International Creative and Art Association: Sicherung kreativer Sichtbarkeit in Zeiten der Unsicherheit
Im September 2020 fand die Positions Berlin Art Fair – eine der etablierten europäischen Plattformen für moderne und zeitgenössische Kunst – im historischen Flughafen Tempelhof in Berlin statt. In einem Jahr, das von globalen Umbrüchen geprägt war, wurde die Messe zu einem maßgeblichen Prüfstein für die Frage, ob internationaler Kulturaustausch unter restriktiven Bedingungen fortgeführt werden kann. Zu den professionellen Akteuren, die zu dieser Präsenz beitrugen, zählte die in Spanien ansässige International Creative and Art Association (ICAA), die die Teilnahme mehrerer ihrer Mitgliedskünstler koordinierte.
Im Jahr 2020 erlebte der globale Kultursektor eine abrupte Neujustierung. Internationale Reisen kamen zum Erliegen, Ausstellungen wurden verschoben oder neu konzipiert, und Kreativschaffende – von Performern und Komponisten über bildende Künstler bis hin zu Designern – sahen sich mit einem Umfeld konfrontiert, das stärker von Einschränkung als von Expansion geprägt war. Sichtbarkeit, die zuvor durch Mobilität und physische Präsenz gewährleistet wurde, hing plötzlich von Vorbereitung, Koordination und institutioneller Resilienz ab.

Die zentrale Frage lautete nicht mehr allein, wie Kunst produziert wird, sondern wie sie präsent bleiben kann. Wie lassen sich anspruchsvolle künstlerische Praktiken auf internationalen Plattformen behaupten, wenn logistische Unsicherheiten diese Zugänge zu verengen drohen?
Gegründet 2019 in Spanien, versteht sich die International Creative and Art Association (ICAA) als eine Antwort auf diese strukturelle Herausforderung. Sie vereint Akteure aus dem gesamten kreativen Spektrum – darunter bildende Künstler, Tänzer, Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Fotografen, Regisseure, Designer und digitale Kreative – und agiert weder als Galerie noch als kommerzielle Vermittlungsagentur. Vielmehr fungiert sie als professioneller Rahmen, der Koordination, Kommunikation und internationale Vernetzung ermöglicht.
„Unsere Rolle besteht nicht darin, Kuratoren oder Märkte zu ersetzen“, erklärt ein Vertreter der Association. „Wir sorgen dafür, dass unsere Mitglieder ohne unnötige Barrieren in internationale Kontexte eintreten können.“
Institutionelle Unterstützung schafft kein Talent – sie bestimmt jedoch maßgeblich die Bedingungen, unter denen Talent sichtbar wird.
Eine europäische Plattform unter Vorbehalt
Vom 10. bis 13. September 2020 fand die Positions Berlin Art Fair in den Hangars 3 und 4 des Flughafens Tempelhof statt. Organisiert von PОSITIОNS Bеrlin GmbH, hat sich die Messe als feste Größe im europäischen Kunstkalender etabliert. Präsentiert wurden Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation, Zeichnung und Film in einem markant-industriellen Ambiente, das exemplarisch für Berlins kulturelle Identität steht.
Die Ausgabe 2020 besaß besondere Signalwirkung. Berlin – seit Jahren als zentraler Knotenpunkt im europäischen Ökosystem zeitgenössischer Kunst positioniert – wurde zum Testfeld dafür, ob physische Kunstmessen unter Bedingungen globaler Instabilität verantwortungsvoll realisiert werden können.
Die Messe spiegelte die vielschichtige Struktur des europäischen Kunstfeldes wider, in dem etablierte Positionen und aufstrebende Stimmen innerhalb desselben Ausstellungsrahmens koexistieren. Galerieorientierte Künstler wie Judith Аdеlmаnn, Аnskаr Bеаu und Еlisа Mаnig präsentierten ihre Arbeiten ebenso wie Mаtthiаs Dоrnfеld, Rómulo Cеldrán und Оndřej Drеscher. Hinzu kamen eine Reihe von Künstlern im mittleren Karriereabschnitt und regional anerkannten Positionen – darunter Tаniа Еlstеrmеyеr, Bооhri Pаrk, Lаurа Еckert, Jоhаn de Wit und Dimitаr Gеnchеv –, die zum pluralistischen Profil der Messe beitrugen.
In diesem heterogenen professionellen Umfeld waren auch mehrere Mitglieder der ICAA vertreten. Die Association unterstützte ihre Teilnahme durch die Koordination der Kommunikation mit Galerien und Veranstaltern, die administrative Vorbereitung sowie die Begleitung logistischer Prozesse, die für eine internationale Präsentation erforderlich sind.
In diesem Jahr herrschte eine enorme Unsicherheit“, erinnert sich ein teilnehmender Künstler. „Man wusste nie, was als Nächstes abgesagt wird. Dass jemand die Logistik übernommen hat, erlaubte uns, uns auf die Arbeit zu konzentrieren.
Internationale Sichtbarkeit entsteht selten zufällig – sie ist das Ergebnis einer präzisen Abstimmung zwischen künstlerischer Praxis und struktureller Gelegenheit.

Vielfalt der Praxis, gemeinsamer Zugang
Die von ICAA unterstützten Künstler repräsentierten keine einheitliche ästhetische Richtung. Ihre Arbeiten unterschieden sich in Medium, konzeptueller Ausrichtung und kulturellem Kontext – und gerade in dieser Diversität liegt die Bedeutung institutioneller Unterstützung.
Im Zentrum der Praxis des litauischen Künstlers Jurgis Tаrаbildа steht die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von virtuellem und physischem Raum. Ausgehend von den inhärenten Eigenschaften digitaler Ästhetik – Flächigkeit, Leichtigkeit, Fluidität – überführt er virtuelle Formen mittels verschiedener Verarbeitungstechnologien sowie synthetischer und industrieller Materialien in den materiellen Raum. So entsteht ein kontinuierlicher Dialog zwischen immateriellem Bild und physischer Rekonstruktion.
Mаtаs Jаnušоnis nähert sich der Skulptur über Mechanik und Klang. Mit industriellen Materialien und kinetischen Systemen entwickelt er Installationen, die Gleichgewicht, Gravitation und räumliche Wahrnehmung erproben. Technische Orchestrierung und konzeptuelle Intention sind in seiner Praxis untrennbar miteinander verbunden – insbesondere im Kontext der räumlichen Anforderungen internationaler Ausstellungsformate.
Der ukrainische Künstler für Basrelief und skulpturale Malerei Bohdan Bovt arbeitet an der Schnittstelle von Malerei und Objekt. Durch Reliefstrukturen und räumliche Schichtung integriert er plastische Elemente in materiell fundierte Kompositionen. Architektonische Präzision und strukturelle Klarheit prägen seine Arbeiten, in denen physische Form gegenüber chromatischer Wirkung in den Vordergrund tritt und Relief sowie räumliche Tiefe im Ausstellungsraum betont werden.
An der Schnittstelle zwischen künstlerischer Produktion und akademischer Forschung agiert Tеrеsа Mаyr. Sie untersucht urbane visuelle Kultur aus theoretischer und feministischer Perspektive. Indem sie Fragmente zeitgenössischer Umwelten – physisch wie digital gewonnen – neu kontextualisiert, analysiert sie, wie visueller Raum Ideologien codiert. Ihre Praxis steht exemplarisch für eine Gegenwartskunst, in der sich Forschung und Ausstellung zunehmend überlagern.

Talent, Zugang und kulturelle Verantwortung
Der Fall Positions Berlin 2020 verdeutlicht ein grundlegendes Prinzip: In Phasen der Instabilität ist die Bedrohung für Kultur nicht allein ökonomischer Natur, sondern strukturell. Wenn Mobilität eingeschränkt wird, geraten ernstzunehmende künstlerische Stimmen in Gefahr, an Sichtbarkeit zu verlieren – nicht aufgrund mangelnder Qualität, sondern aufgrund eingeschränkter Zugänge.
In einem zunehmend wettbewerbsintensiven und administrativ komplexen internationalen Kunstsystem wird Zugang selbst zu einer Form von Kapital. Künstler benötigen nicht nur kreative Exzellenz, sondern auch die strukturelle Fähigkeit, globale Plattformen zu betreten.
Interdisziplinäre Organisationen wie ICAA agieren genau an diesem Schnittpunkt von künstlerischer Praxis und internationaler Möglichkeit. Durch die Koordination von Zugängen, die Vermittlung zwischen Akteuren und die Einbindung künstlerischer Arbeiten in globale Ausstellungsrahmen tragen sie dazu bei, dass ernsthafte künstlerische Positionen nicht durch äußere Umstände begrenzt werden, sondern einem internationalen Publikum zugänglich bleiben.
by Rainer Winkler


