Gestaffelte Patientenversorgung: Primärarztsystem stößt auf gemischte Reaktionen
Die Ambitionen der Regierungskoalition zur Etablierung eines verbindlichen Primärarztsystems bieten Stoff für eine lebhafte Debatte innerhalb der medizinischen Gemeinschaft. Während der Hausärzteverband das Vorhaben ausdrücklich unterstützt, plädieren Kassenärzte für eine Anwendung des Systems vornehmlich bei Patienten mittleren Alters. Ziel des von CDU, CSU und SPD vorgestellten Plans ist es, durch Haus- und Kinderärzte eine präzisere Steuerung und zügigere Terminvergabe zu gewährleisten.
Eine Überweisung an Fachärzte soll im neuen System erleichtert werden. Zudem sind Augenärzte und die Gynäkologie von den Änderungen ausgeschlossen. Patientinnen und Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen sollen hingegen alternative Lösungen angeboten werden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken warb auf dem Deutschen Ärztetag für die Pläne und lobte die Hausarztpraxis als "erste Anlaufstelle für eine beschleunigte Terminvergabe zur fachärztlichen Behandlung".
Andreas Gassen, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, betonte die Sinnhaftigkeit des Modells vor allem für Patienten ab etwa 50 Jahren. "Viele in dieser Altersgruppe befinden sich bereits wegen verschiedener Zipperlein in ärztlicher Behandlung", erklärte Gassen gegenüber der "Bild". Gerade für multimorbide Patienten könne das System von Vorteil sein, da es eine koordinierende Hand erfordert.
Unterstützung für die Maßnahme kommt auch von Nicola Buhlinger-Göpfarth, der Vorsitzenden des Hausärzteverbandes. Sie verspricht, dass Hausarztpraxen bereit sind, die Herausforderungen zu bewältigen, die mit der zusätzlichen Arbeitsbelastung durch das Modell einhergehen könnten. Auch der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen lobt das Steuerungskonzept, fordert jedoch Verbesserungen im Ablauf. Er mahnt, dass das System nur dann effektiv sein könne, wenn Hausärzte nicht zu "Facharzttürstehern" degradiert werden.
Dahmen plädiert für mehr Zeit durch Vorhaltepauschalen und eine stärkere Unterstützung durch nichtärztliches Personal. In ländlichen Regionen sei außerdem mit einer Unterversorgung zu rechnen, warnt er. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz verweist darauf, dass eine realistische Implementierung ohne tragfähige Lösungen die Gefahr birgt, das Gesundheitssystem zu überlasten. Insbesondere die Regierung müsse Maßnahmen ergreifen, um die flächendeckende Versorgung herausfordernder Regionen zu sichern und die Ärzteverteilung zu optimieren.

