Energiewende mit DDR-Technik: Wie Eisen den Wasserstoff-Transport revolutionieren könnte
Das Grundproblem: Wasserstoff ist sperrig
Wasserstoff besitzt eine sehr geringe Dichte. Um relevante Energiemengen zu transportieren, muss er:
- auf 300 bis 700 Bar komprimiert werden
- oder bei minus 253 Grad verflüssigt werden
Beides kostet viel Energie. Allein die Verflüssigung verschlingt rund 12 kWh Strom pro Kilogramm – bei einem Energiegehalt von 33 kWh pro Kilogramm. Mehr als ein Drittel der transportierten Energie geht also für die Transportfähigkeit verloren.
Pipelines sind effizienter, müssen aber erst gebaut werden – und reichen nicht bis in potenzielle Erzeugerländer wie Chile oder Namibia.
Der „Schatz von Freiberg“
Die Lösungsidee entstand an der Bergakademie Freiberg. Die Gründer des Dresdner Unternehmens Ambartec stießen auf Dokumente aus den 1970er-Jahren. Damals nutzten DDR-Ingenieure ein chemisches Verfahren, um minderwertiges Erdgas aufzubereiten.
Das Prinzip: Eisenoxid (Rost) wird mit Wasserstoff reduziert. Dabei entsteht reines Eisen und Wasserdampf. Dieser Wasserdampf kann wieder in den Elektrolyseprozess zurückgeführt werden – was den Wirkungsgrad deutlich erhöht.
Am Zielort geschieht das Umgekehrte:
Das reduzierte Eisen reagiert mit Wasserdampf, oxidiert erneut – und setzt dabei Wasserstoff frei.
Der Clou:
Es wird kein Wasserstoff transportiert, sondern chemisch gespeicherte Energie in Eisen.
Container statt Kryotanker
Die Eisennuggets werden in handelsüblichen 20-Fuß-Containern transportiert:
- Normaldruck
- Umgebungstemperatur
- Keine Hochdrucktanks
- Keine Kryotechnik
Ein Container speichert rund 20 MWh Energie – etwa 600 Kilogramm Wasserstoff-Äquivalent. Das entspricht dem Hundertfachen eines Pkw-Tanks.
Der Wirkungsgrad des Gesamtprozesses liegt laut Ambartec bei knapp 80 Prozent – vergleichbar mit Batteriespeichern.
Internationale Konkurrenz
Ähnliche Ansätze verfolgen:
- ETH Zürich mit saisonalen Eisenoxid-Speichern
- Helmholtz-Zentrum Hereon mit Metallhydrid-Technologien
Alle arbeiten an Festkörperspeichern, um die Nachteile von Hochdruck- oder Flüssigwasserstoff zu umgehen.
Vorteil für Regionen ohne Pipeline
Das geplante deutsche Wasserstoffkernnetz (ca. 9000 km) wird vor allem große Industriezentren anbinden. Regionen wie Oberfranken oder ländliche Standorte dürften lange außen vor bleiben.
Containerlösungen könnten hier eine Brücke schlagen – besonders für:
- Mittelständische Industrie
- Keramik- oder Glashersteller
- kleinere Energieversorger
Die bestehende Containerlogistik macht den Ansatz global skalierbar.
Wirtschaftliche Realität: Grüner Wasserstoff bleibt teuer
Ambartec kalkuliert mit 4 bis 8 Euro pro Kilogramm grünem Wasserstoff frei Haus geliefert. Das liegt im Bereich aktueller Pipeline-Prognosen in Deutschland.
Doch das Grundproblem bleibt:
Bei 6 Euro pro Kilogramm kostet die Megawattstunde Energie rund 180 Euro – mehr als doppelt so viel wie fossiles Erdgas.
In der Mobilität verliert Wasserstoff weiter an Boden gegenüber Batterietechnologien. In der Industrie könnte er jedoch unverzichtbar bleiben – insbesondere bei Hochtemperaturprozessen.
Fazit: Alte Technik, neue Chance
Das Verfahren aus den DDR-Archiven zeigt, dass technologische Innovation nicht immer in neuen Materialien oder komplexen Systemen liegt. Manchmal genügt eine clevere Reaktivierung bewährter Chemie.
Ob sich das Eisennugget-Prinzip durchsetzt, hängt weniger von der Technik ab – sie funktioniert im Pilotmaßstab – als von Skalierung, Investitionsbereitschaft und dem politischen Rahmen.
Fest steht:
Ohne eine wirtschaftliche Transportlösung wird die globale Wasserstoffstrategie ins Stocken geraten.
Vielleicht kommt die Antwort tatsächlich aus vergilbten Matrizen von 1975.


