Virus vermasselt Neujahrsfest: «Die Stimmung ist schlecht»

24. Januar 2020, 15:30 Uhr · Quelle: dpa

Wuhan/Peking (dpa) - So ein trauriges Neujahrsfest hat es in China schon seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Nach dem Ausbruch der Lungenkrankheit sind zig Millionen Menschen in der Metropole Wuhan und umliegenden Städten praktisch von der Außenwelt abgeschottet.

Der Nahverkehr, Flüge und Züge wurden gestoppt, die Menschen trauen sich nicht vor die Tür. Die Angst vor dem Virus ist groß. «Die Stimmung in der Familie ist sehr schlecht», schildert Zhang Lin, Professorin an der Wuhan Universität, die ihre Eltern zu dem wichtigsten chinesischen Familienfest zu Besuch hat. «Die Gemütslage ist sehr gedrückt.»

Die Krankenhäuser können den Ansturm der Kranken nicht bewältigen. Viele Krankenpfleger und Ärzte sind selber erkrankt. Das wahre Ausmaß wird offenbar vertuscht. Offiziell ist nur von 15 Infektionen bei Krankenhauspersonal die Rede. Ein hoch ansteckender Patient, der als eine Art «Super-Spreader» das Virus verbreitet hatte, habe allein 14 Mitarbeiter angesteckt, wird berichtet.

Über Wochen waren Lungenkranke behandelt worden, ohne dass die Übertragung des neuartigen Virus von Mensch zu Mensch bekannt war. Ärzte, die namentlich nicht genannt werden wollen, berichten Hongkonger Journalisten, das wesentlich mehr angesteckt worden seien als offiziell zugegeben. In einem Krankenhaus sei ein ganzes Wohnheim für die Quarantäne angesteckter Mitarbeiter eingerichtet worden.

«Es lassen sich infizierte Krankenhausmitarbeiter in fast allen größeren Krankenhäusern in Wuhan finden», sagte ein Arzt der Hongkonger Zeitung «South China Morning Post». Lungenkranke waren mit normalen Patienten im selben Zimmer, bekamen Besuch, wurden behandelt ohne jede Vorsichtsmaßnahme. «Viele medizinische Angestellte sind deswegen erkrankt», wird ein weiterer Arzt zitiert.

Die Zahl der Erkrankten steigt täglich. Es fehlt an Betten und an Tests, um Infizierte zu diagnostizieren. «Jetzt sind viele Krankenhäuser nicht mehr in der Lage, so viele Patienten unterzubringen», berichtet ein Studienabsolvent in Wuhan. «Die Zahl der Kranken muss höher sein als offiziell berichtet», ist der 21-Jährige überzeugt. Es sei traurig: «Die Auswirkungen sind schon heftig», sagte er. «Heute ist der Neujahrsabend. Ich werde zuhause mit meiner Familie zu Abend essen und Fernsehen schauen.»

Vor die Tür gehen sie möglichst nicht. «Ich gehe nicht raus, wenn es nicht notwendig ist», sagt der 21-Jährige. «Und wenn, trage ich Mundschutz, bleibe nicht zu lange draußen, wasche meine Hände häufig und passe auf Sauberkeit auf.» Über die Versorgungslage in der abgeschotteten Stadt macht er sich keine allzu großen Sorgen. «Die Nahrungsmittelknappheit ist nicht so ernst wie manche sagen.»

Ohnehin sind wegen des Neujahrsfestes, das nach dem traditionellen Mondkalender begangen wird, die meisten Geschäfte und Restaurants zu. Auch Universitäten und Schulen haben Ferien. In den Fabriken und Büros wird nicht gearbeitet. So kommt das Land jedes Jahr zum wichtigsten Familienfest der Chinesen praktisch zum Stillstand. Viele Leute kaufen deswegen vorher schon Vorräte ein.

Trotzdem kam es in Wuhan zu Hamsterkäufen von Reis, Speiseöl oder Fertignudeln, wie berichtet wurde. Supermarktregale wurden leer gefegt. Es gab Klagen über explodierende Gemüsepreise, als das öffentliche Verkehrswesen lahmgelegt und damit die Krise allen bewusst wurde. Gesichtsmasken sind vielerorts ausverkauft.

Wie lange die Millionenmetropolen in Zentralchina jetzt praktisch in Quarantäne genommen werden, ist unklar. Ohnehin dauert das Fest zwei Wochen. Aber die Ferien können auch mal vier Wochen gehen. Einige Hundert Millionen Menschen sind zu ihren Familien in die Heimatorte gefahren. Gerade diese «größte jährliche Völkerwanderung» dürfte das Virus erst so richtig im Land verbreitet haben.

Aus Sicht des Virologen Guan Yi von der Hongkong Universität, der wegen des Ausbruchs nach Wuhan gereist war, kam die Abschottung ab Donnerstag deswegen auch zu spät. Überhaupt hätten die Behörden der Elf-Millionen-Metropole den Ernst der Lage nicht schnell genug begriffen. «Ich denke nicht, dass die lokalen Stellen getan haben, was sie konnten», sagte Guan dem chinesischen Magazin «Caixin», was dort trotz Zensur auch nachzulesen ist.

Am Sonntag gab es in Wuhan sogar noch in alter Tradition ein großes Essen zum Neujahrsfest, zu dem die Stadt rund 40 000 Menschen eingeladen hatte. Viele Ärzte schütteln heute den Kopf darüber. Zu dem Zeitpunkt sprach schon vieles dafür, das das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird. Am Tag drauf wurde es offiziell bestätigt. Nur vier Tage später werden sogar Tempelfeste zum Neujahrsfest selbst im fernen Peking abgesagt oder Disneyland in Shanghai geschlossen, um solche Ansammlungen von Menschen zu vermeiden, damit sich das Virus nicht weiter verbreiten kann.

Krankheiten / Gesundheit / Wissenschaft / China
24.01.2020 · 15:30 Uhr
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