Eine Krise als Chance
Ein vielfältiges Programm bot die Europawoche am TUM Campus Heilbronn. Am Ende waren sich alle Beteiligten einig: Gerade in der schwierigen derzeitigen Situation lohnt sich das Engagement für europäische Werte.
Heilbronn, 11.06.2025 (PresseBox) - „Europa in der Zeitenwende“ lautete das Motto der diesjährigen Europawoche amTUM CampusHeilbronn. Bereits bei der Auftaktveranstaltung im historischen Ratssaal des Heilbronner Rathauseserfüllten mahnende, aber auch hoffnungsvolle Worte den Raum. Die Zukunft der europäischen Ideekann sich nur in einem demokratischen, freiheitlichen Rahmen entfalten. Dr. Rangel Trifonov,Projektmanager bei derTUM Campus Heilbronn gGmbHund Organisator der Europawoche, führtedurch einen erkenntnisreichen Abend mit zwei Impulsvorträgen.
Oberbürgermeister Harry Mergel gab mit seiner Begrüßungsrede die Richtung vor: „Die Energie folgtdem Fokus, und wir können ein gutes Signal aussenden.“ Heilbronn sei als Universitätsstadtzukunftsfest. Diesen Titel trägt die Stadt, seit sich dieTUMin der Käthchenstadt angesiedelt hat. FürAli Sunyaev, Professor und Vizepräsident des TUM Campus Heilbronn, ist dies eine Erfolgsgeschichtemit klarem Auftrag: „Wer heute nicht an morgen denkt, ist morgen von gestern.“ Wie das gelingenkann, zeigten die beiden Impulsgeber, Prof. Frank Baasner, ehemaliger Direktor desDeutsch-Französischen Instituts (dfi), und Matthias Schäfer von derKonrad-Adenauer-Stiftung.
Mehr Verbindendes als Trennendes
„Wir haben verstanden“, sagte Baasner. Verstanden, dass Europa eine eigene Verteidigungsstrategieund neue Technologien vorantreiben muss. Gerade in Zeiten, in denen die Stabilität Europas durchamerikanischen Druck, einen Krieg vor den Grenzen Polens und nicht zuletzt durch den Klimawandelbedroht ist, sei es wichtig, sich an die gemeinsamen Werte Freiheit und Frieden zu erinnern. „Wirstehen in der Mitte des Flusses, und der Pegel steigt“, so Baasner. Dennoch hätten die Länder in derEU mehr Verbindendes als Trennendes. Neben dem Sozial- und Bildungssystem seien dies dieUrbanisierung und historisch betrachtet die Errichtung von Städten.
Mit Matthias Schäfer unternahmen die Gäste einen Exkurs nach Algerien. Kein Wunder, schließlichleitet Schäfer dort das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung. Für ihn ist es wichtig, Europa inder Region Nordafrika wieder sichtbarer zu machen. Schließlich ist der algerische Einfluss gerade inunserem Nachbarland Frankreich enorm: 40 Prozent der nächstwahlberechtigten Generation habenWurzeln in dem Maghreb-Staat. In der abschließenden Diskussion standen Themen wie einemögliche EU-Mitgliedschaft der Ukraine, aber auch die Frage, wie wir die Demokratie sichernkönnen, im Mittelpunkt. Für Baasner geht das nur über echtes Erleben: „Jede Schülerin und jederSchüler in Europa sollte an einem Schüleraustausch teilnehmen und die Vorzüge unserer Einheit liveerfahren.“
Lebendige Diskussion mit KI-Experten im Herzen Europas
Damit die Studierenden im Rahmen der Europawoche den Kontinent auch praktisch erleben, standam zweiten Tag eine Exkursion auf dem Programm. Diese wurde von Dr. Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des dfi, begleitet. Und wo kann man den Geist von Europa besserverspüren als in Straßburg, jener Stadt im Herzen des Kontinents, die einige der wichtigsteneuropäischen Institutionen beherbergt? Eine davon stand auf dem Besuchsprogramm: derEuroparat.Dort hatten die Studierenden Gelegenheit zu einem Austausch mit Andreas Siegel, ehemaligerdeutscher Top-Diplomat in der Organisation, sowie mit Vadim Pak, Mitglied desLenkungsausschusses für Künstliche Intelligenz. Pak hat amEU Artificial Intelligence Act, dem erstenumfassenden Regelwerk zu Künstlicher Intelligenz, mitgewirkt.
Siegel verriet, dass Höhepunkte seiner langjährigen Arbeit für den Europarat die Ausarbeitung einesmittelfristigen Plans für das Gremium sowie Verhandlungen mit Beitrittskandidaten waren. Pakberichtete, dass er die Hauptaufgabe des Lenkungsausschusses darin sehe, die Kluft zwischenPolitikern und Rechtsexpertinnen einerseits und KI-Ingenieurinnen und -Ingenieuren andererseits zuüberbrücken. In einer lebhaften Diskussion mit den Studierenden bezeichnete er die Cybercrime-Konvention des Europarats als enormen globalen Erfolg und verriet die besondere Herausforderungin der Schaffung eines Regelwerks für den Umgang mit KI: „Das Problem liegt in der Ex-ante-Regulierung: Man ist gezwungen, aktiv zu werden, bevor etwas passiert.“
Innovative Geschäftsmodelle
Ihre Kenntnisse praktisch anwenden konnten die Studierenden bei einem Workshop am drittenVeranstaltungstag. Unter dem Motto „Doing Business in Europe“ entwickelten sie Geschäftsmodellefür die transnationale Zusammenarbeit. Diese stellten sie den Workshop-Leitenden, Dr. Eileen Keller,wissenschaftliche Mitarbeiterin am dfi, und Frank Baasner vor. Unter den vielen originellen Ideen derStudierenden waren ein Konzept für das Recycling spezieller Produkte oder eine elektronischeAnwendung, die es ermöglichen soll, sich ohne Reisepass und Handy zu identifizieren.
Auch bei der Abschlussveranstaltung im Heilbronner Parkhotel standen zunächst die Studierenden imMittelpunkt: Sie berichteten dem Publikum, wie sie ihr Leben in Europa wahrnehmen, aber auch wassie bei der Europawoche erlebt haben. Deutlich wurde, dass besonders die Grenzfreiheit im Schengen-Raum, die Wertschätzung des Individuums und die Willkommenskultur von den Studierendenbesonders geschätzt werden. Etwas ganz Besonderes hatte sich Organisator Trifonov für dasabschließende Panel einfallen lassen: Auf dem Podium mit Matthias Schäfer, Florian Stupp, Studentam TUM Campus Heilbronn und Gründer des Start-upsPublic Makers, sowie ModeratorinCharleenFlorijnblieb ein Stuhl frei. Auf diesen konnten sich abwechselnd Leute aus dem Publikum setzen, umsich an der Diskussion zu beteiligen.
Tieferes Verständnis durch Austausch
„Viele Menschen im Publikum haben die Gelegenheit genutzt, an der Diskussion teilzunehmen undsich zu relevanten Fragen zu äußern“, berichtet Organisator Trifonov. „Dadurch wurde die Diskussionviel lebendiger und sprunghaft im positiven Sinn, weil viele Themen zur Sprache kamen, die wir nichteingeplant hatten.“ Einig waren sich die Diskussionsteilnehmenden, dass die schwierige derzeitigeSituation Europas dem einzelnen Individuum umso mehr Chancen gibt, die Stimme zu erheben undeinen wichtigen Beitrag zu leisten. Auf diese Weise würden Entscheidungen von einer viel größerenGruppe getroffen als in einer Diktatur und es könnten viel mehr neue Ideen entstehen.
Welches Fazit zieht Trifonov aus der Europawoche? „Für mich ist es besonders wertvoll zu sehen, wieStudierende – vor allem die internationalen – nach der Veranstaltung in der Lage sind, europäischePerspektiven zu verstehen und gesellschaftspolitische Prozesse differenzierter wahrzunehmen.“Gerade im Austausch über ihre eigenen vielfältigen kulturellen und individuellen Hintergründeentstehe ein tieferes Verständnis für Europa, seine Geschichte und seine politischen Strukturen.„Deshalb hoffe ich sehr, dass dieses Format fortgeführt wird – es leistet einen wichtigen Beitrag zurinternationalen Bildung.“

