Der Balanceakt zwischen Sozialstaat und Leistungsanspruch: Eine Analyse der IAB-Erhebung
Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beleuchtet die ambivalente Haltung der Deutschen gegenüber dem Sozialstaat. Die Mehrheit der Befragten unterstützt das Fundament sozialstaatlicher Leistungen, fordert jedoch zugleich eine stärkere Berücksichtigung des Leistungsprinzips. Nahezu 75 Prozent der Teilnehmer äußerten den Wunsch, dass mehr Leistung auch mit mehr Belohnung einhergehen sollte. Etwa 70 Prozent der Befragten erkennen den Nutzen des Sozialstaats an, dennoch empfinden 64 Prozent die damit verbundenen Kosten als gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastung. Rund 40 Prozent stehen dem Sozialstaat ambivalent gegenüber und beschreiben ihn als notwendig, aber kostspielig. "Der Sozialstaat ist für viele wie ein herausforderndes Sportprogramm: unverzichtbar, um die Gesellschaft gesund zu halten", erklärt Moritz Kuhn von der Universität Mannheim, der als Mitautor an der Studie beteiligt war.
Besonders deutlich äußert sich der Wunsch nach Leistungsgerechtigkeit bei denjenigen mit niedrigerem Einkommen. Die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Sozialleistungen Menschen „faul“ machen. Bei Geringverdienern steigt dieser Wert auf 64 Prozent, ebenso wie bei erwerbstätigen Empfängern staatlicher Unterstützung. "Insbesondere Geringverdiener erleben den Spannungsbogen zwischen Arbeit und Absicherung intensiv", so der IAB-Forscher Jens Stegmaier. Das Bedürfnis, dass sich Arbeit lohnen müsse, wird auch von Empfängern von Bürgergeld und Arbeitslosengeld geteilt.
Reformen finden laut IAB-Forscher Jonas A. Weik vor allem dann Rückhalt, wenn sie die Sicherung des Sozialstaats mit der Belohnung von Leistung verbinden. Die Ergebnisse der Untersuchung basieren auf der Online-Befragung "Arbeiten und Leben in Deutschland" (IAB-OPAL) mit mehr als 5.000 Teilnehmern zwischen 18 und 65 Jahren.

