die USA wollen außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienboote mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Am Wochenende sollen schon mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte in Haiti oder zumindest in Küstennähe sein.

Insbesondere Kinder sind nach Angaben von UNICEF von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht. «Drei Tage und noch immer keine Hilfe. Ich verstehe einfach nicht, was da los ist», sagte ein aufgebrachter Mann im Fernsehen.

Nach UN-Angaben werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Leichensäcke dringend benötigt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte einen dringenden Aufruf der Vereinten Nationen an die Staatengemeinschaft für die Bereitstellung von 550 Millionen Dollar (366 Millionen Euro) Soforthilfe an.

Nach Angaben der EU-Kommission sind rund 4000 Gebäude bei dem Beben zerstört worden. Die Vereinten Nationen, die eine Friedensmission in Haiti mit 9000 Soldaten und Polizisten sowie 3000 zivilen, überwiegend einheimischen Mitarbeitern in Haiti unterhält, wurden selbst schwer getroffen. Die UN bestätigten den Tod von 37 ihrer Mitarbeiter, weitere etwa 330 würden noch vermisst.

Um die zahlreichen Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett umwandeln. Höchste Eile sei geboten: «Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen», sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes.

Für viele Verschüttete dürfte jedoch inzwischen jede Hilfe zu spät kommen. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti herrschen Tagestemperaturen um 30 Grad. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Über das Schicksal der etwa 100 Deutschen in Haiti ist nur wenig bekannt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Deutschen sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Auch drei 16, 22 und 27 Jahre alte Flensburger, die bei einem kirchlichen Austauschprojekt am Aufbau eines Waisenhauses beteiligt waren, blieben unverletzt.

Die gigantische Welle der Hilfsbereitschaft hielt weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die USA sagten jeweils 100 Millionen Dollar zu, die UN 550 Millionen Dollar. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Aktionen. Die USA, Frankreich und andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren.

Erdbeben / Haiti
15.01.2010 · 23:12 Uhr
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