Zinswende in Europa: Zentralbanken im Strategie-Schwenk
Ein unerwarteter Kurswechsel bei den europäischen Zentralbanken sorgt derzeit für Aufsehen: Innerhalb von lediglich 24 Stunden beschlossen die Notenbanken der Schweiz, Schwedens und Norwegens eine Senkung der Leitzinsen. Dies geschieht vor dem Hintergrund von Donald Trumps unvorhersehbarer Handelspolitik und deren Auswirkungen auf die weltweite Marktlandschaft.
Obwohl die Zentralbanken der Schweiz und Schwedens erst im März signalisiert hatten, dass mit weiteren Lockerungsmaßnahmen nicht zu rechnen sei, überraschte die Schweizerische Nationalbank am Donnerstag mit einer Reduzierung des Leitzinses um 25 Basispunkte. Ähnlich handelte die Riksbank in Schweden einen Tag zuvor. Norwegen sorgte zeitgleich mit einer weiteren Senkung um einen Viertelpunkt für ein merkliches Raunen; kein einziger befragter Ökonom hatte diesen Schritt vorhergesehen.
Die Anpassungen in Europa stehen im Kontrast zu einem abwartenden Ansatz zahlreicher Zentralbanken weltweit. Weder die US Federal Reserve noch die Bank of Japan oder die Bank of England planten Änderungen. Auch in Ländern wie Pakistan, der Türkei und Chile bleibt die Geldpolitik unverändert. Das Rennen gegen eine mögliche Wiedereinführung von US-Handelszöllen im Juli wird begleitet von geopolitischen Unsicherheiten, wie dem Krieg in der Ukraine oder einem potenziellen US-Schlag gegen den Iran, was die globalen Entscheidungsträger zur Vorsicht drängt.
Experten von Bloomberg Economics führen die langsame Reaktionsweise der Bank of England und der Fed auf unterschiedliche Zollszenarien und Arbeitsmarktbedingungen zurück. Höhere Ölpreise im ölreichen US-Markt tragen zur Inflation bei, ohne das BIP zu beeinträchtigen, was geldpolitische Lockerungen erschwert. In Europa hingegen gekoppelt höhere Inflationsraten mit schwächerem Wachstum, was leichtere Entscheidungen für Zinssenkungen begünstigt.
Die Inflation ist der Haupttreiber für die Kürzungen in Schweden, Norwegen und der Schweiz, wenngleich die Bedingungen variieren. In der Schweiz sanken die Verbraucherpreise im Mai um 0,1% im Vorjahresvergleich, was durch die gestärkte Position des Schweizer Franken gegenüber dem Dollar und Euro begünstigt wurde. In Schweden hingegen lassen nachlassender Preisdruck und ein ins Stocken geratener wirtschaftlicher Aufschwung Spielraum für weitere Anreize, so Erik Thedeen, Gouverneur der Riksbank. Der schwedische Krona gilt als Spitzenreiter unter den G-10-Währungen, was das Risiko importierter Inflation mindert.
Norwegens Preisentwicklung zeigte sich beständiger, teils durch einen schwächeren Krone. Doch die Kerngeldentwertung des letzten Monats entsprach dem Jahrestief von 2,8%. Interessant bleibt, dass die drei Notenbanken trotz ihrer unterschiedlichen geldpolitischen Stadien an zukünftigen Zinssenkungen festhalten könnten, wie von den jeweiligen Zentralbankführern angedeutet.

