Im Test: Sherlock Holmes: Crimes & Punishments

13. Oktober 2014, 20:15 Uhr · Quelle: next-gamer.de

England, 19. Jahrhundert

Die Straßen sind unsicher. Morde geschehen und Scotland Yard tappt im Dunkeln. In diesen Zeiten gibt es nur einen Mann, der Licht ins Dunkel bringen kann. Mit messerscharfem Verstand und logischen Schlussfolgerungen, bei denen noch so jedes kleinste Detail von besonderer Bedeutung sein kann, löst dieser geniale Detektiv jeden noch so aussichtslosen Fall. Die Rede ist natürlich von Sherlock Holmes, der Romanfigur erdacht von Sir Arthur Conan Doyle. Frogwares präsentiert mit Sherlock Holmes: Crimes and Punishments ein neues Abenteuer rund um den britischen Detektiv. Hierbei handelt es sich um das mittlerweile achte Spiel aus der Reihe. Doch ist der Titel ein Mordsspaß oder ist die spielerische Ermittlungsarbeit sterbenslangweilig?

Ein Mord ist passiert, Mr. Holmes

Watson sitzt in seinem Zimmer und liest entspannt ein Buch, als ihm beunruhigende Geräusche aus dem Nebenzimmer ins Ohr gelangen. Die Geräusche klingen als wären es … Schüsse! Vorsichtig verlässt er sein Zimmer und muss gleich darauf zu seinem Bedauern erkennen, dass sein Gehör ihm keinen Streich gespielt hat. Sherlock Holmes steht in seinem Arbeitszimmer, mit einer Waffe in der Hand auf hässliche Vasen zielend, die er von einem dankbaren Klienten erhalten hat. Was zunächst schon etwas gefährlich klingt, erhält noch Brisanz durch die Tatsache, dass Sherlock seine Augen verbunden hat, was akkurates Zielen ein kleines Bisschen erschwert.

Und mit dieser Szenerie beginnt das Spiel. Nachdem man sich als Watson von Deckung zu Deckung gearbeitet hat und endlich bei Holmes angelangt ist, lässt auch ein gewisser Inspektor Lestrade von Scotland Yard nicht lange auf sich warten. Der Grund seines Besuches ist schnell geklärt. „Ein Mord ist passiert, Mr. Holmes.“
Erwischt hat es einen alten Kapitän im Ruhestand, der von allen nur Black Peter genannt wird. Er wurde in einer Hütte auf seinem Grundstück mit einer Harpune an die Wand gespießt und Scotland Yard benötigt die Hilfe des geistreichen Sherlock Holmes.

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Der erste Fall

In der Rolle des Holmes besucht man zunächst den Tatort um Zeugenaussagen aufzunehmen und Beweise zu sichern. Dem Detektiv fällt sogleich auf, dass das Schloss, welches die Tür zur Hütte abschließt, in der sich der Tote befindet, Kratzspuren aufweist. Dies deutet darauf hin, dass sich jemand Zutritt verschaffen wollte, es allerdings nicht geschafft hat. In der Hütte angelangt, findet Holmes gleich die ersten Beweise. In der Blutlache am Boden vor der Leiche findet er ein Notizheft mit Initialen, die nicht zum Opfer passen. Gehört es vielleicht dem Mörder, der es sich zurückholen wollte? Sherlock entschließt sich dazu, sich in der kommenden Nacht in der Nähe der Hütte auf die Lauer zu legen, um dem Einbrecher auf die Schliche zu kommen. Und genau dazu kommt es auch. Ein junger Mann bricht ein und ist auf der Suche nach dem Notizbuch. Doch kann dieser schmächtige Kerl wirklich in der Lage sein mit einer Harpune einen Mann an die Wand zu spießen?

An dieser Stelle wird das natürlich nicht verraten. Wer allerdings die Geschichten von Sherlock Holmes kennt, dem wird das eben beschriebene bekannt vorkommen, denn die Entwickler haben für den ersten Fall auf die Geschichte „The adventures of Black Peter“ zurückgegriffen. Wer jetzt denkt, dass alle sechs Fälle des Spiels auf Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle beruhen, der irrt. Die weiteren Fälle haben nur wenig mit den Originalgeschichten rund um Sherlock Holmes zu tun. Doch alle haben eines gemeinsam. Es geht immer um Mord. Mit Raub, Körperverletzung oder Betrug gibt sich der Meisterdetektiv anscheinend nicht zufrieden.

Jede Geschichte ist in sich abgeschlossen und nimmt keinen Bezug auf einen anderen Fall. Dies bedeutet allerdings auch, dass es keine große Rahmenhandlung gibt, die sich durch das Spiel zieht mit Ausnahme einer kleinen Nebengeschichte rund um Sherlocks Bruder Mycroft.

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Rede mit mir und ich sage dir wer du bist

Ein wichtiger Bestandteil bei der Ermittlungsarbeit ist das Befragen von Zeugen und Verdächtigen. Dabei hat der Spieler jederzeit die Möglichkeit sein Gegenüber genauer unter die Lupe zu nehmen. Per Knopfdruck schaltet das Spiel in die Charakteranalyse. Hierbei fährt die Kamera visuell ansprechend in einem Close-Up um Holmes Gesprächspartner herum und der Spieler hat die Aufgabe kleinste Auffälligkeiten zu erkennen, die im weiteren Gesprächsverlauf durchaus wichtig sein können, um eventuelle Lügen zu entlarven oder das Gespräch in eine neue Richtung zu führen. Bei der Charakteranalyse nimmt einen das Spiel allerdings sehr an die Hand. Am Bildschirmrand wird die Anzahl der Auffälligkeiten aufgezählt, was bedeutet, dass man einfach nur solange suchen muss, bis man alle hat. Das Übersehen von Hinweisen ist somit so gut wie ausgeschlossen.

Auch gefundene Beweise eröffnen immer wieder neue Gesprächsthemen, was das Feeling der Detektivarbeit natürlich verstärkt. Man kehrt immer wieder zurück zu einzelnen Protagonisten, um weitere Informationen zu neuen Beweisen zu sammeln und kommt somit den Hintergründen der Tat immer näher. Holmes hat aber nicht nur ein geschultes Auge, sondern auch ein geübtes Gehör. Oftmals kommt es im Spielverlauf vor, dass die Antworten der Zeugen widersprüchlich zu gefundenen Beweisen sind. Dies fällt dem guten Sherlock sofort auf. Der Spieler muss daraufhin den richtigen Hinweis vorlegen, um den Zeugen oder Verdächtigen aus der Reserve zu locken. Tolles Feature, welches dazu beiträgt, dass man sich als richtiger Ermittler fühlt. Aber auch hier gibt es keinerlei Konsequenz, wenn man sich für den falschen Beweis entscheidet. Nach einer Einblendung, dass die Wahl falsch war, wird die entsprechende Dialogsequenz einfach neu gestartet und man hat eine weitere Chance sich richtig zu entscheiden.

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Untersuchungen müssen sein

Gefundene Beweise müssen wie auch bei der realen Ermittlungsarbeit untersucht werden. Da die Geschichten von Sherlock Holmes allerdings Ende des 19. Jahrhunderts spielen, sind die technischen Mittel hierbei natürlich etwas begrenzt. Doch sowas hält einen brillanten Kopf natürlich nicht auf. Holmes verfügt nämlich über ein großes Archiv voll von Zeitungsartikeln und Büchern, in denen er Namen, Orte oder auch Ereignisse suchen kann und sich somit wichtige Informationen beschafft. Weiterhin ist er in Besitz eines Analysetisches an welchem er unleserliche Dokumente mithilfe von Chemikalien wieder lesbar machen oder er Proben mit dem Mikroskop untersuchen kann. Es gibt noch weitere Beispiele dafür, was der Analysetisch ermöglicht, aber wir wollen euch ja nicht spoilern.

Diese Untersuchungen sind in Form von kleinen Minispielen in den Titel eingebaut und lockern das Spielerlebnis etwas auf. Manchmal muss der gute Holmes auch auf Experimente zurückgreifen, um seine Spekulationen zu bestätigen oder zu widerlegen. Auch dies ist anhand von Minispielen, wie z.B. Perspektivrätseln, in welchen man durch geschicktes Drehen der Kamera ein Bild zusammensetzen muss, dem Werfen einer Harpune in einen Schweinekadaver oder das Zusammenbauen von bestimmten Objekten, ins Spiel eingebaut. Das sorgt für etwas Abwechslung und ist zum Teil auch äußerst knifflig. Wer keine Lust auf solche Minispiele hat oder es nicht schafft sie erfolgreich abzuschließen, der kann sie per Knopfdruck auch überspringen, was dem Spielfluss und einem niedrigen Frustlevel zuträglich ist.

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Sherlock beweist Köpfchen

Holmes ist ein Meister darin, wenn es darum geht Zusammenhänge zu erkennen und diese miteinander zu kombinieren. Da der Spieler in der Rolle von Holmes interagiert, obliegt ihm diese Aufgaben. Dabei haben sich die Entwickler ein sehr nettes Feature einfallen lassen, welches auch auf visueller Ebene überzeugen kann. Per Druck auf die Dreieck-Taste öffnet sich das „Herleitungen“-Menü, welches dem Spieler einen Blick in Sherlocks Kopf ermöglicht. Dort können mit gefundenen Beweisen Zusammenhänge erstellt werden, durch welche der Spieler bestimmte Schlussfolgerungen herleiten kann. Dargestellt wird dies mit Hirnzellen, die sich durch geschicktes Kombinieren von Beweisen verbinden und neue Stränge für weitere Herleitungen zulassen. Je mehr Beweise man kombiniert, desto näher kommt man der Lösung des Falles.

Einige Herleitungen können allerdings unterschiedlich interpretiert werden, was auch die nachfolgenden Schlussfolgerungen beeinflusst. So kann es passieren, dass durch eine falsche Interpretation auch der falsche Schuldige gefunden wird. Eine Interpretation kann allerdings jederzeit wieder rückgängig gemacht werden, wenn man sich nicht mehr so sicher über die eigene Entscheidung ist.

Ist man sich aber sicher, dass die erzeugten Herleitungen plausibel sind und aufeinander aufbauen, so kann man den Fall abschließen und den Schuldigen damit konfrontieren. Das Spiel bietet einem hier die Möglichkeit einer moralischen Entscheidung. Man kann Gnade walten lassen und dem Schuldigen die Möglichkeit zur Flucht bieten oder man informiert Inspektor Lestrade über das Ermittlungsergebnis und lässt den Verbrecher verhaften. Oftmals fällt die Entscheidung nicht allzu schwer, schließlich hat man es bei allen sechs Fällen mit Mord zu tun. Der Wiederspielwert wird dadurch natürlich erhöht, da man wissen will, wie der Fall endet, wenn man sich für die andere Alternative entscheidet.

Die technische Seite des Spiels

Grafisch kann das Spiel im Großen und Ganzen überzeugen. Der Wechsel zur Unreal Engine 3 war eine gute Entscheidung der Entwickler, auch wenn diese Grafikengine mittlerweile nicht mehr ganz so taufrisch ist und ihre typischen Probleme mitbringt. So laden manche Texturen nach und bei schnellen Kameraschwenks kommt es zu Rucklern, die auf der PS4 nichts mehr zu suchen haben. Die Animationen der Figuren sind etwas steif, vor allem die Gesichtsanimationen hätten durchaus etwas Feinschliff vertragen können, was bei der Darstellung von Emotionen zuträglich gewesen wäre. Dies soll nicht heißen, dass die Grafik schlecht ist, nein, die Entwickler haben einen richtig guten Job gemacht und sie detailreich gestaltet. Die Orte sind abwechslungsreich und stecken voller Details. Man besucht die Baker Street und befindet sich dort die meiste Zeit in Sherlocks Arbeitszimmer, welches mit Büchern, Zeitungen und anderen Dingen vollgestellt ist. Aber auch andere Orte wie Scotland Yard, eine römische Therme und Ausgrabungsstätte in London, Bahnhöfe und andere Lokalitäten sehen ansprechend aus und überzeugen mit den Details.

Auch die zwei Features des Sherlock-Sinn, in welchem verborgene Objekte sichtbar gemacht werden können und der Visualisierung, welche dazu dient, dass sich Sherlock fehlende Objekte oder Ereignisse an manchen Orten vorstellen kann, werden visuell sehr schön dargestellt und überzeugen. Da ist es fast schon schade, dass diese Features nicht allzu häufig im Spiel Verwendung finden.

In Sachen Sound gibt es kaum etwas zu bemängeln. Die Synchronsprecher machen ihre Arbeit fantastisch, wobei gesagt werden sollte, dass das Spiel komplett in Englisch vertont ist und nur deutsche Untertitel parat hält. Wer also dem sehr britischen Englisch, der zumeist sehr zynischen und sarkastischen Dialoge nicht mächtig ist, der sollte sich auf viel Lesearbeit einstellen.

Auch die Ladezeiten sind nicht allzu lange und lassen sich verkürzen durch einen Blick ins Notizbuch, wo man sich über die anstehenden Aufgaben informieren oder sich gefundene Beweise noch einmal ansehen kann. Die Steuerung ist zweckmäßig für das Spiel. Zuweilen bewegen sich die Figuren ein wenig steif durch die Spielwelt, was aber nicht sonderlich störend ist, da man sich die meiste Zeit an Tatorten, im eigenen Arbeitszimmer oder bei Scotland Yard aufhält und es dort nicht allzu nervig ist, wenn man Sherlock ein wenig mühsam durch die Orte justieren muss.

Letzte Worte zum Spiel

Sherlock Holmes: Crimes and Punishments ist grundsätzlich ein sehr gutes Spiel. Es erzeugt beim Spieler wirklich das Gefühl eine Ermittlung zu leiten, bei der man frei entscheiden kann, wie man vorgeht, um den Fall zu lösen. Letztlich nimmt der Titel den Spieler aber doch ein wenig an die Hand, lässt falsche Entscheidungen nahezu ohne Konsequenzen, mal abgesehen bei der Wahl des Schuldigen. Der Titel ist ein wenig zu einfach geraten und hervorragend für Anfänger im Genre. Experten werden allerdings keine große Herausforderung an den sechs Fällen haben und nach einer Spielzeit von 10-12 Stunden alle Verbrecher hinter Schloss und Riegel gebracht haben. Was zudem Schade ist, ist der spärliche Einsatz von Dr. Watson. Meistens läuft er nur hinter Holmes her und nimmt keinen großen Einfluss auf das Spiel. Somit verkommt er zur Nebenfigur, wodurch einiges an Potenzial verschenkt worden ist. Nichtsdestotrotz machen die Ermittlungen Spaß und das Spiel für Freunde von ruhigen Titeln mit vielen Rätseleinlagen zu einem absoluten Must-Have-Game. Alle anderen können gerne einen Blick drauf werfen. Es lohnt sich.

Gelungener Rätselspaß mit gut geschriebenen Fällen und Dialogen. Der Spieler geht in der Rolle von Sherlock Holmes voll auf und fühlt sich wie ein echter Detektiv. Die Ermittlungsarbeit ist den Entwicklern gut gelungen und macht darüber hinaus wirklich sehr viel Spaß. Allerdings ist der Titel etwas zu leicht geraten und Spieler mit ausbaufähigen Englischkenntnissen müssen sehr viel lesen, da die Vertonung komplett in Englisch ist.
Gaming
[next-gamer.de] · 13.10.2014 · 20:15 Uhr
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