BCG-Modelle für Umsiedlung von Gazanern nach Ostafrika sorgen für internationale Empörung
Im Rahmen eines von israelischen Geschäftsleuten beauftragten Projekts zur Nachkriegsplanung für den Gazastreifen erstellten Berater der Boston Consulting Group (BCG) ein umfassendes Modell, das die temporäre Umsiedlung von bis zu einer halben Million Palästinensern in Drittstaaten wie Somalia, Somaliland, Ägypten, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate vorsah. Die Pläne wurden ursprünglich als Teil einer breiter angelegten Initiative zur wirtschaftlichen Neuentwicklung Gazas erarbeitet, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten.
Zentrales Element der Kalkulation war ein Szenario, in dem 25 Prozent der rund 2,1 Millionen Gazaner das Gebiet „freiwillig und vorübergehend“ verlassen und nur ein kleiner Teil zurückkehrt. Für aufnehmende Länder wurden potenzielle ökonomische Vorteile von bis zu 4,7 Milliarden Dollar über vier Jahre berechnet – vor allem durch den Zuzug arbeitsfähiger Bevölkerung und staatlich garantierte Subventionen für Miete und Nahrungsmittel. Die Annahmen stützten sich teilweise auf Aussagen des früheren US-Präsidenten Donald Trump, der im Frühjahr offen über eine Umsiedlung der gesamten Bevölkerung gesprochen hatte.
Das Modell entstand im Zuge von BCGs Arbeit für die Gaza Humanitarian Foundation (GHF), einer von den USA und Israel unterstützten Hilfsorganisation, die als alternative Struktur zur UN-Hilfe in Gaza konzipiert war. BCG stellte diese Arbeit im Mai ein, nachdem internationale Kritik an der Legitimität des GHF-Projekts laut geworden war. Die Modellrechnungen flossen anschließend in eine Präsentation ein, die israelische Unternehmer für die US-Regierung und weitere Akteure im Nahen Osten aufbereiteten.
Die Auswahl der Zielländer beruhte laut Projektbeteiligten nicht auf konkreten diplomatischen Gesprächen, sondern auf ökonomischen Parametern. Dennoch gab es zeitgleich Berichte über erste US-Sondierungen mit Somaliland – inklusive eines möglichen US-Militärstützpunkts als Gegenleistung für politische Anerkennung. Auch Ägypten und Jordanien wurden von Trump persönlich angesprochen. Beide Staaten lehnten – ebenso wie die Vereinten Nationen – die Pläne vehement ab und warnten vor einem völkerrechtswidrigen Präzedenzfall.
BCG erstellte im Rahmen des Projekts zusätzlich detaillierte Investitionskalkulationen für eine zehnjährige Aufbauphase in Gaza, inklusive Infrastruktur, Gesundheitswesen, Bildung und Tourismus. Auch das Entfernen von Trümmern und nicht explodierter Munition sowie der Bau eines neuen Hafens und eines Eisenbahnnetzes waren Teil der Planungen.
Nach internen Ermittlungen trennte sich BCG im Juni von den verantwortlichen Partnern. Das Projekt sei ohne Wissen der Führungsspitze entstanden und wurde laut Unternehmensangaben nicht in Rechnung gestellt. Eine interne Anweisung, nur mit Einbindung der betroffenen Bevölkerung zu arbeiten, sei missachtet worden. Vor einem britischen Parlamentsausschuss bestätigte BCG, dass die Arbeit als „Business Development“ eingestuft und entgegen interner Richtlinien durchgeführt wurde.


