Was will und kann der Anti-Missbrauchsgipfel?

21. Februar 2019, 17:22 Uhr · Quelle: dpa

Rom (dpa) - Es ist das erste Treffen dieser Art in der Geschichte der katholischen Kirche. Papst Franziskus hat zu einem Gipfeltreffen geladen, um Missbrauch von Kindern zu verhindern und Vertuschung den Kampf anzusagen. Die wichtigsten Fragen zu der Konferenz.

Warum findet das Spitzentreffen statt?

Die ersten Missbrauchsfälle kamen schon vor Jahrzehnten ans Licht, der Vatikan nennt als erstes den Skandal 1984 in Kanada. Mit Skandalen in den USA, in Irland, Deutschland, Chile und in vielen anderen Ländern wurde der Druck auf die Kirche immer stärker. Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. hatte sich als erster Papst dem Thema gestellt und sich mit Opfern getroffen. Franziskus spricht immer wieder von «Null Toleranz» gegenüber Tätern. Doch in vielen Teilen der Kirche herrscht immer noch Widerstand gegen die Aufklärung.

Wer ist dabei und was wird diskutiert?

Rund 110 Chefs der Bischofskonferenzen der Welt sind dem Ruf des Papstes nach Rom gefolgt, aus Deutschland Kardinal Reinhard Marx. Auch Vertreter der römischen Kurie und der Dikasterien, darunter der Glaubenskongregation, und von Orden und Religionsgemeinschaften sind dabei. Kritisiert wurde, dass nur etwa zehn Frauen eingeladen wurden. Das Treffen ist in drei Themen gegliedert: Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Transparenz. Für viele Opfer wiegt schwer, dass Täter von ihren Vorgesetzten gedeckt und nie bestraft wurden. Auf den Tisch kommen soll auch das Machtgefüge in der Kirche, in der männliche Geistliche das Sagen haben und sich einige Kirchenobere für etwas Besseres halten.

Was sind die Ziele?

Papst Franziskus verlangte direkt zu Beginn der Konferenz «konkrete und wirksame Maßnahmen» gegen sexuellen Missbrauch. Zuvor hatte er mehrfach gesagt, dass es vor allem um das Gebet und das Bewusstmachen des Problems gehen soll. Am Ende soll jeder Bischof in jedem Winkel der Welt die kirchenrechtlichen Verfahren kennen und nicht mehr sagen: Bei uns gibt es sowas nicht. «Um die Schwere der Situation zu verstehen, müssen wir den Opfern zuhören», sagte der Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, der zum Vorbereitungskomitee gehört. Am ersten Tag bekamen die Bischöfe eindringliche Berichte von Betroffenen zu hören.

Der deutsche Pater Hans Zollner, der auch zum Vorbereitungskomitee gehört, will Frauen und Laien - also nicht Geistliche - stärker in den Prozess der Machtkontrolle einbinden. Ihm schweben auch «Task Forces» bei den Bischofskonferenzen vor, die in den einzelnen Ländern helfen sollen, Leitlinien zum Kinderschutz umzusetzen.

Was sind die Probleme?

Missbrauch von Kindern wird in der Welt vollkommen unterschiedlich gesehen. In afrikanischen und asiatischen Ländern oder im Nahen Osten ist das Thema nicht so prominent wie in Deutschland oder den USA. Diese Unterschiede wurden auch in Rom deutlich, wie der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, berichtete. «Bischöfe aus Afrika und Asien sagen: «Warum sprechen wir nur über sexuellen Missbrauch, in meinem Land hat Missbrauch viele Formen, Kinderarbeit, Kindersoldaten, warum diese Fixierung auf sexuellen Missbrauch?»»

Es hängt auch immer vom Kontext ab, wie Missbrauch in der jeweiligen Region in der gesamten Gesellschaft gesehen wird. Auch in der Kurie gibt es Widerstand gegen die Aufklärung. Dazu gehören auch konservative Gegner von Franziskus, die sich generell gegen Änderungen in der Kirche wehren.

Was wollen Opfer und Kirchenreformer erreichen?

Sie wollen vor allem konkrete Taten des Vatikans. Dazu gehört eine Änderung des Kirchenrechts. Priester, Bischöfe und Kardinäle sollen zum Beispiel umgehend aus dem Klerikerstand entlassen werden, wenn sie sich des Missbrauchs oder der Vertuschung schuldig machen. Die Reformbewegung Wir sind Kirche fordert klare Anweisungen, wie mit Verdachtsfällen umzugehen ist. Zudem müsse die Kirche weltweit sexuellen Missbrauch als Verbrechen anerkennen und einräumen, dass eine «verbotsorientierte Sexualmoral» Missbrauch begünstige.

Welche Rolle spielen die Opfer bei dem Treffen?

Der Vatikan hat die Chefs der nationalen Bischofskonferenzen aufgefordert, vor dem Gipfel Opfer zu treffen. Zu Beginn der Konferenz wurden Zeugenberichte anonymisiert per Audio abgespielt. Auch jeweils ein Opfer soll beim Abendgebet Zeugnis ablegen. Am Rande des Gipfels finden Pressekonferenzen und Demonstrationen von Opfervereinigungen statt.

Wird es konkrete Beschlüsse geben?

Überraschend legte Papst Franziskus am Donnerstag 21 Vorschläge vor, die während des Gipfels diskutiert werden sollten. Neu ist zum Beispiel, dass seiner Ansicht nach verstärkt Laien und Nicht-Kleriker bei Untersuchungen gegen Geistliche eingebunden werden sollten. Auch schlägt der Papst die Einbeziehung von Experten bei der Auswahl von Kandidaten für das Priesteramt vor. Die Konferenz kann allerdings keine bindenden Beschlüsse fassen. Es ist bisher auch keine Abschlusserklärung geplant. Der Papst wird aber am Ende der Konferenz eine Rede halten.

Wird auch über den Zölibat diskutiert, also die Ehelosigkeit von Priestern?

Nein, nicht explizit. Es wird auch keine Veränderung der Kirchenlehre in diesem Punkt geben, sagte Zollner der «Welt». Viele Menschen stellen einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch her. Eine Studie der Bischofskonferenz ergab, dass Diakone - die heiraten dürfen - weniger Täter von Missbrauch werden als Priester. Jedoch haben Studien gezeigt, dass die Ehelosigkeit per se kein Grund für Missbrauch ist.

Und was ist mit dem Thema Homosexualität?

Auch hier scheiden sich die Geister. Ein Großteil der Missbrauchsopfer sind Jungen. Ein Zusammenhang mit Homosexualität an sich wurde in mehreren Studien ausgeschlossen. Allerdings wird Homosexualität in der Kirche meist unterdrückt und verschleiert, was nach Ansicht einiger Experten zu einer Kultur des Geheimhaltens und Vertuschens führt.

Was steht für den Papst auf dem Spiel?

Franziskus trat einst als Hoffnungsträger an. Doch der Lack ist mittlerweile ziemlich ab. Beweist er jetzt, dass er sich auch gegen seine konservativen Gegner durchsetzt? Dann dürfte seine Glaubwürdigkeit wieder steigen und das Vertrauen in die Kirche auch. Bleibt alles beim alten und es werden keine wirklichen Neuerungen in Folge des Gipfels eintreten? Dann dürfte auch seine Popularität sinken und seine Autorität schwinden.

Kirche / Missbrauch / Papst / Franziskus / Vatikan
21.02.2019 · 17:22 Uhr
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