Pressefreiheit

Journalistinnen als Staatsfeindinnen - Irans Justiz klagt an

29. Mai 2023, 19:44 Uhr · Quelle: dpa
Zwei Journalistinnen sind unter den Ersten, die über den Tod einer jungen Frau berichten, was eine massive Protestwelle im Iran auslöste. Sie wurden festgenommen - nun sollen die Prozesse beginnen.

Teheran (dpa) – Eine Umarmung in Trauer: Das Foto der Eltern der verstorbenen Kurdin Jina Mahsa Amini geht um die Welt und löst im Iran heftige Proteste aus. Die Journalistin Nilufar Hamedi veröffentlicht das Bild Mitte September in den sozialen Medien, aufgenommen kurz nach dem Tod der jungen Frau. Sittenwächter hatten sie wegen eines angeblich schlecht sitzenden Kopftuchs gewaltsam festgenommen, Amini fällt ins Koma und stirbt wenig später.

Unzählige Frauen haben eigene Erfahrungen mit der berüchtigten Moralpolizei, doch selten kommen Details der Festnahmen ans Licht. Der Tod der jungen Kurdin trifft einen Nerv und bringt im Iran die schwersten Proteste seit Jahrzehnten ins Rollen. Auch die junge Journalistin Elahe Mohammadi berichtet über Amini, reist in ihre kurdische Heimatstadt Saghes und schreibt über die Beerdigung, zu der Menschenmassen strömen. Bald wird deutlich, dass sich die Proteste wie ein Lauffeuer ausbreiten werden. Amini wird zur Protestikone.

Nur sechs Tage nach dem Tod durchsuchen Sicherheitskräfte die Wohnung der Journalistin Hamedi und verhaften sie. Mohammadi wird eine Woche später festgenommen. Angehörige hoffen vergeblich auf eine schnelle Freilassung. Der Geheimdienst bezeichnet die Journalistinnen als «ausländische Agentinnen» und wirft ihnen Propaganda gegen den Staat vor. Der erste angesetzte Verhandlungstag gegen Mohammadi fand hinter verschlossenen Türen statt. Am Dienstag soll der Prozess gegen Hamedi beginnen.

Seit mehr als acht Monaten in Haft

Mehr als acht Monate sind die Journalistinnen bereits in Haft. Hamedi ist 30 Jahre alt, Kolleginnen beschreiben sie als liebenswürdige Frau, die nur ihren Job gemacht hat und auch die vielen roten Linien im Land kennt. Sie arbeitet für die beliebte Zeitung «Shargh», die immer wieder auch kritische Beiträge veröffentlicht. Die 36-Jährige Mohammadi schreibt für die Zeitung «Hammihan» bereits seit Jahren auch über Frauenrechte. Beide Medien weisen die Vorwürfe gegen ihre Mitarbeiterinnen vehement zurück.

In den Redaktionen im Land herrscht seit der Protestwelle ein bedrückendes Klima. «Die Stimmung ist einfach nur schlecht», sagt eine Journalistin eines bekannten Medienunternehmens in Teheran, die lieber anonym bleiben möchte. Der Druck sei viel größer geworden. Mitteilungen der Ministerien bringen die Journalistinnen meist ohne große Änderungen auf den Draht. Eigene Berichte werden akribisch geprüft, «um bloß nicht kritisch zu wirken». Auf ihren Job ist die Frau Anfang 40 angewiesen. Hinschmeißen kann und will sie nicht.

Eine frühere Journalistin hat ihrer Branche hingegen den Rücken gekehrt. Angesichts der zunehmenden Beschränkung der Pressefreiheit trauert die Frau, die auch unerkannt bleiben will, ihrem früheren Job nicht hinterher. Viel besser seien die Zeiten früherer Präsidenten gewesen, als noch das Lager der Reformpolitiker an der Regierung war. Einen Sturz des Systems wolle sie nicht. Es müsse ein Journalismus möglich sein, der Veränderungen anstößt, sagt die 52-Jährige.

Als ehrgeizig und talentiert beschreibt sie ihre Kollegin Nilufar, die kritisch hingeschaut habe. Die Vorwürfe der Spionage hält sie für konstruiert, das Vorgehen des Sicherheitsapparats für bitter. «Damit wird eine talentierte Generation verbrannt», sagte die Frau an einem Nachmittag in Teheran.

Iran geht vehement gegen Medienschaffende vor

Wie vehement der Staat gegen Medienschaffende während der Proteste vorgegangen ist, zeigt ein Blick auf Daten des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) in New York. Fast 100 Medienvertreter werden festgenommen, ein Großteil von ihnen ist inzwischen wieder auf Kaution frei. Auch Familienangehörige werden unter Druck gesetzt.

Medienschaffende im ganzen Land forderten, dass die Prozesse öffentlich verhandelt werden. Die Sorge ist groß, dass die Frauen hinter verschlossenen Türen harte Strafen erhalten. Verhandelt wird das Verfahren vor einem berüchtigten Revolutionsgericht in Teheran, dessen Vorsitzender Richter Abolghassem Salawati für besonders harsche Urteile bekannt ist. Seit mehr als zehn Jahren ist der Mann von der EU mit Sanktionen belegt. Im Rahmen der jüngsten Protestwelle hat Salawati mehrere Todesurteile gegen Demonstranten gesprochen.

Auch international bekommt der Fall der beiden Journalistinnen große Aufmerksamkeit. Während Nilufar Hamedi und Elaheh Mohammadi im berüchtigten Ewin-Gefängnis sitzen, zeichnet die Unesco die Frauen für ihre mutige Berichterstattung Anfang Mai in Abwesenheit mit dem Pressefreiheitspreis der UN-Kulturorganisation aus. «Mehr denn je ist es wichtig, alle Journalistinnen zu würdigen, die an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert werden», sagte die Unesco-Generaldirektorin Audrey Azoulay in der Urteilsbegründung.

Medien / Justiz / Demonstrationen / Jina Mahsa Amini / Nilufar Hamedi / Elahe Mohammadi / Iran
29.05.2023 · 19:44 Uhr
[0 Kommentare]
Fashion-Influencer «Gramps»
Mainz (dpa) - Er hat rund 5,5 Millionen Follower auf Tiktok, noch mal knapp 2,5 Millionen auf Instagram: Der 80-jährige Alojz Abram - auch bekannt unter seinem Pseudonym «Gramps» - ist Mode-Influencer. Dabei wirkte er lange gar nicht modisch. Er hat sich gekleidet, wie man es von einem älteren Herrn in der Rente erwarten würde. «Unspektakulär», sagt […] (00)
vor 5 Stunden
Kläranlage (Archiv)
Berlin - Umweltminister Carsten Schneider (SPD) will, dass die Pharma- und Kosmetikindustrie dafür aufkommt, die Rückstände ihrer Produkte in Kläranlagen aus dem Wasser zu filtern. "Dass mit der Einführung der 4. Reinigungsstufe in Kläranlagen Mikroschadstoffe im Wasser reduziert werden sollen, ist ein großer Gewinn für den Gewässerschutz und die […] (00)
vor 20 Minuten
Patrice Aminati
(BANG) - Patrice Aminati gibt ein trauriges Gesundheits-Update. Die Influencerin erhielt vor über drei Jahren eine schlimme Diagnose: Sie leidet an schwarzem Hautkrebs. Seit einiger Zeit wird sie palliativ behandelt – die Krankheit gilt nicht mehr als heilbar. Nun macht die 30-Jährige beunruhigende Neuigkeiten öffentlich: Sie befindet sich […] (02)
vor 21 Stunden
Starfield DLC verrät neue Stadt – Fans hoffen auf echten Neustart
Es fühlt sich fast wie ein versteckter Blick hinter die Kulissen an: Neue Achievements zum kommenden DLC von Starfield sorgen gerade für Diskussionen in der Community. Denn was dort entdeckt wurde, klingt nach genau den Änderungen, die sich viele Spieler seit Release wünschen. Und plötzlich steht eine Frage im Raum: Bekommt Starfield endlich das […] (00)
vor 13 Stunden
Primetime-Check: Sonntag, 05. April 2026
Zum Ostersonntag gab es reichlich Highlights aus der TV-Landschaft. Ein Tatort-Abschied und das Traumschiff, Wer stiehlt mir die Show?, Wer wird Millinär? und Das Leben des Brian! Der Ostersonntag platzte gewissermaßen aus allen Primetime-Nähten! Das Erste verabschiedete mit dem Tatort: Unvergänglich das München-Duo Batic und Leitmayr. Den ersten Teil des Abschieds wollten sich 6,60 Millionen […] (00)
vor 1 Stunde
Cleveland Cavaliers - Indiana Pacers
New Orleans (dpa) - Die Orlando Magic um Basketball-Nationalspieler Franz Wagner dürfen nach einer Aufholjagd weiter auf die direkte Playoff-Teilnahme in der NBA hoffen. Das Team aus Florida drehte im Auswärtsspiel bei den New Orleans Pelicans einen Zwölf-Punkte-Rückstand in der zweiten Halbzeit und gewann mit 112: 108.  Damit liegt Orlando auf Platz […] (00)
vor 2 Stunden
nahaufnahme von bitcoin-symbolschildern im freien, die moderne kryptowährungstrends widerspiegeln.
Bitcoin erlebte nach einem ruhigen Wochenende einen beeindruckenden Anstieg, der die Kryptowährung von etwas über $67.000 auf ein mehrtägiges Hoch von $69.600 trieb, wo sie auf Widerstand stieß. Bitcoin nähert sich $70.000 Die führende Kryptowährung durchlief eine äußerst volatile Woche, beeinflusst durch Entwicklungen im Konflikt mit Iran. Dies […] (00)
vor 37 Minuten
Epstein-Barr-Virus (EBV): Der weit verbreitete „Kussvirus“, der oft unterschätzt wird
Höchst i. Odw., 06.04.2026 (lifePR) - Das Epstein-Barr-Virus (EBV) ist eines der am weitesten verbreiteten Viren weltweit. Über 95 Prozent der erwachsenen Bevölkerung tragen das Virus lebenslang in sich, meist in latenter Form. Bekannt ist EBV vor allem als Auslöser des Pfeiffer’schen Drüsenfiebers (infektiöse Mononukleose), das mit Symptomen wie hohem […] (00)
vor 1 Stunde
 
Review: Ecovacs Deebot T90 Pro Omni Saugwischer im Test
Hallo zusammen! Nach intensiver Recherche und dem Vergleich zahlreicher Roboter- […] (00)
Künstliche Intelligenzen verweigern Befehle, um andere KIs vor Abschaltung zu schützen
Solidarität unter Algorithmen? Vielleicht sogar so etwas wie gegenseitiges Mitgefühl? […] (03)
Erstes Apple iPad wurde 16 Jahre alt
Vor genau 16 Jahren begann eine neue Ära in der […] (00)
Buckelwal liegt weiter in Wismarbucht
Wismar (dpa) - Der Zustand des vor der Insel Poel gestrandeten Buckelwals ist am […] (00)
Review: Reolink TrackFlex Floodlight WiFi – Der Alleskönner für Großraumüberwachung
Ich bin ehrlich: Sicherheitskameras gehören nicht unbedingt zu meinem Kernthema. Ich […] (00)
kostenloses stock foto zu 50 €, anlagestrategie, banknoten
Solana fand Unterstützung bei $77 und konnte einige Verluste wettmachen. Der […] (00)
Street Fighter 6 enthüllt neuen Teaser-Trailer zu Ingrid – und ihr könnt erahnen, was sie kann
Kaum eine Figur im Street-Fighter-Universum ist so rätselhaft wie Ingrid – und genau […] (00)
3sat zeigt Doku über globalen China-Einfluss
Der Kultursender beleuchtet die wachsende Rolle Chinas in Wirtschaft, Politik und Technologie. […] (00)
 
 
Suchbegriff