Auschwitz-Überlebender: «Ich bin einer der Letzten»

22. Januar 2020, 11:03 Uhr · Quelle: dpa

Ramat Gan (dpa) - Gegen Ende seines jahrelangen Leidenswegs wog der Auschwitz-Überlebende Nachum Rotenberg nur noch 28 Kilo. Aber gerade dies habe ihm paradoxerweise das Leben gerettet, sagt der 91-Jährige in seiner Wohnung bei Tel Aviv.

«Ich hatte ein bisschen Glück», erzählt der weißhaarige Mann mit dem wachen Blick. Im Konzentrationslager Hannover-Ahlem, seiner letzten Station vor der Befreiung 1945, sei ein Koch gesucht worden. «Alle Häftlinge riefen «Ich, ich».» Also sei willkürlich beschlossen worden, den zu nehmen, der am wenigsten wog. «Das war ich. Der Zweite, den sie nahmen, wog 29 Kilo, aber er war noch einen Kopf größer als ich.» In der Küche mussten sie riesige Töpfe reinigen und konnten nach ständigem Hunger immerhin Überreste essen.

Auschwitz ist wie kein anderer Ort Sinnbild der Grauen des Holocaust. Mehr als eine Million Menschen wurden in dem deutschen Lager im besetzten Polen ermordet, die meisten davon Juden. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Lager. Mit Staatsoberhäupten aus aller Welt begeht die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem am Donnerstag den 75. Jahrestag der Befreiung. Eingeladen sind Gäste aus mehr als 40 Ländern, darunter auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Es gibt heute nur noch sehr wenige Überlebende, die von den entsetzlichen Verbrechen in dem KZ berichten können. «Ich bin einer der Letzten», sagt Rotenberg, der 1928 als Sohn einer jüdischen Bäckerfamilie in Lodz in der Mitte Polens zur Welt kam. Nach harten Jahren im Getto wurde er 1944 als 15-Jähriger mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Mit Schaudern erinnert sich Rotenberg an die Ankunft in dem Vernichtungslager. «Als wir nach Birkenau kamen, waren dort bellende Hunde, SS-Männer - es gab fürchterliches Geschrei.» Bei der Selektion wurden seine Eltern sofort in den Tod geschickt. Rotenberg und sein sechs Jahre älterer Bruder wurden jedoch für etwa einen Monat Insassen des berüchtigten Lagers. «Wir waren nicht so lange dort, aber jede Minute fühlte sich an wie zehn Jahre - wegen der Angst, der Verzweiflung, der Kälte.»

Seine Erinnerungen hat er schriftlich festgehalten. «Ich habe jede Nacht die Bilder vor Augen», lautet der Titel des Zeitzeugnisses. Es fällt Rotenberg sichtlich schwer, darüber zu sprechen, was in der Zeit im KZ geschah. «In Auschwitz wurden jeden Tag Menschen verbrannt», erinnert er sich. «Die SS-Männer haben immer wieder wahllos auf Häftlinge geschossen.» Rotenberg und andere Insassen hausten dort unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht in Baracken. «Fünf Häftlinge mussten von einem Teller essen.»

Aus Auschwitz wurden Rotenberg, sein Bruder und ein Cousin zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet. Zuerst kamen sie in die Continental-Werke in Hannover-Stöcken. «Wir waren billige Arbeitskräfte - keine Kleidung, kein Essen, nichts. Ich habe dort als Feger gearbeitet.» Bei «Conti» sei es oft zu Misshandlungen gekommen. «Ein Deutscher in Zivil hat immer wieder mit einem Schlauch auf uns eingeprügelt, in den ein Draht eingezogen war.» Ein deutscher Mitarbeiter des Reifenherstellers habe ihm allerdings manchmal heimlich Brot zugesteckt. «Solche gab es auch - aber leider nur wenige.»

Das Kriegsende erlebte er in Hannover-Ahlem, einem der Außenlager des KZ Neuengamme. Die Insassen hatten dort unter härtesten Bedingungen im Steinbruch gearbeitet. Sein Bruder und sein Cousin starben an Entkräftung - Rotenberg selbst überlebte wohl nur dank seiner Arbeit in der Küche.

Er erinnert sich noch genau an die Momente der Befreiung im April 1945. «Italienische und polnische Häftlinge öffneten das Tor des Lagers. Gestapo und SS waren schon geflohen. Ein jüdischer Mithäftling packte mich und sagte mir: «Komm', wir fliehen.» Ich bin mit ihm gegangen.» Die beiden irrten durch die Gegend, wussten gar nicht, wo genau sie sich befanden. Ein deutscher Bauer ließ sie in einem Schweinestall schlafen. «In der Nacht hörten wir das amerikanische Artilleriefeuer. Die polnischen Zwangsarbeiter begannen schon zu feiern. Sie schlachteten ein Schwein.» Ihm habe das Fett jedoch nach den Hungerjahren schreckliche Magenbeschwerden verursacht.

Am Morgen danach hätten sie an einer Eisenbahnstation zurückgelassene Wehrmachtsuniformen gefunden und angezogen. In dieser Montur trafen sie zum ersten Mal auf amerikanische GIs. «Sie kamen mit einem Jeep und nahmen uns mit.» Über die Frage, ob man sie nicht für deutsche Soldaten gehalten habe, kann er nur müde lachen. «Niemand hätte das denken können, so wie wir aussahen. Völlig abgemagert, verdreckt und verlaust.»

Rotenberg erzählt: «Die Amerikaner brachten uns in das Heidehaus, ein Krankenhaus. Sie wuschen, rasierten und desinfizierten uns.» Die Befreiung war zwar eine Erleichterung. «Aber ich fühlte keine echte Freude. Meine ganze Familie war doch schon tot.»

1946 kam er ins damalige Palästina - zwei Jahre vor Israels Gründung, nachdem er nach Kriegsende zunächst in Braunschweig gelebt hatte. Heute ist er stolz auf seine eigene Familie: Rotenberg hat einen Sohn und eine Tochter, sechs Enkel und zwei Urenkel.

Nach Deutschland reiste er zum ersten Mal wieder 1975, um im Prozess gegen Heinrich Johann (genannt Hans) Wexler auszusagen - über Verbrechen, die der Lagerälteste in Hannover-Ahlem begangen hatte. «Es war ein Schock, diesem Menschen wieder ins Gesicht zu schauen. Er lebte und so viele waren tot - wegen ihm.» Wexler wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt, verließ das Gefängnis aber schon 1982 aus gesundheitlichen Gründen.

Die neue weltweite Welle antisemitischer Vorfälle mache ihm «sehr schlechte Gefühle», sagt Rotenberg. Bei Besuchen in Polen habe er viele antisemitische Schmierereien gesehen. «Es tut mir weh, dass Juden wieder in diese Länder zurückziehen. Vor allem nach Deutschland.»

Der 91-Jährige persönlich hege zwar immer noch Groll gegen Deutschland. Die Jugend von heute sei jedoch anders. «Sie interessiert sich für die Geschichte.» Es ist Rotenberg wichtig, immer wieder seine Geschichte zu erzählen, auch in deutschen Schulen. Deshalb fährt er jedes Jahr zu Gedenkveranstaltungen in Hamburg und Hannover - seine nächste Reise ist im Mai geplant. Dann will er auch wieder das Grab seines Bruders und seines Cousins in Hannover besuchen.

Geschichte / Holocaust / Israel / Deutschland / Polen
22.01.2020 · 11:03 Uhr
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