Vorwürfe gegen Moët Hennessy: Whistleblower-Klage legt toxische Unternehmenskultur offen
Moët Hennessy, die milliardenschwere Getränkesparte des Luxuskonzerns LVMH, sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert. Eine Klage der ehemaligen Chief of Staff Maria Gasparovic vor dem Arbeitsgericht in Paris wirft dem Unternehmen sexuelle Belästigung, Geschlechterdiskriminierung und eine widerrechtliche Kündigung vor. Die Klägerin fordert 1,3 Millionen Euro Schadenersatz.
Gasparovic war vier Monate nach einem internen Hinweis auf mutmaßliches Fehlverhalten entlassen worden. Laut Klageschrift wurde ihr u. a. gesagt, sie benötige ein „Anti-Verführungs-Coaching“, um befördert zu werden. Zudem warf sie Moët Hennessy vor, nach dem offiziellen Rückzug aus Russland im März 2022 weiterhin Produkte über US-Zwischenhändler dorthin geliefert zu haben. Interne Dokumente belegen, dass in den Jahren 2022 und 2023 Cognac und Champagner im Wert von rund 26 Mio. Euro auf diesem Weg nach Russland gelangten.
Die Entlassung Gasparovics begründete das Unternehmen mit „ungebührlichem Verhalten“. Gleichzeitig reichte Moët Hennessy eine Verleumdungsklage gegen sie ein, nachdem sie ihre Vorwürfe öffentlich gemacht hatte. Gasparovic bestreitet sämtliche Anschuldigungen und beruft sich auf das französische Hinweisgeberschutzgesetz.
Doch sie ist nicht allein. Die Financial Times konnte mindestens vier weitere ehemalige Mitarbeiterinnen identifizieren, die vor ihrem Ausscheiden von Mobbing und Sexismus berichteten. Drei reichten Klage beim Arbeitsgericht ein, mehrere Fälle endeten in Vergleichen. Auch männliche Angestellte meldeten sich mit Beschwerden. Die Beschwerden mündeten in einem drastischen Anstieg an Langzeiterkrankungen. Laut internen Berichten befanden sich zeitweise über 20 Beschäftigte am Firmensitz in Paris im Krankenstand.
Insider beschreiben eine durch Gerüchte und Machtspiele geprägte Unternehmenskultur – ein „boys club“, in dem Frauen systematisch benachteiligt worden seien. Eine Betroffene berichtet, sie sei von der Personalabteilung angewiesen worden, sich an Gerüchte über intime Beziehungen mit Vorgesetzten „zu gewöhnen“. Die Kultur sei einem „königlichen Hofstaat“ gleichgekommen, so eine andere Ex-Mitarbeiterin.
Die Causa Gasparovic hat personelle Konsequenzen ausgelöst. Im Anschluss an ihre öffentlichen Vorwürfe verließen mehrere Topmanager die LVMH-Gruppe, darunter der CEO von Moët Hennessy Philippe Schaus sowie die globale Personalchefin Chantal Gaemperle. Auch Gasparovics damaliger Vorgesetzter Jean-Marc Lacave verließ Anfang 2025 das Unternehmen. Ihr Partner Mark Stead, bis dahin COO, wurde ebenfalls entlassen – offiziell wegen Spesenverstößen. Er verklagt Moët Hennessy seinerseits wegen unrechtmäßiger Kündigung.
Parallel zu den internen Turbulenzen geriet Moët Hennessy auch wirtschaftlich unter Druck. Im vergangenen Jahr war die Getränkesparte die schwächste im LVMH-Konzern. Im Februar wurden Restrukturierungen angekündigt, 1.200 Stellen sollen wegfallen. Der Führungswechsel mit der Berufung von Alexandre Arnault und Ex-CFO Jean-Jacques Guiony markiert den Versuch eines Neuanfangs.
Der Fall Moët Hennessy zeigt, wie schnell eine vermeintlich glamouröse Marke in den Sog struktureller Missstände geraten kann. Ein Pariser Arbeitsrechtsanwalt, der mehrere ehemalige Führungskräfte des Hauses vertritt, bringt es auf den Punkt: „Bei Moët Hennessy gibt es ein ernsthaftes Problem.“


