Energienotstand in der Ukraine: Selenskyj greift durch – und attackiert Kiews Bürgermeister Klitschko
Russische Angriffe legen Kiew lahm
Die Versorgungsnetze der Hauptstadt wurden bei einem Luftangriff am vergangenen Freitag schwer beschädigt. In weiten Teilen der Drei-Millionen-Stadt fielen Heizung, Strom und Wasser aus. Bei Temperaturen von bis zu minus 18 Grad in der Nacht kühlen ungeheizte Wohnungen rasch aus, ganze Wohnviertel gelten zeitweise als unbewohnbar. Auch andere Großstädte wie Charkiw, Odessa, Dnipro und Krywyj Rih sind von Blackouts betroffen. Nach ukrainischer Einschätzung zielt Moskau bewusst darauf ab, die Städte im Winter durch Angriffe auf die Energieinfrastruktur unbewohnbar zu machen.
Selenskyj ruft nationalen Energienotstand aus
Nach einer Krisensitzung kündigte Selenskyj die Einrichtung eines landesweiten Koordinationsstabs an. Die gesamte Regierung solle zusätzliche Technik, Generatoren und Hilfsgüter mobilisieren. Priorität habe die Stabilisierung der Versorgung in Kiew. Zudem sollen weitere sogenannte „Punkte der Unbeugsamkeit“ eingerichtet werden – beheizte Anlaufstellen, an denen Bürger sich aufwärmen, ihre Geräte laden und heiße Getränke erhalten können. Allein in der Hauptstadt existieren bereits rund 1.200 solcher Notzentren. Auch eine Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre wird geprüft, damit die Bevölkerung diese jederzeit erreichen kann.
Scharfe Kritik an Bürgermeister Klitschko
In seiner Videoansprache griff Selenskyj die Kiewer Stadtverwaltung ungewöhnlich offen an. Während andere Städte – insbesondere Charkiw – sich besser vorbereitet hätten, habe Kiew „deutlich weniger getan“. Die Reparaturarbeiten kämen nicht schnell genug voran, sagte der Präsident. Ähnlich äußerte sich Energieminister Denys Schmyhal, der im Parlament erklärte, die Hauptstadt habe sich „überhaupt nicht vorbereitet“ und müsse nun mit Notmaßnahmen reagieren.
Alte politische Fehde bricht wieder auf
Mit der direkten Einmischung der Regierung in die Krisenbewältigung Kiews lebt der seit Jahren schwelende Machtkampf zwischen Selenskyj und Klitschko wieder auf. Beide waren 2019 Rivalen im Präsidentschaftswahlkampf. Trotz des innenpolitischen Burgfriedens während des Krieges kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Präsidialamt und Stadtverwaltung.
Klitschko wies die Vorwürfe scharf zurück und sprach von „ununterbrochenem Hass“. Er räumte zugleich ein, dass Kiew sich in der schwierigsten Lage seit Kriegsbeginn befinde. Zeitweise seien rund 6.000 Wohnblocks – etwa die Hälfte der Stadt – ohne Heizung gewesen, aktuell noch etwa 400. Strom gebe es für viele Haushalte nur wenige Stunden am Tag. Die kommunalen Dienste arbeiteten rund um die Uhr an Reparaturen.
Humanitäre Lage und internationale Reaktionen
Der Europarat verurteilte die russischen Angriffe auf die zivile Energieinfrastruktur scharf. Menschenrechtskommissar Michael O’Flaherty sprach von alarmierendem menschlichem Leid und gravierenden humanitären Folgen. In Kiew und anderen Städten kämpfen die Menschen bei eisigen Temperaturen ums Nötigste – Wärme, Licht und Wasser.
Blick auf die Front und die Diplomatie
Parallel zur Energiekrise laufen Gespräche über mögliche Sicherheitsgarantien und wirtschaftliche Perspektiven für die Ukraine. Selenskyj erklärte, Chefunterhändler Rustem Umjerow habe ihn über den Stand der Verhandlungen mit den USA und europäischen Partnern informiert. Man arbeite „maximal produktiv“ an entsprechenden Dokumenten und erwarte nun auch von Washington entschlossenes Handeln.
Während an den Fronten der Krieg unvermindert weitergeht, wird der Winter zunehmend zu einer zweiten Waffe – und die Energieversorgung zum zentralen Schlachtfeld, innenpolitisch wie militärisch.


