Die Drittel-Lösung: Wie Volkswagen mit dem radikalen Elektro-Schwenk seine Zukunft verzockt
Die Glaspaläste in Wolfsburg zittern. Was jahrzehntelang als unumstößliches Gesetz der deutschen Ingenieurskunst galt, erweist sich in der harten Realität des globalen Wettbewerbs als milliardenschwerer Trugschluss. Volkswagen hat sich verrannt. Der Konzern, der einst die Mobilität der Massen definierte, droht heute an seinem eigenen Anspruch zu scheitern, den Takt der automobilen Transformation im Alleingang vorzugeben.
Der Kern des Problems lässt sich in einer schmerzhaften Zahl zusammenfassen: Ein Drittel. Das ist der Anteil der Kapazitäten, der in den deutschen Werken derzeit brachliegt oder durch künstliche Nachfrage am Leben erhalten werden muss. Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass die Auslastung der prestigeträchtigen ID-Produktionslinien weit hinter den ursprünglichen Businessplänen zurückbleibt.
Der Markt verweigert den Gehorsam gegenüber den Wolfsburger Plänen
Man hatte in der Führungsetage fest damit gerechnet, dass der Umstieg auf den batterieelektrischen Antrieb ein Selbstläufer wird, sobald die Marke mit dem VW-Logo das Feld betritt. Doch die Käufer spielen nicht mit. Hohe Listenpreise, eine lückenhafte Ladeinfrastruktur und das Wegfallen staatlicher Subventionen haben eine toxische Mischung brauen lassen, die dem Absatz der Elektromodelle die Luft abschnürt.
Dabei ist es nicht so, dass die Menschen keine Autos mehr kaufen wollen. Sie wollen nur nicht die Autos kaufen, die Volkswagen ihnen derzeit mit aller Gewalt aufzwingen möchte. Während die Verbrenner-Modelle wie der Tiguan oder der Dauerbrenner Golf weiterhin solide Gewinne einfahren, wirken sie im internen Machtgefüge fast wie ungeliebte Stiefkinder, die lediglich dazu dienen, die immensen Verluste der Elektro-Sparte querzusubventionieren.
Dieser strategische Tunnelblick rächt sich nun bitterlich. Volkswagen hat zu viel Kapital in eine einzige Technologie investiert, ohne einen belastbaren Plan B in der Schublade zu haben. Die Fixkosten fressen die schwindenden Margen auf, während die asiatische Konkurrenz mit deutlich schlankeren Strukturen und aggressiverer Preispolitik in die Marktlücken stößt, die Wolfsburg durch seine Arroganz offen gelassen hat.
Die Kostenstruktur wird zum Mühlstein um den Hals des Konzerns
Ein Blick in die Bilanzen offenbart das ganze Ausmaß des Dilemmas. Die Rendite der Kernmarke VW dümpelt in Bereichen herum, die für einen Volumenhersteller gefährlich niedrig sind. Jeder Versuch, die Preise zu senken, um den Absatz anzukurbeln, führt direkt in die Verlustzone. Gleichzeitig verhindern die mächtigen Gewerkschaften und die komplizierte Eigentümerstruktur mit dem Land Niedersachsen die dringend notwendigen harten Einschnitte.
Es ist eine Pattsituation, die den Konzern lähmt. Während BMW oder Mercedes-Benz deutlich flexibler auf die schwankende Nachfrage reagieren können, indem sie Verbrenner und Stromer oft auf denselben Linien produzieren, hat sich VW mit seiner MEB-Plattform in eine technologische Sackgasse manövriert. Diese Plattform ist zwar hochoptimiert für Elektroautos, lässt sich aber nicht für hocheffiziente Hybride nutzen, die derzeit weltweit ein Comeback feiern.
„Wir müssen uns ehrlich machen und anerkennen, dass die Transformation kein Sprint, sondern ein Marathon mit ungewissem Ziel ist“, so ein hochrangiger Manager hinter vorgehaltener Hand. Doch für Ehrlichkeit scheint in der aktuellen Krisenkommunikation wenig Platz zu sein. Man flüchtet sich lieber in Durchhalteparolen und hofft auf ein Wunder bei der Batterietechnologie oder eine plötzliche Sinneswandlung der Konsumenten.
Der technologische Vorsprung ist längst zu einer Legende geworden
Besonders schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass Volkswagen auch softwareseitig den Anschluss verloren hat. Die Probleme bei der Tochterfirma Cariad sind legendär und haben den Marktstart wichtiger Modelle um Jahre verzögert. Was früher die Spaltmaße waren, ist heute der Code – und hier liefert Wolfsburg derzeit bestenfalls Mittelmaß ab. Ein VW-Kunde von heute erwartet kein Auto, das nur fährt, er erwartet ein Smartphone auf Rädern.
In China, dem wichtigsten Einzelmarkt des Konzerns, ist die Lage bereits eskaliert. Dort wird Volkswagen von lokalen Herstellern wie BYD oder Xiaomi förmlich vorgeführt. Die chinesischen Kunden empfinden die deutschen Elektroautos als technisch veraltet und optisch langweilig. Wer dort einmal den Anschluss an die Digital-Native-Generation verliert, holt ihn so schnell nicht wieder auf.
Der resultierende Preisdruck in Fernost schwappt nun mit voller Wucht nach Europa. Wenn Volkswagen nicht schleunigst einen Weg findet, die Produktionskosten massiv zu senken, ohne die Qualität zu opfern, wird der Konzern Marktanteile in einer Größenordnung verlieren, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Es geht nicht mehr um den Sieg im Elektro-Rennen, es geht um das nackte Überleben als globaler Player.
Ein radikaler Kurswechsel ist die letzte Chance vor dem Abgrund
Was Volkswagen jetzt braucht, ist eine Rückbesinnung auf seine alten Stärken bei gleichzeitiger radikaler Modernisierung der Entscheidungswege. Das bedeutet auch, heilige Kühe zu schlachten. Die einseitige Fixierung auf die reine Elektromobilität muss fallen. Der Konzern muss wieder lernen, Autos zu bauen, die die Menschen begeistern und die sie sich vor allem leisten können.
Die kommenden zwei Jahre werden entscheiden, ob das Unternehmen als bedeutender Automobilhersteller überlebt oder zu einem reinen Zulieferer für Mobilitätsdienstleistungen degradiert wird. Der Druck von den Kapitalmärkten wächst täglich, und die Geduld der Aktionäre ist am Ende. Wenn der Vorstand jetzt nicht liefert, wird der Markt das Urteil über Volkswagen fällen – und das wird gnadenlos ausfallen.
Am Ende bleibt die bittere Pointe: Ausgerechnet der Pionier des deutschen Wirtschaftswunders könnte zum Mahnmal für eine gescheiterte Industriepolitik werden, die den Kontakt zur Realität der Menschen verloren hat.


