Wendepunkt oder weiterer Abstieg? Die deutsche Industrie vor entscheidendem Jahr
Die deutsche Industrie steht an einem Scheideweg. Nach mehreren Jahren der Stagnation wird das Jahr 2026 als entscheidend für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland angesehen, so Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Ob es gelingen wird, die Grundlage für einen nachhaltigen Aufschwung zu legen, bleibt jedoch offen, da die aktuellen Prognosen für 2025 weiterhin wenig ermutigend ausfallen. Während die gesamtwirtschaftliche Entwicklung leicht positiv erwartet wird, könnte die Industrie erneut hinterherhinken. Zusätzliche Belastungen könnten durch die jüngste Ankündigung neuer US-Zölle entstehen.
US-Präsident Donald Trump plant, ab Februar Strafzölle auf europäische Waren zu erheben, was die ohnehin angespannten Handelsbeziehungen weiter belasten könnte. In einem erstaunlichen Versuch, Grönland an die USA zu binden, sollen die Zölle den europäischen Widerstand schwächen. Die Europäische Union zögert noch, scharfe Gegenmaßnahmen zu ergreifen, während die deutsche Bundesregierung bemüht ist, eine Eskalation zu vermeiden. Leibinger bezeichnet die angekündigten Zölle als schädlich und fordert ein geeintes und selbstbewusstes europäisches Handeln.
Die Abhängigkeit von den USA, zum Beispiel im Bereich der Künstlichen Intelligenz, unterstreicht die Schwierigkeit, eine schnelle europäische Autonomie aufzubauen. Die bloße Drohung neuer Zölle schürt Unsicherheiten, erinnert Leibinger in Anbetracht des Einbruchs deutscher Exporte in die USA im Jahr 2025. Der Absatzrückgang um fast zehn Prozent damals trug maßgeblich zur aktuellen Krise bei. Tanja Gönner, BDI-Hauptgeschäftsführerin, hebt die geringe Kapazitätsauslastung zu Beginn des vierten Quartals 2025 hervor, die Bände über die Lage in der Branche spricht.
Der sanfte wirtschaftliche Aufschwung 2025 von 0,2 Prozent brachte kaum Entlastung, und für 2026 steht ein Wachstum von nur einem Prozent in Aussicht, bedingt durch staatliche Investitionen. Trotz dieser Hoffnung bleibt die Stimmung in der Industrie fragil. Zu den besonders betroffenen Branchen zählt die Stahlindustrie, die mit einer Produktion von 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl auf einem Tiefpunkt seit 2009 angekommen ist. Ein Rückgang der Kapazitätsauslastung auf unter 70 Prozent verstärkt den Druck und die Forderung nach Standortsicherung im Jahr 2026.
Um den drohenden 'freien Fall' der deutschen Wirtschaft zu stoppen, fordert Leibinger strukturelle Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehören Bürokratieabbau, ein kosteneffizientes Energiesystem, schnellere Genehmigungen und flexiblere Arbeitszeitmodelle. Auch die Industrie selbst muss resilienter werden und vor allem Lieferketten diversifizieren, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Rückblickend hätten viele Unternehmen in einer Phase günstiger Bedingungen kostspielige Strukturen entwickelt, die heute zur Last werden.

