Zootiere

Wieso sollen Paviane im Nürnberger Tiergarten sterben?

26. Juli 2025, 04:15 Uhr · Quelle: dpa
Im Nürnberger Tiergarten sorgt die geplante Tötung einiger Paviane für große Empörung. Erfahren Sie die Hintergründe und die ethischen Debatten, die darüber entbrannt sind.

Nürnberg (dpa) - Dass der Aufschrei groß sein wird, damit hat der Nürnberger Tiergarten von Anfang an gerechnet. «Wie stumpf wäre die Gesellschaft, wenn sie nicht protestiert und erst einmal ihrem Willen Ausdruck verleiht, dass man Affen nicht einfach töten darf», sagt Direktor Dag Encke. «Auch uns fasst das an.» 

Trotz der Empörung hält der Tiergarten an seinem Vorhaben fest: Einige gesunde Paviane sollen getötet werden, weil die Gruppe für die Anlage zu groß geworden ist. Aktivistinnen und Aktivisten hatten wiederholt demonstriert und sich dabei sogar am Affengehege festgekettet. Auch in den sozialen Medien gibt es heftige Reaktionen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema: 

Wieso sollen gesunde Paviane getötet werden?

Die Gruppe der Guinea-Paviane ist auf 43 Tiere angewachsen und damit zu groß für das Gehege. Dadurch kommt es nach Angaben des Tiergartens verstärkt zu Konflikten, bei denen sich die Tiere verletzen. Außerdem sei die soziale Struktur innerhalb der Gruppe ungünstig, heißt es zur Begründung. 

Aus Sicht mehrerer Tierrechts- und Tierschutzorganisationen verstoßen diese Pläne aber gegen das Tierschutzgesetz. «Der Tiergarten Nürnberg hätte schon vor Jahren dringend handeln müssen», sagt etwa Laura Zodrow von Pro Wildlife. Die Tiere müssten nun die verfehlte Zucht- und Haltungspolitik mit ihrem Leben bezahlen. 

Warum wird die Anlage nicht einfach erweitert?

«Das wäre grundsätzlich natürlich möglich, aber das müssten wir alle paar Jahre wiederholen und dann hätten wir irgendwann nur noch Paviane im Zoo», sagt Encke. In den Jahren 2007 und 2008 sei bereits ein neues Pavianhaus gebaut worden, fünfmal größer als das vorherige. Dadurch sei die Anlage nun für 25 Paviane plus Jungtiere ausgelegt. 

Tierschutzorganisationen wie Pro Wildlife, Peta und der Deutsche Tierschutzbund kritisieren, dass die Tiere aus Platzmangel getötet werden sollen - während gleichzeitig das Giraffenhaus aufwendig saniert und erweitert wird. Darin sehen diese eine Doppelmoral. 

Warum hat der Tiergarten die Pavianzahlen nicht früher begrenzt?

Das hat der Tiergarten laut Encke getan: Seit 2011 seien insgesamt 16 Tiere in den Pariser Zoo und einen Zoo in China umgezogen. Früher seien außerdem große Gruppen an einen Zoo in Spanien abgeben worden, der neu mit der Haltung angefangen habe. Diese Optionen bestünden nicht mehr. «Jeder einzelne Zoo hat seine Kapazitäten zurzeit erreicht», sagt Encke.

Der Tiergarten habe zudem versucht, die Geburtenrate zu senken, indem Weibchen ein Verhütungsmittel implantiert wurde. «Dieses Verhütungsmittel hat aber zur dauerhaften Unfruchtbarkeit bei den Weibchen geführt, sodass wir nur noch drei Weibchen hatten, die überhaupt noch Junge bekommen konnten», sagt Encke. Nach 2018 wurden deshalb keine Verhütungsmittel mehr eingesetzt. 

Drei fruchtbare Weibchen hätten zwar für die Zucht gereicht, es sei aber zu Unruhe in der Gruppe gekommen, erläutert Encke. Bei den Pavianen besäßen die Weibchen mit Jungtieren eine Schlüsselfunktion im Sozialgefüge. Die Jungtiere würden gemeinschaftlich auch von den Männchen aufgezogen. «Wenn zu wenig Jungtiere da sind, dann fehlt der friedensstiftende Sozialpart in der Gruppe.»

Wieso können überzählige Tiere nicht ausgewildert werden?

Guinea-Paviane leben nach Angaben des Tiergartens in Afrika in einem Gebiet, das sich über den Senegal, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone und Mali erstreckt. Dort gibt es demzufolge kaum noch geeignete Gebiete, wo sie sicher leben könnten. 

Eine Auswilderung kommt laut Encke aus einem weiteren Grund nicht infrage: «Wir bringen mit den Affen Keime in die Umgebung, die für die wilden Guinea-Paviane tödlich sein können. Das ist nur erlaubt, wenn es um den Wiederaufbau einer verschwundenen Population geht, ohne Berührung zu dort bereits bestehenden lebenden Tieren.»

Warum hat es mit einem Umzug in andere Einrichtungen nicht geklappt?

Nach der Ankündigung des Tiergartens Anfang 2024 hatten mehrere Einrichtungen angeboten, die überzähligen Affen zu übernehmen. Der Tiergarten hatte die Angebote geprüft, am Ende aber abgelehnt. 

Darunter war das Primatenschutzzentrum WAMS (Wales Ape and Monkey Sanctuary) in Wales, das nach eigenen Angaben Primaten und andere Tiere beherbergt. «Auf ein persönliches Schreiben hat der Direktor geantwortet, aber keine Angaben gemacht, ob oder wie viele Tiere das WAMS aufnehmen könnte oder wollte», sagt Encke. «Die Fragen zu den Haltungsbedingungen hat er als entsetzlich und beleidigend betitelt und damit auch eine Beantwortung nicht mehr erwarten lassen.»

Zuletzt war der Tiergarten außerdem mit einem indischen Zoo im Gespräch. «Es ist gescheitert daran, dass wir kritische Nachfragen zur Herkunft mancher Tiere nicht klären konnten», sagt Encke. Der Tiergarten könne nur mit Einrichtungen zusammenarbeiten, die sich an die internationalen Regeln hielten und bei denen Transparenz hinsichtlich der Herkunft ihrer Tiere bestehe, um zu vermeiden, dass Zoos einen Beitrag zum illegalen Wildtierhandel leisteten.

Wie werden die Paviane getötet und was passiert mit den toten Tieren?

Der Tiergarten äußert sich dazu nicht mehr. Die Reaktionen zu den Informationen hätten «jedes tolerierbare Maß» überschritten, heißt es zur Begründung. Grundsätzlich würden alle Tiere tierschutzkonform und mit der schonendsten Methode getötet.

Wieso werden Guinea-Paviane in Zoos gezüchtet? 

Insgesamt leben gut 280 Guinea-Paviane in zehn europäischen Zoos, im Nürnberger Tiergarten seit 1942. Die Gruppe ist Teil des europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Deren Ziel ist es, Reserve-Populationen von gefährdeten Arten in Zoos zu züchten, um diese in Zukunft in geschützte Gebiete auswildern zu können. 

«Für alle Arten, die als Verantwortungsarten der Zoos, als Reservepopulationen oder besonders wertvolle Populationen definiert sind, liegt ein Erhaltungsgebot vor, das einen generellen Zuchtstopp ausschließt», heißt es in einer Vorlage, die der Tiergarten für den Nürnberger Stadtrat zu dem Thema vorbereitet hatte. Dabei sei es unvermeidbar, dass überzählige Tiere entstehen, die abgegeben oder getötet werden müssen. 

«Das Argument des Artenschutzes ist vorgeschoben», sagt dagegen Laura Zodrow von Pro Wildlife. «Reservepopulationen machen nur dann Sinn, wenn Wiederauswilderungs-Programme existieren – davon ist bei den Guinea-Pavianen jedoch nicht die Rede.» Artenschutz finde vor Ort statt - durch Schutz von Lebensräumen.

Was sagt das Tierschutzgesetz zu einer Tötung von Zootieren?

Das deutsche Tierschutzgesetz besagt, dass kein Tier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf, ohne diesen genauer zu definieren. Als vernünftige Gründe gelten etwa das Schlachten von Nutztieren, Jagd, Fischerei, die Tierseuchenbekämpfung und das Erlösen eines leidenden Tiers. 

Zur Tötung von Zootieren sagt das Tierschutzgesetz nichts. Auch deshalb hat der Tiergarten Anfang 2024 öffentlich angekündigt, einige Paviane töten zu wollen. Die Debatte, ob es dafür einen vernünftigen Grund gebe, müsse in der Gesellschaft geklärt werden, sagt Encke. 

Wie ist die Tötung der Paviane aus ethischer Sicht zu bewerten?

Der Tiergarten will überzählige Paviane töten, damit er diese für den Artenschutz weiter züchten kann - eine absurde Logik, findet die Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. «Die Hauptproblematik ist, dass Artenschutz ganz anders betrieben werden kann und dass dieses Argument grundsätzlich fragwürdig ist. Zoos betreiben in der Regel keine Auswilderung, und die dort gezüchteten Tiere wären dafür ungeeignet.»

Problematisch findet sie auch das Argument, dass Zoos die Menschen für den Artenschutz sensibilisieren und über Wildtiere informieren sollen. «Die Interessen des einzelnen Tiers werden hinten angestellt. Es wird sozusagen dafür verwendet, ein höheres Gut - die Artenschutzbildung - zu erreichen.» Das könnten gute Bildungsprojekte aber auch, zumal Erhebungen gezeigt hätten, dass sich Besucherinnen und Besucher selbst in modernen Vorzeigeanlagen nur durchschnittlich 13 bis 41 Sekunden vor den Gehegen aufhielten. 

Zoos sind nach Ansicht von Benz-Schwarzburg nicht mehr zeitgemäß. Diese seien ein koloniales Erbe wie die Völkerschauen, bei denen bis in die 1950er Jahre Menschen aus anderen Kulturen gezeigt wurden. «Das ist in erster Linie eine Machtgeste, dass wir fühlende Lebewesen einfach ausstellen und unseren Blick verfügbar machen können», sagt die Wissenschaftlerin. «Wir haben aus guten Gründen aufgehört, Menschen auszustellen. Aber mit welchem Recht machen wir das eigentlich weiterhin bei Tieren?». 

Töten auch andere Zoos gesunde Tiere?

Ja, in vielen Zoos werden extra Futtertiere gezüchtet, die als Mahlzeit für Löwen, Tiger und andere Fleischfresser vorgesehen sind. Aber auch überzählige Zootiere werden getötet und verfüttert. Der Deutsche Tierschutzbund spricht von einer «gängigen Praxis».

2014 etwa tötete der Kopenhagener Zoo eine Giraffe namens Marius und verfütterte sie an Löwen. 2023 schlachtete der Leipziger Zoo einen Zebrahengst, für den sich kein Platz fand. Der Tiergarten Nürnberg verfüttert unter anderem Somali-Wildesel und Prinz-Alfred-Hirsche.

Der Nürnberger Tiergarten informiere die Besucherinnen und Besucher auf Schautafeln darüber, welches Tier wann verfüttert wurde, sagt Encke. Dass es nun einen Aufschrei bei den Pavianen gibt, liegt ihm zufolge daran, dass es sich um Affen - und damit um nahe Verwandte des Menschen - handelt: «Das ist eine sehr emotionale Geschichte.» Bei Huftieren sei die Akzeptanz größer.

Kommt es zu einer juristischen Auseinandersetzung?

Die Organisationen Peta und Pro Wildlife haben angekündigt, Strafanzeige zu stellen, sollte es zu Tötungen kommen. Der Tiergarten bereitet sich deshalb darauf vor, dass es zum Prozess kommen könnte. «Wir hoffen, dass es zu einer grundsätzlichen Klärung kommt», sagt Encke.

Pro Wildlife sieht in dem Fall ein Grundsatzproblem: «Mit den Pavianen wird ein gefährliches Exempel statuiert - es wird nicht bei dieser einen Tierart bleiben, wenn diese Praxis des Tötens ungewollter Zootiere erst etabliert ist», sagt Zodrow.

Tier / Gesellschaft / Wissenschaft / Kommune / Bayern / Deutschland / Fragen & Antworten
26.07.2025 · 04:15 Uhr
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