Wasserwerfer und Tränengas gegen Demonstranten in Istanbul

27. Dezember 2013, 20:20 Uhr · Quelle: dpa

Istanbul (dpa) - Im Korruptionsskandal in der Türkei ist die Polizei am Freitagabend mit großer Härte gegen regierungskritische Demonstranten im Zentrum von Istanbul vorgegangen. Die Sicherheitskräfte setzten schon vor Beginn der Demonstration Wasserwerfer, Tränengas und Plastikgeschosse ein.

Die nach Schätzungen von Augenzeugen mindestens 1000 Demonstranten forderten in Sprechchören den Rücktritt der Regierung. Sie skandierten außerdem wie bereits bei den Protesten im Sommer: «Überall ist Taksim, überall ist Widerstand».

Die Regierungsgegner hatten wegen des Korruptionsskandals zu einer Demonstration auf dem zentralen Taksim-Platz aufgerufen. Die Polizei riegelte den Platz weitgehend ab. Auf der zum Taksim-Platz führenden Einkaufsmeile Istiklal Caddesi ging die Polizei dann gegen Gruppen von Demonstranten vor und verfolgte sie in Seitengassen. Vereinzelte Protestierer bewarfen die Wasserwerfer mit Steinen. Auch aus Ankara wurden Proteste gemeldet. Vom Gezi-Park am Taksim-Platz waren im Sommer die landesweiten Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ausgegangen.

Das oberste Verwaltungsgericht kippte am Freitag nach einem Bericht der Zeitung «Hürriyet Daily News» einen Erlass der Regierung, mit dem Ermittler dazu gezwungen werden sollten, Vorgesetzte über ihre Untersuchungen zu informieren. Die Regierung war von den Korruptionsermittlungen überrascht worden.

Der für die EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara zuständige EU-Kommissar Stefan Füle begrüßte die Entscheidung des Gerichts. Die von der Regierung beschlossenen Vorschriften für die Polizeiarbeit hätten «die Unabhängigkeit der Justiz und deren Handlungsfähigkeit untergraben», hieß es in einer Erklärung Füles. Er erinnerte die Türkei an ihre Pflichten als Beitrittskandidat und forderte die Regierung auf, «alle nötigen Schritte zu unternehmen, damit die Vorwürfe von Rechtsverletzungen ohne Benachteiligung oder Bevorzugung transparent und unparteiisch aufgeklärt werden».

Der Korruptionsskandal belastet das zuletzt ohnehin angeschlagene Vertrauen der Finanzmärkte in das aufstrebende Schwellenland. Besonders deutlich zeigte sich dies am Wert der türkischen Lira, die im Handel mit dem US-Dollar auf ein Rekordtief rutschte. Am Freitag mussten für einen Dollar zeitweise 2,1761 Lira gezahlt werden, so viel wie noch nie. Neben der Währung gerieten aber auch türkische Staatsanleihen und der Aktienmarkt des Landes massiv unter Verkaufsdruck, nachdem sich ausländische Investoren teilweise aus dem Markt verabschiedet hatten.

Der Korruptionsskandal erschüttert die Türkei seit zehn Tagen und hat zum Rücktritt von drei Ministern geführt. Einer davon hatte auch Erdogan zum Amtsverzicht aufgefordert. Erdogan hatte am Mittwoch zehn seiner 26 Kabinettsposten neu besetzt. Bei den Ermittlungen geht es unter anderem darum, ob gegen Schmiergeld illegale Baugenehmigungen erteilt und Handelssanktionen gegen den Iran unterlaufen wurden. Erdogan hat die Ermittlungen als «dreckige Operation» gegen seine Regierung mit Hintermännern im In- und Ausland bezeichnet.

Abgeordnete kehren der Regierungspartei AKP unterdessen den Rücken. Drei Parlamentarier erklärten am Freitag ihren Austritt aus der AKP, wie türkische Medien berichteten. Zuvor hatte bereits Ex-Innenminister Naim Sahin seinen Austritt aus der AKP erklärt. Kurz vor Bekanntwerden des Korruptionsskandals hatte der einstige Fußball-Star Hakan Sükür die Partei verlassen. Die absolute Mehrheit der AKP im Parlament gefährden die Austritte allerdings nicht.

Für Schlagzeilen sorgte in der Türkei am Freitag die Ablösung des Istanbuler Staatsanwalts Muammer Akkas von seinen Korruptionsermittlungen. Er war am Donnerstag von dem Fall abgezogen worden, bei dem regierungskritischen Medienberichten zufolge auch im Umfeld von Ministerpräsident Erdogan ermittelt wurde. Akkas hatte öffentlich beklagt, auf ihn sei Druck ausgeübt worden. Die Polizei habe seine Anordnung ignoriert, Verdächtige festzunehmen. Die Regierung hat zahlreiche ranghohe Polizisten austauschen lassen, darunter den Polizeichef Istanbuls. Ihr wird vorgeworfen, die Korruptionsermittlungen behindern zu wollen.

Regierungskritische Proteste haben in der Türkei in den vergangenen Tagen wieder zugenommen. Sie haben aber längst nicht die Ausmaße vom Sommer erreicht.

Justiz / Innenpolitik / Türkei
27.12.2013 · 20:20 Uhr
[9 Kommentare]
Fahrkartenkontrolle (Archiv)
Berlin - Der Deutsche Anwaltverein (DAV) drängt auf eine Entkriminalisierung des Schwarzfahrens im öffentlichen Nahverkehr. Derzeit gilt das Fahren ohne Fahrschein in Deutschland als Straftat. Ein Zustand, den der Verein für sozialpolitisch verfehlt hält. "Der soziale Nutzen der Strafbarkeit ist zweifelhaft, der Schaden für die Allgemeinheit dagegen […] (04)
vor 1 Stunde
Quantenphysik schlägt künstliche Intelligenz — mit nur neun Atomen
Wer mehr Rechenleistung braucht, baut größere Systeme — so lautet die Grundannahme, auf der ein großer Teil der modernen Computerentwicklung beruht. Mehr Schichten, mehr Verbindungen, mehr Energie. Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Physical Review Letters, stellt diese Logik grundsätzlich infrage. Ein Forschungsteam hat […] (01)
vor 9 Stunden
iPhone ausschalten
Berlin (dpa/tmn) - Trotz jahrelanger Nutzung dürfte es den meisten iPhone-Besitzern wohl nur äußerst selten passiert sein. Aber wenn sich das iPhone doch mal aufhängt und so gar nicht mehr reagiert, dann wissen viele User gar nicht weiter. Dabei ist die Lösung zum Glück oft recht einfach. Ein erzwungener Neustart. Und der geht so: Die Seitentaste […] (00)
vor 1 Stunde
Ich habe mal ausgerechnet, wie viele Stunden ich allein in Charakter-Editoren verbracht habe. Über alle Spiele hinweg, seit ich 2003 meinen ersten Helden in Neverwinter Nights zusammengeklickt habe. Das Ergebnis: mindestens 200 Stunden. Zweihundert Stunden, in denen ich Nasenlängen justiert, Augenbrauen verschoben und Haarfarben verglichen habe, ohne […] (01)
vor 4 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 14 Stunden
Daniel Altmaier
Monte-Carlo (dpa) - Tennisprofi Daniel Altmaier hat sein Auftaktmatch beim Masters-1000-Turnier in Monte-Carlo verloren. Der Deutsche unterlag dem Tschechen Tomas Machac in einer umkämpften Partie mit 4: 6, 6: 1, 3: 6. Nach verlorenem ersten Satz zeigte sich Altmaier stark verbessert. Nach einem schnellen Break zum 3: 1 wehrte er in einem umkämpften […] (01)
vor 8 Stunden
bitcoin, currency, finance, coin, crypto, cryptocurrency, brown finance
Der Wert von Shiba Inu ist im Jahresvergleich um etwa 35% gesunken. Anfang April 2026 wird die Meme-Währung bei etwa $0.000006 gehandelt, weit entfernt von den $0.00000923, die sie Anfang Januar erreicht hatte. In den letzten drei Monaten hat Shiba Inu einen anhaltenden Abwärtstrend erlebt, der sich auch am vergangenen Wochenende fortsetzte. […] (00)
vor 1 Stunde
Veranstaltungstipp – Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen und freier Eintritt
Mainz, 06.04.2026 (lifePR) - Wir laden Familien herzlich zu einer gemeinsamen Entdeckungstour durch die Kunsthalle ein. Hier gibt es immer etwas anderes zu erleben. Gemeinsames Rätseln, Forschen oder Zeichnen vor den Kunstwerken – mach einfach mit! Der Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen findet am Sonntag, den 19/04 um 14 Uhr statt und ist Teil des Programms  Freistunden. Im Rahmen der  […] (00)
vor 8 Stunden
 
Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) (Archiv)
Frankfurt am Main - Die Gründungstätigkeit in Deutschland hat im vergangenen Jahr […] (00)
Wetter in Baden-Württemberg
Offenbach (dpa) - Nachdem der Ostermontag im Nordosten noch windig bis stürmisch […] (02)
Gaszähler (Archiv)
Berlin - Das Bundeswirtschaftsministerium hat offenbar Szenarien durchgespielt, wie […] (05)
Iran (Archiv)
Teheran - Der Geheimdienstchef der Iranischen Revolutionsgarde (IRGC), Majid […] (05)
Netflix zeigt Film «Son-In-Law» ab Mai
Der Streamingdienst bringt Anfang Mai eine satirische Geschichte über Macht, Korruption und […] (00)
Fashion-Influencer «Gramps»
Mainz (dpa) - Er hat rund 5,5 Millionen Follower auf Tiktok, noch mal knapp 2,5 […] (00)
Patrice Aminati
(BANG) - Patrice Aminati gibt ein trauriges Gesundheits-Update. Die Influencerin […] (03)
Harry Kane
München (dpa) - Auf dieses Signal hatte der FC Bayern vor dem Abflug nach Madrid gehofft. […] (04)
 
 
Suchbegriff