5,3 Milliarden Euro für Europas Fonds-Gateway: Deutsche Börse wagt ihre größte Übernahme
Rekordofferte aus Frankfurt
Die Deutsche Börse treibt ihre Transformation zum paneuropäischen Infrastrukturkonzern voran – mit einem Paukenschlag. Der Betreiber der Frankfurter Wertpapierbörse hat sich mit dem Management und den Großaktionären der Fondsplattform Allfunds auf die Eckpunkte einer Übernahme geeinigt und eine Offerte über 5,3 Milliarden Euro vorgelegt. Es wäre die teuerste Akquisition in der Unternehmensgeschichte.
Konzernchef Stephan Leithner spricht von einem „nächsten Schritt in der Entwicklung der Deutschen Börse als europäischer Champion für kritische Finanzmarktinfrastruktur“. Der Vollzug wird jedoch frühestens für die erste Jahreshälfte 2027 erwartet – vorausgesetzt, Aufseher und Aktionäre spielen mit.
Neue Struktur des Angebots
Der nun vorgelegte Deal unterscheidet sich deutlich von den ursprünglichen Plänen. Statt einer hälftigen Bar-Aktien-Kombination bietet die Deutsche Börse den Allfunds-Aktionären nun:
- 6,00 Euro in bar
- 2,60 Euro in Aktien der Deutschen Börse
- 0,20 Euro als Dividende
In Summe ergibt sich damit der Angebotspreis von 8,80 Euro je Aktie. Dieser entspricht einem Aufschlag von rund einem Drittel auf den Kurs vor Bekanntwerden der Gespräche. Dennoch notiert die Aktie aktuell deutlich darunter – ein klares Signal, dass der Markt das regulatorische Risiko einpreist.
Strategische Logik: Nord-Süd-Achse im Fondsvertrieb
Operativ gilt die Transaktion als gut begründet. Die Deutsche Börse ist im Fondsservice bislang stark in Deutschland und der Schweiz verankert. Allfunds dagegen dominiert in Südeuropa – insbesondere in Italien, Spanien und Frankreich. Zusammen entstünde eine der führenden globalen Plattformen für Fondsdistribution und -abwicklung.
Der Konzern rechnet mit jährlichen Kostensynergien von rund 60 Millionen Euro sowie weiteren 30 Millionen Euro durch gemeinsam koordinierte Investitionen. Für Analysten ist die industrielle Logik überzeugend: Skaleneffekte, Marktmacht und eine stärkere Position gegenüber globalen Vermögensverwaltern.
Regulatorischer Härtetest in Brüssel
Der größte Unsicherheitsfaktor liegt in Brüssel. Die EU-Wettbewerbskommission muss dem Zusammenschluss zustimmen – und einige Marktbeobachter sehen die Erfolgschancen lediglich bei rund 50 Prozent. Der Grund: Die Bündelung zentraler Marktinfrastruktur in den Händen eines dominanten europäischen Akteurs könnte kartellrechtlich heikel werden.
Hinzu kommt das Aktionärsvotum. Nach britischem Übernahmerecht müssen mindestens 75 Prozent der stimmberechtigten Anteile zustimmen. Ein wichtiges Signal: Die drei größten Anteilseigner – Hellman & Friedman, der singapurische Staatsfonds GIC und BNP Paribas – haben bereits unwiderrufliche Zusagen gegeben. Zusammen halten sie knapp 49 Prozent.
Zweiter Anlauf, höherer Preis
Bereits 2020 hatte die Deutsche Börse Allfunds geprüft, damals jedoch wegen der Bewertung Abstand genommen. Nach dem Börsengang 2021 in Amsterdam entwickelte sich die Aktie enttäuschend. Der jetzige Deal ist somit auch ein Befreiungsschlag für die Eigentümer – und ein strategischer Re-Entry für Frankfurt.
Dass die Allfunds-Aktie trotz des attraktiven Aufschlags unter dem Angebotspreis notiert, zeigt jedoch: Der Markt traut dem Deal noch nicht. Zu groß sind die politischen und regulatorischen Unwägbarkeiten.
Mit der Offerte für Allfunds greift die Deutsche Börse nach einer Schlüsselrolle in der europäischen Fondsinfrastruktur. Strategisch ist der Schritt folgerichtig, finanziell ambitioniert, regulatorisch hochriskant. Ob aus dem europäischen Champion auch tatsächlich ein genehmigter wird, entscheidet sich nicht in Frankfurt – sondern in Brüssel.


