Geschichte

Ende und Anfang: Der 8. Mai und die Deutschen

07. Mai 2025, 08:05 Uhr · Quelle: dpa
Der von Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg endete 1945 mit der Kapitulation in einer Villa in Berlin-Karlshorst. Morden und Diktatur waren vorbei. Warum tun sich bis heute so viele schwer damit?

Berlin (dpa) - Zur Kapitulation schreitet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in makelloser Uniform mit Marschallsstab über das prächtige Parkett in den Saal. Die Generäle der Alliierten warten. Zu reden gibt es nichts. Man verliest dem Oberkommandierenden der Wehrmacht die Urkunde. Keitel zieht den Lederhandschuh von der rechten Hand, setzt seine Unterschrift. Die Oberkommandierenden von Marine und Luftwaffe signieren ebenfalls. Dann werden alle deutschen Offiziere herausgeführt. Die Sieger feiern mit Krimsekt und Wodka bis in die Morgenstunden. Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg in Europa ist offiziell vorbei.

Mit diesen Unterschriften in der Pionierschule Berlin-Karlshorst enden nicht nur sechs Jahre deutschen Angriffskriegs mit Abermillionen Toten. Es enden zwölf Jahre Nazi-Diktatur mit ihrem mörderischen Rassenwahn, der allein sechs Millionen Juden und 500.000 Sinti und Roma den Tod brachte. Vorbei Spitzelei und Unterdrückung, der ideologische Terror gegen jede Art von Kritik oder Anderssein. Überstanden auch der Gegenangriff der Alliierten - Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich. Sie haben die Nazis gemeinsam in die Knie gezwungen. Endlich die Befreiung und die Chance zum Neuanfang. Oder?

Nicht einmal jeder Zweite sieht eine «Befreiung»

80 Jahre später ist die Antwort für viele in Deutschland noch immer nicht eindeutig. Das Forschungsinstitute Yougov und Sinus haben gerade noch einmal nachgefragt. 45 Prozent der rund 2.200 Befragten, also nicht einmal jeder und jede Zweite, empfinden den 8. Mai 1945 als Befreiung. 15 Prozent sehen ihn eher als Niederlage. Für 27 Prozent steht das Datum für beides - Befreiung und Niederlage. Die übrigen 13 Prozent machen keine Angaben.

In den Wirren der letzten Kriegstage ist dieser Zwiespalt noch viel größer. Wirklich als Befreiung hätten nur wenige das Kriegsende erlebt, erklärt Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dazu zählen die KZ-Überlebenden, die Millionen nach Deutschland verschleppten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die überzeugten NS-Gegner. «Für die meisten Deutschen bedeutete der 8. Mai Zusammenbruch, Niederlage und eine ungewisse Zukunft», schreibt Kaminsky zum 80. Jahrestag des Kriegsendes.

«Diese schrecklichen, schrecklichen Dinge»

«Jetzt muss ich mich schämen, dass ich eine Deutsche bin», erinnert sich auf dem «Zeitzeugenportal» Anne Louise Reichhardt, die zu Kriegsende in Berlin von den Verbrechen in den Konzentrationslagern erfuhr. «Neben dem Schrecklichen, was der Krieg gebracht hat, war dieser furchtbare, verzweiflungsvolle Gedanke, dass wir Deutschen diese schrecklichen, schrecklichen Dinge verschuldet und verursacht und veranlasst haben. Das hat mich aufs Tiefste niedergedrückt.»

Hinzu kommt Not, Zerstörung und die Angst vor der Rache der Sieger. Allein auf Berlin haben alliierte Bomber bei mehr als 360 Angriffen 100.000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen. Von ursprünglich 1,5 Millionen Berliner Wohnungen sind 1945 rund 600.000 zerstört oder massiv beschädigt. In das zertrümmerte Land kommen durch Flucht und Vertreibung bis zu 14 Millionen Menschen.

«Der alltägliche Überlebenskampf, die Sorge um Angehörige, um Obdach und Nahrung, ließen kaum Zeit zur Reflexion über die Ursachen des verlorenen Krieges, über dessen Beginn, über die anhaltende Zustimmung, die Hitlers Diktatur bis zuletzt bestätigte», sagt der Berliner Historiker Wolfgang Benz in einem Vortrag vor wenigen Tagen. 

«Ab da leben»

Einfach abhaken: Die Westdeutschen kümmern sich um ihr Wirtschaftswunder, den Ostdeutschen wird versichert, sie seien ja sowieso antifaschistisch. «Ich wollte überhaupt nichts mehr damit zu tun haben», sagt die Bremerin Anneliese Leinemann dem «Zeitzeugenportal». «Als der Krieg zu Ende war, war ich 22 und hatte eigentlich nur Schreckliches erlebt. Und ich wollte ab da leben.»

Seit acht Jahrzehnten geht es so im Zickzack zwischen Erinnerung und Mahnung, Vergessen und Verdrängen. Schon 1949 sagt Theodor Heuss, kurz vor seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten, der 8. Mai stehe für eine «Paradoxie»: «Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.» Aber erst 1985 dringt Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch mit der Botschaft: «Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung».

Überzeugt sind trotzdem nicht alle. Mitte der 1980er Jahre rankt sich der «Historikerstreit» um die Einmaligkeit der NS-Verbrechen. Dem damaligen CSU-Chef Franz-Josef Strauß wird 1987 das Zitat zugeschrieben: «Wir sind eine normale, tüchtige, leistungsfähige Nation, die das Unglück hatte, zweimal schlechte Politik an der Spitze ihres Landes zu haben.» Und der Ausspruch: «Wir wollen nicht dauernd unter dem Schatten Hitlers und seiner Verbrechen leben.» 1995 empört man sich über die Darstellung von Verbrechen in der «Wehrmachtsausstellung». 

2017 fordert der AfD-Politiker Björn Höcke eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad». 2018 sagt sein Parteikollege Alexander Gauland: «Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte.» Die «Schlussstrich»-Debatte wiederholt sich in immer neuen Variationen. Im Oktober 2024 unterstützen in der Studie «Gedenkanstoß Memo» erstmals mehr Menschen den «Schlussstrich», als ihn ablehnen: Das Ergebnis lautet 38,1 Prozent zu 37,2 Prozent.

Gewissheiten «stärker in Gefahr denn je»

Der Historiker Benz, Jahrgang 1941, malt deshalb ein düsteres Szenario: Die Gewissheit, dass Niederlage und Scheitern des NS-Regimes den Weg zur Demokratie freimachten, sei heute «stärker in Gefahr denn je», sagt Benz. «Unvorstellbar zur Zeit der Weizsäcker-Rede, dass eine rechtsradikale Partei im Bundestag 20 Prozent der Mandate innehat und sie nutzt, historische Tatsachen zu leugnen, überholte Vorstellungen von völkischem Nationalismus zu propagieren, Ausgrenzung und Hass gegen andere, gegen stigmatisierte Fremde zu predigen.» Angefeuert von «rechten Demagogen» stellten viele die Demokratie infrage, warnt Benz, früher Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

Sein Fachkollege Christoph Meißner vom Museum Berlin-Karlshorst, dem historischen Ort der Kapitulation der Wehrmacht 1945, sieht im 80. Jahrestag hingegen die Chance, Fragen zu stellen. «Das große Manko ist tatsächlich, dass es darüber nie eine intensive gesamtgesellschaftliche Debatte gegeben hat», sagt Meißner. Weizsäcker und andere hätten das Wort der Befreiung eingeführt. Aber wer hat sich befreit gefühlt? Befreit von was? Befreit durch wen? «Was wollen wir für eine Geschichte dieses 8. Mai erzählen?», fragt der Historiker.

Dasselbe gilt aus Meißners Sicht für die Formel «Nie wieder», die für jeden etwas anderes bedeute. «Nie wieder Holocaust? Nie wieder Krieg? Nie wieder Faschismus, nie wieder Nationalsozialismus, nie wieder Diktatur?» Jeder fülle den Appell, wie es gerade passe - mit Blick auf Antisemitismus, auf Militarismus, auf Waffenlieferungen an die Ukraine und den russischen Angriffskrieg. Die Debatte müsse zu Ende geführt werden, meint Meißner. Auch wenn es 80 Jahre gedauert hat, dann besser jetzt als nie.

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