799 Dollar pro Brille – und trotzdem Nachfrage: EssilorLuxotticas riskante KI-Wette
Smart-Brillen rücken ins Zentrum der Strategie
Gemeinsam mit Meta entwickelt EssilorLuxottica eine neue Generation von Smart-Brillen, die weit über klassische Wearables hinausgehen. Die aktuelle Version kann Musik abspielen, Fotos aufnehmen, übersetzen und erstmals auch Inhalte über ein integriertes Display anzeigen. Nutzer können Nachrichten lesen, Foto-Vorschauen sehen oder Live-Untertitel während Gesprächen abrufen. Gesteuert wird das System über ein neuronales Armband, das Handbewegungen erkennt.
Damit positioniert sich EssilorLuxottica an der Schnittstelle von Luxus, Alltagstauglichkeit und Künstlicher Intelligenz – ein Markt, der bislang eher von gescheiterten Anläufen als von Massenprodukten geprägt war.
Erste Umsätze, aber noch kein Massenmarkt
Trotz eines Verkaufspreises von rund 799 US-Dollar zeigen sich erste Effekte in den Geschäftszahlen. Im dritten Quartal wuchs der Umsatz von EssilorLuxottica um knapp 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Etwa vier Prozentpunkte dieses Wachstums entfielen auf den Bereich Wearables – ein kleiner, aber bemerkenswerter Beitrag.
Für die Analysten der Citi ist das ein frühes Signal. Sie sehen KI-Brillen als „nächstes schnell wachsendes Edge-Gerät“ und bekräftigen ihre Kaufempfehlung für den Ray-Ban-Hersteller. Entscheidend sei, dass das Produkt nicht mehr nur technikaffine Early Adopter erreiche, sondern zunehmend auch wohlhabende, modebewusste Kunden.
Enorme Marktprognosen – mit Unsicherheiten
Die Marktschätzungen sind ambitioniert. Citi erwartet ein jährliches Wachstum von rund 100 Prozent im Markt für KI-Brillen. Bis 2030 könnten weltweit mehr als 110 Millionen Geräte verkauft werden, mit einem Einzelhandelsumsatz von etwa 40 Milliarden US-Dollar. UBS geht noch weiter und sieht bis 2040 ein Marktvolumen von bis zu 129 Milliarden Euro.
Solche Prognosen setzen allerdings voraus, dass sich Smart-Brillen gesellschaftlich durchsetzen – ein Punkt, der in der Vergangenheit immer wieder unterschätzt wurde. Akzeptanz, Datenschutzbedenken, Tragekomfort und echter Alltagsnutzen bleiben die zentralen Hürden.
Wettbewerb rückt näher
Hinzu kommt der zunehmende Wettbewerb. Die britische Investmentbank Barclays verweist auf mögliche Ambitionen von Alphabet im Bereich smarter Brillen. Analyst Hassan Al-Wakeel bewertet den Einstieg potenzieller Konkurrenten jedoch gelassen. Die zwischenzeitliche Schwäche der EssilorLuxottica-Aktie sei übertrieben gewesen. Mehr Wettbewerb könne sogar helfen, die Technologie im Massenmarkt zu etablieren.
Sein Kursziel für die Aktie liegt bei 365 Euro.
Fazit: Hohe Fantasie, hoher Einsatz
EssilorLuxottica geht mit Smart-Brillen eine mutige Wette ein. Der Konzern verbindet seine globale Marken- und Vertriebsmacht mit Metas KI- und Plattformkompetenz – ein potenziell starkes Duo. Gleichzeitig bleibt der Markt jung, volatil und anfällig für Enttäuschungen.
Für Anleger ist die KI-Story bei EssilorLuxottica damit weniger eine sichere Wachstumswette als ein strategisches Optionalitäts-Investment: Gelingt der Durchbruch, könnte sich ein völlig neues Ertragsfeld öffnen. Scheitert er, bleibt der finanzielle Schaden überschaubar – aber die Fantasie wäre vorerst verpufft.


