Europas Traum von der souveränen Cloud – Unabhängigkeit mit amerikanischer Technik?
Digitale Souveränität als politisches Ziel
Cloud-Computing ist zur kritischen Infrastruktur geworden. Unternehmen, Verwaltungen und Forschungseinrichtungen speichern ihre sensibelsten Daten auf Servern, die größtenteils von US-Konzernen wie Amazon, Microsoft oder Google betrieben werden. Spätestens seit der erneuten Präsidentschaft Donald Trumps wächst in Europa die Sorge, dass diese Abhängigkeit in geopolitischen Konflikten zum Risiko werden könnte.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Begriff der „digitalen Souveränität“ an Bedeutung. Europa will die Kontrolle über seine Daten zurückgewinnen – technisch, rechtlich und politisch. Ein Symbol dieses Anspruchs ist die geplante „European Sovereign Cloud“, deren erste Rechenzentren in Brandenburg entstehen sollen.
Das Projekt: Eine Cloud „von Europäern für Europäer“
Die neue Cloud-Infrastruktur soll ausschließlich in Europa betrieben werden. Server, Personal, Betrieb und Aufsicht sollen vollständig unter europäischer Kontrolle stehen. Ein Zugriff aus den USA – etwa auf Basis amerikanischer Sicherheitsgesetze – soll ausgeschlossen sein. Auch ein politisch motiviertes Abschalten der Systeme von außen gilt als ausgeschlossen.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger bezeichnete das Vorhaben als „Rückgrat der modernen Wirtschaft“. In politisch unsicheren Zeiten sei es essenziell, dass Europa über eine eigene, verlässliche digitale Basis verfüge. Zwei große Rechenzentren in Brandenburg sind der Auftakt eines Netzes, das langfristig eine Alternative zu den globalen Hyperscalern schaffen soll.
Der Widerspruch: Betreiber ist ausgerechnet AWS
Für Diskussionen sorgt jedoch der Betreiber: Die „European Sovereign Cloud“ wird von Amazon Web Services (AWS) aufgebaut – einer Tochter des US-Konzerns Amazon. Kritiker fragen, wie eine Cloud wirklich souverän sein kann, wenn die technische Plattform von einem amerikanischen Anbieter stammt, der grundsätzlich dem US-Recht unterliegt.
AWS kontert: Die europäische Cloud sei organisatorisch, rechtlich und technisch vollständig von der US-Mutter getrennt. Die Rechenzentren stünden in Europa, würden von europäischen Teams betrieben, unterlägen ausschließlich europäischem Recht und würden von europäischen Aufsichtsbehörden kontrolliert. Kritische Abhängigkeiten von Personal oder Infrastruktur außerhalb der EU gebe es nicht, betont Mustafa Isik, verantwortlich für „Digitale Souveränität“ bei AWS.
Experten: Volle Unabhängigkeit bleibt eine Illusion
Viele Fachleute halten den Ansatz für sinnvoll, warnen jedoch vor überzogenen Erwartungen. Dennis-Kenji Kipker vom Cyber Intelligence Institute sagt: „Eine hundertprozentige digitale Souveränität wird Europa auf absehbare Zeit nicht erreichen.“ Der technologische Vorsprung und die Marktmacht der US-Techgiganten seien das Ergebnis von zwei Jahrzehnten Entwicklung, die Europa verschlafen habe.
Der Branchenverband Bitkom sieht die neue Cloud dennoch als wichtigen Zwischenschritt. Sie biete kein vollständiges Loslösen von den USA, aber ein „Mehr an Sicherheit, Datenschutz und Kontrolle“. In einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen sei das bereits ein substanzieller Fortschritt.
Ein pragmatischer Schritt in einer abhängigen Welt
Die „European Sovereign Cloud“ zeigt den europäischen Balanceakt: Der Wille zur Unabhängigkeit ist da, die technologische Realität zwingt jedoch zu Kooperationen mit genau jenen Anbietern, von denen man sich eigentlich lösen möchte. Vollständige Autarkie ist kurzfristig unrealistisch – doch der Aufbau eigener, rechtlich abgeschotteter Infrastrukturen könnte zumindest die politische Erpressbarkeit reduzieren.
Mit Investitionen von rund 7,8 Milliarden Euro in den kommenden Jahren setzt AWS auf Brandenburg als europäischen Cloud-Standort. Für Europa ist das Projekt zugleich Hoffnungsträger und Kompromiss: ein Schritt in Richtung digitaler Souveränität – allerdings mit amerikanischer DNA im Maschinenraum.


