Gefährliche Bahnhöfe: Deutschlands Sicherheitsbehörden am Limit
Leipzig schlägt Berlin und Dortmund als gefährlichster Bahnhof des Landes
Wer am Hauptbahnhof Leipzig aus dem Zug steigt, betritt statistisch gesehen den gefährlichsten Bahnhof Deutschlands. 859 Gewaltdelikte registrierte die Bundespolizei dort im vergangenen Jahr – mehr als an jedem anderen Bahnhof der Republik. Dahinter folgen Dortmund mit 735 Fällen und Berlin mit 654 Taten. Im Vorjahr hatte noch Dortmund mit 764 Gewaltdelikten die traurige Spitzenposition belegt, München kam damals auf 735 Fälle.
Diese Zahlen entstammen einer Auswertung der Bundespolizeistatistik durch WELT AM SONNTAG – und sie zeichnen ein Bild, das weit über Einzelvorfälle hinausgeht.
Deutschlandweit wurden im Bahnbereich zuletzt mehr als 27.800 Gewaltdelikte erfasst. Allein 2025 kamen über 980 Messerdelikte und mehr als 2.200 Sexualstraftaten hinzu. 5.660 Gewalttaten richteten sich direkt gegen Beamte der Bundespolizei.
Nichtdeutsche Tatverdächtige sind überproportional häufig in den Statistiken vertreten
Die Bundespolizei hat in ihrer Auswertung auch die Herkunft der Tatverdächtigen analysiert – und die Zahlen sind politisch brisant. Nichtdeutsche Tatverdächtige wurden bei Gewaltdelikten fünfmal häufiger festgestellt als deutsche Tatverdächtige, gemessen an ihrem jeweiligen Bevölkerungsanteil. Bei Messerdelikten lag das Verhältnis bei sechsmal häufiger, bei Sexualdelikten sogar bei achtmal häufiger.
Diese Zahlen sind Wasser auf die Mühlen einer aufgeheizten Migrationsdebatte. Gleichzeitig warnen Kriminologen davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Dirk Baier, einer der renommiertesten deutschen Kriminologen, bezeichnet Bahnhöfe grundsätzlich als „Hotspots der Kriminalität" – schlicht weil dort auf engem Raum überdurchschnittlich viele Menschen zusammenkommen, unter ihnen überproportional viele sozial Marginalisierte.
Baier warnt ausdrücklich vor Dramatisierung: „Aus meiner Sicht gibt es keinen Großbahnhof in Deutschland, der eine No-go-Area wäre." Die hohe Polizeipräsenz und die intensive Berichterstattung sorgten dafür, dass Kriminalität an Bahnhöfen sichtbarer werde als anderswo – nicht zwingend häufiger.
Die Koalition plant technische Aufrüstung, doch über den Ansatz wird gestritten
Dieses Wochenende reagiert die Bundespolizei mit einer sichtbaren Maßnahme: An mehr als zehn Großstadtbahnhöfen wurde die Präsenz kurzfristig verstärkt. Ob das strukturell etwas ändert, ist fraglich.
In der Koalition aus SPD und Union laufen unterdessen Gespräche über eine Reform des Bundespolizeigesetzes. Sebastian Fiedler, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, nennt die Entwicklung „besorgniserregend" und formuliert es klar: „Sichere Bahnhöfe sind eine Grundvoraussetzung für Vertrauen in den Staat." Konkret berate die Koalition über eine höhere Präsenz von Polizei und Sicherheitspersonal sowie eine Modernisierung der Kameratechnik – denkbar sei auch Software, die anonymisiert „atypische Bewegungsmuster" erkenne.
Günter Krings, Vizevorsitzender der Unionsfraktion, unterstützt den technologischen Ansatz. „Viele Reisende und Bahnmitarbeiter fühlen sich an diesen Orten unsicher, das ist nicht hinnehmbar", sagte er. Automatische Kamerasysteme könnten „die öffentliche Sicherheit massiv verbessern" und gleichzeitig die Beamten entlasten.
Die Opposition zieht in gegensätzliche Richtungen
Der gesellschaftliche Konsens, dass etwas getan werden muss, endet spätestens bei der Frage des Wie. Und die Antworten der Opposition könnten unterschiedlicher kaum sein.
Martin Hess von der AfD spricht von einer „dramatischen" Entwicklung und macht die Migrationspolitik seit 2015 direkt verantwortlich. Deutsche Bahnhöfe seien „zu Kriminalitätsschwerpunkten und Angsträumen verkommen". Er fordert härtere Strafen, konsequentere Abschiebungen und mehr Polizeipräsenz – eine Forderung, die zumindest im letzten Punkt parteiübergreifend geteilt wird.
Die Grünen hingegen richten ihre Kritik an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Ihr Innenpolitiker Marcel Emmerich wirft der Regierung vor, Bundespolizisten für „teure, nutzlose und rechtswidrige Grenzkontrollen" zu binden, anstatt die Sicherheit an Bahnhöfen zu stärken. Kameratechnik könne sinnvoll sein, „ersetzt aber keine Polizisten vor Ort", so Emmerich.
Clara Bünger von der Linken warnt wiederum vor einer Debatte, die einseitig auf Überwachung und Repression setze. Ein Teil des statistischen Anstiegs erkläre sich durch verschärfte Waffenverbote und häufigere verdachtsunabhängige Kontrollen – die Dunkelziffer sinke, die Sichtbarkeit steige. Zudem seien Bahnhöfe traditionell Orte, an denen Obdachlose, Suchtkranke und Menschen in persönlichen Krisen Zuflucht suchten. „Um die Sicherheit aller Menschen nachhaltig zu verbessern, müssen die Ursachen von Kriminalität angegangen werden", fordert Bünger.
Videoüberwachung allein löst das Strukturproblem nicht
Hinter der gesamten Debatte steckt ein grundlegendes Dilemma, das keine Partei wirklich auflöst: Bahnhöfe sind per Definition öffentliche Räume mit niedrigschwelligem Zugang. Sie ziehen Reisende, Pendler, Obdachlose und Kriminelle gleichzeitig an. Mehr Kameras können Abschreckung erzeugen und die Strafverfolgung erleichtern – aber sie verändern weder die sozialen Bedingungen, die Kriminalität begünstigen, noch ersetzen sie den menschlichen Faktor einer Streife, die eingreift, deeskaliert und Präsenz zeigt.
Was bleibt, ist ein politisches Ping-Pong auf Kosten der Pendler, die täglich durch Leipzig, Dortmund und Berlin hetzen – und dabei hoffen, dass die Statistik sie nicht einholt.


