«Charlie-Hebdo»-Attentäter und mehrere Geiseln tot

09. Januar 2015, 21:14 Uhr · Quelle: dpa

Paris (dpa) - Mit einem Doppelschlag hat die französische Polizei den tagelangen Terror im Großraum Paris beendet und drei islamistische Attentäter getötet.

Die beiden Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34), die bei einem Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» zwölf Menschen kaltblütig getötet haben sollen, starben am Freitag in einem Ort nordöstlich der Hauptstadt im Kugelhagel der Polizei. Fast zeitgleich schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu.

Nach einer vorläufigen Bilanz kamen bei der Geiselnahme dort vier Geiseln ums Leben; vier Menschen sollen schwerverletzt sein. Unklar war zunächst, wo die Freundin des getöteten Geiselnehmers von Paris ist. Sie soll in die Schießerei mit einer Polizistin am Donnerstag in Paris verwickelt gewesen sein. Frankreichs Präsident François Hollande nannte die doppelte Geiselnahme eine «Tragödie für die Nation».

Zunächst stürmten Spezialeinheiten gegen 17.00 Uhr den Unterschlupf der mutmaßlichen Attentäter von «Charlie Hebdo» in Dammartin-en-Goële, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Paris. Die Terrorverdächtigen seien getötet worden, bestätigten die Behörden. Die beiden Brüder seien schießend aus der Druckerei gerannt, in der sie sich über sieben Stunden verschanzt hatten. Ihre Geisel sei frei und unverletzt. Zwei Polizisten sollen verletzt worden sein.

Nur wenig später griff die Polizei auch bei der zweiten Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelladen im Osten von Paris zu. Der Geiselnehmer Amedy Coulibaly (32) sei getötet worden. Der Mann, der am Donnerstag im Süden von Paris bereits eine Polizistin getötet haben soll, soll auch mehrere Geiseln erschossen haben. Die Agentur AFP berichtete, es habe an diesem Tatort einschließlich Coulibaly fünf Tote gegeben. Unklar blieb zunächst, ob auch ein möglicher Komplize oder eine vierte Geisel getötet wurde. Der Täter soll die Attentäter von «Charlie Hebdo» gut gekannt und wie sie einen islamistischen Hintergrund haben.

Augenzeugen berichteten, es habe bei der Erstürmung des Geschäfts laute Explosionen gegeben. Zahlreiche Geiseln rannten aus dem Laden und brachten sich in Sicherheit, als die Polizei das Geschäft stürmte. Auch hier soll ein Beamter verletzt worden sein.

Die drei Attentäter haben sich nach einem Bericht des französischen Fernsehsenders BFMTV bei ihren Taten eng abgestimmt. Der Sender strahlte Originaltöne von Telefongesprächen aus, die er vor den Zugriffen der Polizei mit den Terroristen geführt hatte. In einem Gespräch sagt Coulibaly, er habe sich mit den Brüdern Chérif und Said Kouachi abgesprochen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) drohte mit einer größeren Terrorkampagne und weiteren Angriffen in Europa und den USA. «Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen», sagte der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari nach Angaben von Anwesenden beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul. «Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein.»

In einer im Fernsehen live übertragenen Rede an die Nation sprach Hollande mit Blick auf die Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt von einem «antisemitischen Akt». Regierungschef Manuel Valls sagte, Hollande habe selbst über den Doppelschlag der Polizei gegen die Terroristen entschieden.

Die beiden mutmaßlichen «Charlie-Hebdo»-Attentäter hatten seit dem Morgen eine Geisel in ihrer Gewalt und sich mit Kalaschnikows bewaffnet verschanzt. Sondereinheiten der Polizei und Militärkräfte belagerten sieben Stunden die Druckerei in einem Industriegebiet des ländlichen Orts Dammartin-en-Goële. Der Flughafen Paris Charles-de-Gaulle, der nur wenige Kilometer von Dammartin-en-Goële entfernt ist, sperrte die beiden nördlichen Landebahnen.

Die Geiselnahme in dem jüdischen Geschäft legte weite Teile des Viertels Porte de Vincennes lahm. Schüler in dem Gebiet mussten in den Gebäuden bleiben. «Die ganze Schule ist in Panik», berichtete ein Schüler. Die Attacke auf den Laden hat auch die Ängste der jüdischen Gemeinde in der Stadt erheblich verstärkt. «Es war noch nie so in Frankreich. Wir fühlen uns wie im Krieg, alle haben große Angst», sagte der 54-jährige Maurice der Deutschen Presse-Agentur.

Die Brüder Kouachi sollen am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion des Satiremagazins im Herzen der französischen Hauptstadt gestürmt und mit Sturmgewehren um sich geschossen haben. Unter den zwölf Todesopfern waren acht Journalisten von «Charlie Hebdo» und ein weiterer Kollege, der unter anderem für den Radiosender France Inter arbeitete. «Charlie Hebdo» war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen angefeindet worden.

Einer der beiden Attentäter soll auch im vergangenen Jahr in Syrien gewesen sein. Zudem sollen sie Kontakt Al-Kaida im Jemen gehabt haben. Said Kouachi soll in einem Terrortrainingslager im Jemen gewesen sein.

Zu einem Solidaritätsmarsch für die Opfer des Anschlags auf «Charlie Hebdo» wollen am Sonntag zahlreiche europäische Regierungschefs in die französische Hauptstadt kommen. Neben EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini sagten auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Großbritanniens Premier David Cameron, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy, sein italienischer Kollege Matteo Renzi und Belgiens Premier Charles Michel ihre Teilnahme zu. «Es ist ein wichtiges Zeichen deutsch-französischer Freundschaft, dass wir in diesen Stunden zusammenstehen», sagte Merkel am Abend in Hamburg.

Terrorismus / Medien / Frankreich
09.01.2015 · 21:14 Uhr
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