Analyse: Die Krise schürt Selbstzweifel der G8

08. Juli 2009, 12:55 Uhr · Quelle: dpa
Hamburg (dpa) - Globale Krisen sind gefährlich und vor allem mitleidlos: Der schwerste Konjunktureinbruch seit der Großen Depression in den 30er Jahren verschont kein Land - ob arm oder reich

Und wenn sich die sieben führenden Industriestaaten und Russland (G8) vom 8. bis 10. Juli im italienischen Abruzzenort L'Aquila zu ihrem jährlichen Gipfel treffen, steht wie nie zuvor seit Beginn dieses exklusiven Zirkels 1975 der eigene Führungsanspruch in Frage. Kämpfte die Runde im Juli 2008 in Japan um eine gemeinsame Linie beim Klimaschutz, um sich danach für die paar Millimeter Fortschritt zu feiern, wird sie diesmal den Beweis antreten müssen: Können die G8 überhaupt die extrem unberechenbare und bedrohliche Aufgabe bewältigen, ohne Wirtschaftswachstum Elend, Hunger und die Erderwärmung zu bekämpfen?

Die USA, Kanada, Russland, Japan, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien haben seit dem 15. September 2008, als die US-Großbank Lehman Brothers in die bis dahin unvorstellbare Pleite ging, ihr vermeintliches Monopol bei der Lösung der Menschheitsprobleme verloren. Vor allem die USA kämpfen um ihre politische und wirtschaftliche Führungsrolle, zumal seit Präsident Barack Obama eingestanden hat, dass das Übel seinen Ursprung in den auf Pump und ohne Sicherheiten finanzierten Häusern von Zehntausenden amerikanischer Bürger hatte.

Die Karten sind neu verteilt im globalen Machtpoker. Clubs wie die Interessenvertretung Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas - kurz BRIC - genannt, genießen inzwischen das Rampenlicht und fragen ohne falsche Scheu, ob ein Land mit einer solchen Verschuldung wie die USA eigentlich noch der Garant einer globalen Leitwährung sein kann - laut denken sie über die Ablösung des Dollars nach. Russlands Präsident Dmitri Medwedew wird diese drei Partner auch in L'Aquila am Verhandlungstisch begrüßen. Die Kritik am Weltwährungssystem dürfte kaum verstummen.

Und dann wären da noch die G20, also die 20 stärksten Wirtschaftsnationen der Erde (inklusive der G8), deren Staats- und Regierungschefs sich in der Mehrzahl auch in der Stadt L'Aquila einfinden werden, die im April ein schweres Erdbeben erschütterte.

Die G20, zu denen neben Indien und China auch aufstrebende Nationen wie Südafrika und Mexiko zählen, haben seit ihrem ersten Gipfel im November 2008 in Washington dem elitären Zirkel der G8 den Rang im globalen Krisenmanagement abgelaufen: Koordinierung der milliardenschweren Rettungs- und Konjunkturpakete sowie Verabredungen, die gierige Finanzwelt an die Kandare zu nehmen, um Katastrophen dieses Ausmaßes künftig zu verhindern. Millionen Menschen haben Heim und Arbeitsplatz verloren; mit den Steuergeldern der Bürger müssen über Jahre gewaltige Haushaltslöcher gestopft werden; und für die Armen auf der Welt dürften Hilfen kaum anschwellen.

Und dann geht es in L'Aquila noch darum, Hürden auf dem Weg nach Kopenhagen wegzuräumen: In der dänischen Hauptstadt trifft sich im Dezember die Staatengemeinschaft, um ein neues Klimaschutzabkommen auszuhandeln, das seinen Namen auch verdient. Seit dem Wechsel im Weißen Haus von George W. Bush zu Barack Obama bewegen sich die USA auch in dieser Frage. Erstmals wollen die Vereinigten Staaten, deren Industrie eine führende Dreckschleuder in der Welt ist, den Ausstoß von Treibhausgas per Gesetz verringern. Aber da wirksamer Klimaschutz teuer ist, dürften sich die G8-Staaten kaum so früh und vor allem nicht zu verbindlich auf gemeinsame Ziele verpflichten.

Ob dieser Gipfel denn auch eine gemeinsame Sprache findet, die in gemeinsames Handeln mündet, wird auch davon abhängen, ob die persönliche Chemie der Runde stimmt. Obama und Medwedew werden sich unmittelbar zuvor in Moskau über nukleare Abrüstung und die strittigen US-Pläne für eine globale Raketenabwehr unterhalten. Dabei dürfte auch die Atompolitik im Iran, wo derzeit offensichtlich ein Machtkampf tobt, und in Nordkorea, wo einer der letzten Diktatoren der Erde den Machtwechsel zu seinem Sohn organisiert, zur Sprache kommen. Über diese Risiken für die globale Sicherheit werden auch die G8 beraten.

Und während Obama und Medwedew - wie auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy - in einer gesicherten Machtposition nach L'Aquila reisen, stehen für andere die Zeichen vielleicht auf Veränderung. Der britische Premier Gordon Brown durchlebt wohl die schwierigste Zeit seines politischen Lebens: Für ihn und seine Labour-Partei geht es schon in den kommenden Monaten bei Neuwahlen ums nackte Überleben. Bundeskanzlerin Angela Merkel kann da vergleichsweise gelassen auf die Bundestagswahl im September blicken - ihre Popularität bei den Bürgern ist weiter hoch. Japans Premier Taro Aso, erst seit September 2008 im Amt, steht vor Wahlen spätestens im September im Umfragetief.

Und dann ist da noch der Fall Silvio Berlusconi, der sich seit Wochen in der Heimat weniger wegen seiner Politik, sondern wegen seiner angeblichen Affären mit blutjungen Frauen in den Schlagzeilen wiederfindet. Der 72-jährige Medienmogul sieht sich aber offensichtlich wieder in der Offensive: «Die Italiener lieben mich, so wie ich bin. Großzügig, ehrlich und zuverlässig.» Das wären wiederum auch Eigenschaften, die den Gastgeber eines G8-Gipfels auszeichnen könnten.

G8 / Gipfel
08.07.2009 · 12:55 Uhr
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