Zölle, Kapazitätsgrenzen, Unsicherheit – Warum die deutsche Wirtschaft kaum in Fahrt kommt
Die deutsche Wirtschaft tritt weiter auf der Stelle. Nach einem kurzen Hoffnungsschimmer zum Jahresbeginn trüben neue Frühindikatoren und geopolitische Risiken erneut die Aussichten. Die wirtschaftliche Schwächephase, die seit mehr als fünf Jahren anhält, droht sich zu verfestigen – trotz wachstumsorientierter Regierungspolitik und geldpolitischer Lockerungen.
Die ZEW-Konjunkturerwartungen fielen zuletzt auf minus 14 Punkte – ein Rückgang um mehr als 65 Zähler gegenüber dem Vormonat. Das ist der stärkste Einbruch seit Beginn des Ukrainekriegs. Ursache ist vor allem die abrupte Kursänderung der US-Handelspolitik unter Präsident Trump, die mit der Androhung neuer Zölle unmittelbare Auswirkungen auf deutsche Schlüsselbranchen zeigt. „Die erratische Handelspolitik hat die globale Unsicherheit massiv erhöht“, sagt ZEW-Präsident Achim Wambach.
Zwar sendeten manche Indikatoren zu Jahresbeginn positive Signale: Die Industrieproduktion stieg im Januar um zwei Prozent, und auch der Einzelhandel legte im Februar im Vorjahresvergleich real um 4,4 Prozent zu. Doch im Februar folgte prompt ein Produktionsrückgang um 1,3 Prozent. Die Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt blieb aus, die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl stieg im März um 26.000 Personen – ein deutliches Signal für die anhaltende Schwäche.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem auf der Angebotsseite. Sowohl die Bauindustrie als auch die Rüstungsbranche arbeiten laut Ifo-Institut nahe an der Belastungsgrenze. Neue Investitionsimpulse durch staatliche Programme treffen auf eine ausgelastete Kapazitätsstruktur – zusätzliche Nachfrage könnte in diesem Umfeld eher preistreibend als wachstumsfördernd wirken.
Auch die Insolvenzzahlen steigen wieder deutlich. Im ersten Quartal 2025 registrierte das IWH 4237 Unternehmenspleiten – ein Anstieg von 18,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das Handelsblatt Research Institute rechnet daher mit rund drei Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt – dem höchsten Stand seit 2010.
Zwar kündigte die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz Investitionen in KI, Infrastruktur und Verteidigung an und will Deutschland zum „Gründer- und Innovationsstandort“ machen. Doch strukturelle Wachstumsimpulse bleiben rar. Das HRI erwartet für 2025 erneut einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung – und betrachtet selbst die optimistische Prognose von 1,3 Prozent Wachstum im kommenden Jahr als überzogen. In einem Land mit einem Trendwachstum von unter 0,5 Prozent käme das einem Boom gleich.

