Investoren drängen, Kurs fällt: Warum Delivery Hero über einen Woowa-Deal nachdenkt
Nach Informationen aus Finanzkreisen soll Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg in den vergangenen Monaten sogar einen Teilverkauf der Südkorea-Tochter Woowa Brothers geprüft haben. Demnach habe es Gespräche mit Uber über einen Einstieg von fünf bis zehn Prozent gegeben. Ein Deal kam nicht zustande – doch allein die Tatsache, dass ein solcher Schritt erwogen wurde, zeigt, wie ernst die Lage inzwischen ist.
Investoren verlieren die Geduld
Auslöser für die neue Dynamik ist vor allem der Aktienkurs. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Delivery-Hero-Aktie rund 30 Prozent an Wert verloren. Damit gehört der Konzern zu den schwächeren Titeln im MDax. Große Investoren aus Singapur, Hongkong, der Schweiz und den USA sollen laut einem Bloomberg-Bericht Ende November offen ihren Unmut über das Management geäußert haben.
Der Vorwurf: Trotz jahrelanger Expansion gelinge es Delivery Hero nicht, nachhaltig profitabel zu werden und den Aktionärswert zu steigern. Zwar wurden zuletzt kleinere, verlustreiche Landesgesellschaften geschlossen – etwa in Thailand, Dänemark, Ghana oder der Slowakei. Doch diese Rückzüge haben kaum spürbare finanzielle Effekte. Das Kerngeschäft bleibt kapitalintensiv, die Profitabilität fragil.
Aktionärsbrief als Signal
Am 9. Dezember reagierte das Management mit einem gemeinsamen Brief von CEO Niklas Östberg und Aufsichtsratschefin Kristin Skogen Lund. Darin räumten beide ein, dass die Kursentwicklung „für uns alle enttäuschend“ sei. Man prüfe nun „strategische Optionen“, darunter Partnerschaften und mögliche Kapitalmarkttransaktionen für einzelne Beteiligungen.
Offiziell bestreitet Delivery Hero, dass der Brief eine direkte Reaktion auf den Druck von Großinvestoren war. In Finanzkreisen wird er jedoch genau so interpretiert: als Signal, dass auch große und bislang unangetastete Beteiligungen nicht mehr tabu sind.
Woowa: das Kronjuwel im Portfolio
In diesem Kontext rückt Woowa Brothers in den Fokus. Die Tochter betreibt unter dem Namen „Baedal Minjok“ („Baemin“) die führende Essensbestellplattform Südkoreas. Delivery Hero hatte Woowa 2019/2020 für rund 5,7 Milliarden Euro übernommen – die teuerste Akquisition der Unternehmensgeschichte.
Anders als viele andere Landesgesellschaften ist Woowa hochprofitabel. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete das Unternehmen rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz und einen Gewinn von umgerechnet etwa 369 Millionen Euro. Damit steuerte Woowa rund ein Fünftel zum Gesamtumsatz des Konzerns bei – und zählt zu den wenigen echten Ertragsbringern im Portfolio.
Südkorea selbst gilt als einer der attraktivsten Liefermärkte weltweit: Rund 68 Millionen aktive Nutzer, ein Marktvolumen von etwa 44 Milliarden US-Dollar und eine hohe Bestellfrequenz machen das Land besonders lukrativ.
Gespräche mit Uber – und ein Nein
Nach WirtschaftsWoche-Informationen soll Östberg Uber-Chef Dara Khosrowshahi einen Minderheitsanteil an Woowa angeboten haben. Uber Eats ist zwar in 45 Ländern aktiv, in Asien jedoch deutlich schwächer positioniert als in Nordamerika oder Europa. In Südkorea hatte sich Uber Eats bereits 2019 aus dem Markt zurückgezogen.
Ein Einstieg bei Woowa hätte Uber eine vergleichsweise einfache Rückkehr in einen hochprofitablen Markt ermöglicht. Dennoch soll Khosrowshahi abgelehnt haben – angeblich wegen wenig attraktiver Konditionen. Weder Delivery Hero noch Uber wollten die Gespräche offiziell kommentieren.
Finanzielle Zwänge wachsen
Für Delivery Hero wäre frisches Kapital dringend willkommen. Der Konzern hat seit seiner Gründung 2011 noch nie einen operativen Jahresgewinn erzielt – trotz zuletzt verbesserter Margen. Hinzu kommen erhebliche Belastungen: Im Juni verhängte die EU-Kommission eine Kartellstrafe von 329 Millionen Euro gegen Delivery Hero und die spanische Tochter Glovo wegen illegaler Absprachen.
Zudem läuft ein Kredit über 1,4 Milliarden Euro, aufgenommen im Jahr 2022, der bis 2029 zurückgezahlt werden muss. Parallel steht ein struktureller Umbruch in der Aktionärsstruktur an: Der Großaktionär Prosus, der rund 27 Prozent an Delivery Hero hält, muss seinen Anteil bis August 2026 auf unter zehn Prozent reduzieren – eine Auflage der EU-Kommission im Zuge der Just-Eat-Takeaway-Übernahme.
Strategische Zeitenwende?
Vor diesem Hintergrund wirkt ein Teilverkauf von Woowa weniger wie ein Tabubruch, sondern wie eine strategische Option. Zwar würde Delivery Hero damit einen Teil seines profitabelsten Geschäfts aus der Hand geben. Gleichzeitig könnte ein Minderheitsverkauf Milliarden freisetzen, die Schulden reduzieren, die Bilanz stärken und Zeit für eine nachhaltige Neuausrichtung verschaffen.
Aufsichtsratschefin Kristin Skogen Lund stärkte Östberg zuletzt dennoch den Rücken. Gegenüber der „Financial Times“ sagte sie, der CEO solle das Unternehmen weiterführen, „da er es in- und auswendig kennt“. Die operative Leistung sei stark – auch wenn sich das bislang nicht im Aktienkurs widerspiegele. Man sei entschlossen, daran etwas zu ändern.
Ob Delivery Hero tatsächlich bereit ist, Anteile an Woowa abzugeben, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der Konzern steht an einem Wendepunkt. Die Phase ungebremster Expansion ist vorbei, Investoren verlangen konkrete Wertschöpfung. Sollte der Druck weiter steigen, könnte selbst das Kronjuwel Woowa nicht mehr unangreifbar sein.


