Weniger Streiks, aber mehr Teilnehmer: Schwerpunkte der Arbeitskämpfe in Deutschland
Die Beschäftigten in Deutschland haben 2023 weniger gestreikt als im Vorjahr, wie eine Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Konkret wurden 286 Arbeitskämpfe verzeichnet, 26 weniger als zuvor. Viele dieser Streiks wurden im Kontext steigender Inflation und entsprechenden Lohnforderungen geführt, oft standen auch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen im Fokus. Hauptsächlich handelte es sich um Warnstreiks, während unbefristete Erzwingungsstreiks mit Urabstimmung weiterhin selten sind.
Trotz geringerer Streikzahlen nahmen 2023 rund 912.000 Personen an Arbeitskämpfen teil, 55.000 mehr als im Vorjahr. Dies führte jedoch zu einer geringeren Zahl von Ausfalltagen – insgesamt 946.000 im Vergleich zu 1,5 Millionen zuvor. Kürzere Streikdauer und großangelegte Warnstreiks, etwa in der Metall- und Elektroindustrie, haben dazu beigetragen. Dabei waren Unternehmen wie Volkswagen sowie der kommunale Nahverkehr besonders betroffen.
Die meisten Arbeitskämpfe fanden nicht im Rahmen von Flächentarifverhandlungen statt, sondern auf der Ebene einzelner Unternehmen. Dies liegt daran, dass viele Firmen aus Flächentarifverträgen ausgestiegen sind, woraufhin Gewerkschaften zunehmend Haustarifverträge anstreben.
Im internationalen Vergleich sind die Streiktage in Deutschland vergleichsweise gering. In den Jahren 2014 bis 2023 fielen hierzulande im Schnitt 21 Streiktage pro 1.000 Beschäftigte an, ähnlich wie in den Niederlanden und den USA. Spitzenreiter ist Kanada mit 108 Ausfalltagen.
Nicht jeder Streik verlief für die Gewerkschaften erfolgreich, wie der Fall des Schrott- und Recyclingunternehmens SRW Metalfloat zeigt, wo nach 180 Tagen Streik kein Tarifvertrag erreicht werden konnte. Auch bei Amazon und Zalando zieht sich der Arbeitskampf in die Länge. Unternehmen wehren sich öfter gerichtlich gegen Streiks, was von Gewerkschaften Ressourcen erfordert und Streiks riskant machen kann.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) spricht von einer "hohen Konfliktbereitschaft" aufgrund hoher Lohnforderungen und wirtschaftlicher Stagnation. Besonders im Einzelhandel und Groß- und Außenhandel gab es intensive Konflikte. Im Unterschied dazu verliefen Verhandlungen in der chemischen Industrie, der Papiererzeugung sowie im bayerischen Hotel- und Gaststättengewerbe relativ friedlich.

