«Volksverräter» - die zweite Karriere eines NS-Begriffs

10. Januar 2017, 16:30 Uhr · Quelle: dpa

Darmstadt (dpa) - Der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2015 im sächsischen Heidenau wird zum Spießrutenlauf. Zum Protest hält jemand ein Schild hoch: «Volksverräterin».

Im Jahr darauf beleidigt eine aggressive Menschenmenge Bundespräsident Joachim Gauck im ostsächsischen Sebnitz mit dem Begriff «Volksverräter». SPD-Chef Sigmar Gabriel zeigt in Salzgitter rechten Demonstranten wegen der Beschimpfung einen «Stinkefinger».

Der Begriff «Volksverräter» ist nun zum «Unwort des Jahres 2016» gewählt worden. Das Schlagwort sei antidemokratisch, diffamierend und würge in einer Demokratie wichtige Diskussionen ab, meinte die sprachkritische Jury um die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt. Die 48-Jährige machte gerade dieses Mal klar: Dieses «Unwort» habe einen faschistischen und fremdenfeindlichen Hintergrund, komme aus dem Kreis des fremdenfeindlichen Bündnisses Pegida und von Anhängern der AfD.

Andere Sprachwissenschaftler in Deutschland reagieren positiv auf die Entscheidung der unabhängigen Jury. Das Gremium lege einen Finger in die Wunde und prangere negative Formulierungen an.

Merkel wollte sich nicht zur Wahl des «Unwortes» äußern. Die SPD lästerte auf Twitter: Auch dieses Schlagwort sei neben den «Unworten» von 2015 und 2014 - «Gutmensch» und «Lügenpresse» - ein «Beitrag der AfD zur deutschen Sprachkultur».

Dieses Mal sei der Jury - sie besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten - die Wahl besonders schwer gefallen, sagt Janich. «Wir fragen uns immer: Nehmen wir etwas aus dem plakativen Bereich, oder etwas, das mehr Aufklärungswert hat, aber vielleicht weniger Menschen erreichen könnte?» Etwas Plakatives, das hätte laut Janich vielleicht eher ein Begriff aus dem Bereich «der Migration im weitesten Sinn» sein können. Im Rennen waren Begriffe etwa wie «Rapefugee» - eine Kombination aus «Rape» (Vergewaltigung) und «Refugee» (Flüchtling).

«Volksverräter» stammt aus dem politisch rechten Lager, «Unworte» in den Jahren davor kamen auch aus diesem Spektrum. Für 2015 war «Gutmensch» gewählt geworden, davor der Begriff «Lügenpresse». Für Nils Bahlo, Sprachforscher am Germanistischen Institut der Universität Münster, «hat das seine Gründe, dass es so ist». «Volksverräter» sei heute ein Begriff aus dem Volksmund. «Derartige Schlagworte werden oft unreflektiert verwendet», sagt der 37-Jährige. «Die Herkunft dieser Worte und ihre diffamierende Art werden nicht mehr so klar gesehen.» Für die «Unwort»-Jury sei es offensichtlich wichtig, dass die Herkunft eines solchen Begriffs nicht in Vergessenheit gerät.

Für den Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig M. Eichinger, ist das «Unwort 2016» eine «gute Wahl». «"Volksverräter" ist ein starkes politisches Schimpfwort», sagt der 66-Jährige. Die Tradition stamme aus dem 20. Jahrhundert, «geprägt durch die Nationalsozialisten». Jetzt werde das Schlagwort erneut verwendet: «Es ist durch Demonstrationen im rechten Kontext wieder hochgekommen.» 

Für Sprachforscher Jobst Paul vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung hat «Volksverräter» eine Art Positionswechsel vollzogen. Im Nationalsozialismus sei das Schlagwort noch «im Kontext der Gewalt von oben» verwendet worden, erklärt der 70-Jährige. Nun aber sei er «unten» angesiedelt, bei den Bürgern. «Das ist nicht mehr die Sprache eines Regimes, das die Leute "umdreht", sondern die Leute selbst nutzen diese Begriffe.» Diese Veränderung müsse ein Thema der deutschen Sprachwissenschaft insgesamt werden. «Das eigentliche Problem ist: Wo kommt dieser Wechsel her?»

Gesellschaft / Sprache / Deutschland
10.01.2017 · 16:30 Uhr
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