Bundesregierung

«Vertrauen Sie mir»: Scholz gibt Leoparden frei

25. Januar 2023, 19:03 Uhr · Quelle: dpa
Was musste Kanzler Scholz sich in den vergangenen Wochen nicht alles anhören in der Debatte um die Lieferung von Kampfpanzern in die Ukraine. Jetzt hat er sich doch noch zu einem Ja durchgerungen.

Berlin (dpa) - Jetzt hat er es also doch noch getan. Am Mittwoch um 11.36 Uhr gibt Bundeskanzler Olaf Scholz den Marschbefehl für die Kampfpanzer Leopard 2 - per E-Mail seines Regierungssprechers. 14 Exemplare aus den Beständen der Bundeswehr sollen die Ukraine im Krieg gegen die russischen Angreifer unterstützen. 74 Leoparden aus anderen europäischen Ländern sollen hinzukommen, um zwei Bataillone ausrüsten zu können. «Diese Entscheidung folgt unserer bekannten Linie, die Ukraine nach Kräften zu unterstützen», erklärt der Kanzler.

Es ist nicht weniger als eine europäische Kampfpanzer-Allianz für die Ukraine, die Scholz da in der kurzen Mitteilung verkündet. Von der Ukraine wird sie schon lange gefordert, von Polen wurde sie zuletzt mit massivem öffentlichem Druck vorangetrieben. Jetzt setzt sich der Kanzler an die Spitze der Panzer-Bewegung. Sein Wort entscheidet, weil die Leopard-Panzer in Deutschland produziert werden und die Bundesregierung jeden Export in die Ukraine genehmigen muss.

Wochenlang hat der Kanzler eisern zu dem Thema geschwiegen. Das Drängeln der Verbündeten, die Kritik der Koalitionäre bis an die Grenze der Beschimpfung - all das ließ er an sich abprallen. So oft er auch nach den Kampfpanzern gefragt wurde, das Wort Leopard ging ihm nicht über Lippen. So war es auch schon mal bei Nord Stream 2, als viele die Kappung der Gasleitung nach Russland von ihm wollten. Aber Drängeln funktioniert bei Scholz nicht. Man bewirkt das Gegenteil: Er sagt dann erst recht nichts.

Sturheit oder erfolgreiche Führungsstrategie?

Seine Kritiker nennen das Sturheit. Der Kanzler hält es für eine erfolgreiche Führungsstrategie: Über Entscheidungen wird erst gesprochen, wenn sie getroffen sind. Die Entscheidungsfindung gehört für ihn hinter verschlossene Türen, in möglichst kleine Zirkel derer, auf die es ankommt. Bei den Panzern war das für Scholz vor allem einer: US-Präsident Joe Biden, den der Kanzler schätzt, wie niemanden sonst auf dem internationalen Parkett.

Leute wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP oder Anton Hofreiter von den Grünen, die ihn in den vergangenen Wochen immer wieder hart attackiert haben, verbucht Scholz dagegen unter Getöse. «Wir werden uns weiterhin nicht von öffentlichem Druck und von lautem Gerede beeindrucken lassen», sagt der SPD-Politiker, als er seine Entscheidung am Nachmittag im Bundestag begründet.

Und an die Menschen in Deutschland gerichtet, die sich Sorgen machen, Deutschland könnte noch weiter in den Krieg hineingezogen werden, sagt er: «Vertrauen Sie mir. Vertrauen Sie der Bundesregierung.» Er werde weiter Unterstützung für die Ukraine ermöglichen - aber «ohne dass die Risiken für unser Land darüber in eine falsche Richtung wachsen». Das ist die zentrale Botschaft des Kanzlers an diesem Tag.

Wird Deutschland zur Kriegspartei?

Die Sorge davor, dass der Krieg so weit eskalieren könnte, dass er zu einer Konfrontation zwischen der Nato und der Ukraine wird, hat Scholz von Anfang an geleitet. Trotz aller Bedenken machte die Bundesregierung aber immer wieder qualitativ neue Schritte bei den Waffenlieferungen - von der Panzerfaust über die Panzerhaubitze zu den Schützenpanzern. Und jetzt der Leopard, der vielleicht schlagkräftigste Panzer der Welt. Ist das jetzt der «Gamechanger», der Deutschland zur Kriegspartei macht?

Das wird auch der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Mittwoch in Berlin nach einem Treffen des Verteidigungsausschusses gefragt. Pistorius holt Luft: «Das muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich habe großes Verständnis für die Menschen in Deutschland und in Europa, die sich Sorgen machen», sagt er.

Scholz nennt rote Linien - Und Russland?

Die Bundesregierung betont immer wieder, dass Deutschland völkerrechtlich nicht Kriegspartei sei. Die richtige Haltung sei Einigkeit mit den Verbündeten, Angst jedoch ein schlechter Berater. Aber was ist mit der anderen Seite, den Russen? «Bislang kann man nicht sagen, dass der russische Präsident Anlässe gebraucht hätte, um seinerseits Entscheidungen zur Eskalation zu treffen», sagt Pistorius.

Auf deutscher Seite gibt es dagegen sehr wohl rote Linien, das macht Scholz im Bundestag sehr deutlich. Die Lieferung von Kampfflugzeugen, die aus der Ukraine bereits gefordert wird, schließt der Kanzler aus. Die Entsendung deutscher Soldaten kommt für ihn ohnehin nicht infrage. «Ich habe gesagt, es wird keine direkte Beteiligung von Nato-Soldaten in dem Ukraine-Krieg geben. Das ist bisher nicht der Fall und das wird auch in Zukunft nicht der Fall sein. Und darauf können sich alle verlassen», verspricht Scholz.

Misstrauen gegenüber Deutschland ist zurückgekehrt

Mit dem Ausgang der Panzer-Debatte dürften diejenigen, die Scholz als Zögerer kritisiert haben, nun zufrieden sein. Auf dem Weg dorthin ist aber einiger Schaden entstanden. Deutschland stand wieder einmal als Bremser da. Bei den osteuropäischen Partnern kam das alte Misstrauen wieder hoch, auf Deutschland sei in militärischen Fragen am Ende kein Verlass. Hätte man das bei aller Notwendigkeit einer vertraulichen Entscheidungsfindung nicht durch eine etwas offenere Kommunikation verhindern können? Diese Frage muss Scholz sich gefallen lassen.

Und auch über die Frage, ob Scholz mehr Getriebener oder Antreiber in der Panzer-Debatte war, wird noch diskutiert werden. Seine Skepsis war jedenfalls lange sehr groß. Dann wurde er von den Verbündeten im Osten gedrängt. Am Ende hat er dazu beigetragen, dass auch die USA ihre Abrams-Panzer liefern. Das war Scholz wichtig, um Risiken auf möglichst starke Schultern zu verteilen.

Biden lobt Scholz am Mittwoch für seine «Führungsstärke». Und er widerspricht Darstellungen, dass er von Scholz über Gebühr unter Druck gesetzt worden sei. «Deutschland hat mich nicht gezwungen, meine Meinung zu ändern», sagt er.

Ausbildung, Ersatzteile, Munition - ein ganzes Paket

Wie geht es nun weiter? Deutschland stellt 14 Leopard 2A6, Polen ebenfalls 14 der älteren Version 2A4. Die beiden Länder bilden jeweils den Kern eines Leopard-Bataillons. Auch die Niederlande wollen Panzer liefern, Finnland hat Bereitschaft erklärt, Spanien auch.

«Wir beginnen jetzt sehr schnell mit der Ausbildung. Wir werden sehr schnell die Nachschubwege klären, und ich denke, dass die ersten Leopard-Panzer in drei Monaten etwa in der Ukraine seien können», sagt Pistorius. Es geht um ein ganzes Paket, bis hin zur Versorgung der kämpfenden Ukrainer mit Ersatzteilen und Munition. In drei Monaten sollen die Panzer in der Ukraine sein.

Und es können auch noch mehr Panzer werden. Die zugesagten 14 seien ein «erster Schritt», heißt es in der Erklärung der Regierung. Hinter den Kulissen kursierten schon Zahlen von bis zu 300 Leopard-Panzern, die insgesamt für die Ukraine bereitgestellt werden könnten.

Die Bundeswehr wird erstmal weiter geschwächt

Die Entscheidung hat allerdings auch Auswirkungen für die Bundeswehr. Militärfachleute warnen bereits davor, die eigene Verteidigungsfähigkeit aus dem Blick zu verlieren - auch wenn sie die Panzer-Entscheidung begrüßen. Es sind zwei Seiten einer Medaille.

«Ich hoffe sehr, dass es den tapferen Ukrainern damit gelingt, den Angriffen der russischen Armee weiter standzuhalten und ihre territoriale Integrität wieder herzustellen», sagt der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst André Wüstner, der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings müsse nun den Blick weiten und «immer mit dem Schlimmsten rechnen», wer seiner Verantwortung gerecht werden wolle. «Was ist, wenn es nicht gelingt, Putin bis 2025 nachhaltig zu schlagen? Was tun wir, wenn er an anderer Stelle weiter droht und eskaliert?», fragt er und fordert eine Abschreckung, die mit konventionellen Waffen zu unterfüttern ist.

Wüstner warnt: «Worte allein reichen dazu nicht, denn die Lage in der Bundeswehr ist prekär wie nie zuvor. Das übrigens kann auch Auswirkungen auf die Nachwuchsgewinnung haben. Wer will schon in einer Bundeswehr dienen, in der es an allen Ecken und Enden fehlt?» Regierung und Parlament müssten «endlich aufwachen». Es müsse nun schnellstmöglich erklärt werden, wann das fehlende und auch an die Ukraine abgegebene Gerät ersetzt werde. Er nennt Flugabwehr, Artilleriesysteme, Schützenpanzer, Kampfpanzer und Munitionsfertigung, die mit derselben Geschwindigkeit vorangetrieben werden müsse wie der Bau von LNG-Terminals.

Konflikte / Krieg / Verteidigung / Bundesregierung / Deutschland / Ukraine
25.01.2023 · 19:03 Uhr
[1 Kommentar]
Anti-Iran-Protest (Archiv)
Islamabad - Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran in Islamabad haben bisher keine offiziellen Ergebnisse hervorgebracht und scheinen bislang zu stocken. Iranische Medien berichten, dass die USA aus Sicht Teherans "überzogene Forderungen" stellten, insbesondere in Bezug auf die Straße von Hormus. Der US-Sender CNN zitiert eine Quelle nahe dem […] (00)
vor 3 Minuten
Perfekt vortrainiert? US-Flugbehörde wirbt gezielt Gamer als Fluglotsen an
Immer weniger junge Menschen bewerben sich in den USA als Fluglotsen. In den letzten zehn Jahren ging der Andrang um sechs Prozent zurück, während der Bedarf und die Durchfallerquote auf hohem Niveau verharrten. »Wo finden wir geeignete Leute für diesen anspruchsvollen Job?«, fragten sich die Mitarbeiter der Flugaufsichtsbehörde FAA, um […] (00)
vor 5 Stunden
Review: Ecovacs GOAT A1600 LiDAR Pro – Smarter Rasenmäher
Wer sich mit smarter Gartenpflege beschäftigt, stößt schnell auf den Ecovacs GOAT A1600 LiDAR Pro. Nach intensiver Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen verschiedener Hersteller habe ich mich bewusst für dieses Gerät entschieden – und nach mehreren Wochen täglichen Einsatzes bin ich restlos überzeugt. Für etwa 1.499 Euro erhält man einen […] (00)
vor 3 Stunden
Anno 117-DLC bringt Katastrophe – Release schon in wenigen Tagen
Die Ruhe ist vorbei. Nach dem Release von Anno 117: Pax Romana kehrt jetzt die erste große Herausforderung zurück und die hat es in sich. Mit dem ersten DLC steht nicht nur neuer Content an. Es geht um etwas, das deine gesamte Stadt bedrohen kann. Ubisoft hat es offiziell gemacht: Der erste DLC „Prophecies of Ash“ erscheint am 23. April. Damit […] (00)
vor 2 Stunden
Punk-Pop-Duo „Ottos Apfel“ träumt von der großen Bühne
Die ZDF-Reihe begleitet zwei Musiker, die mit Leidenschaft und Inklusion das Publikum begeistern. Das ZDF setzt seine Reihe einfach Mensch mit einer neuen Ausgabe fort: Am Samstag, 2. Mai 2026, um 12.00 Uhr steht die Folge „Joey Maurice und Maurice Rieger: Ottos Apfel rockt die Bühne“ auf dem Programm. Bereits seit dem 14. April ist die Dokumentation im Streaming abrufbar. Im Mittelpunkt […] (00)
vor 8 Stunden
FC St. Pauli - Bayern München
Hamburg (dpa) - Freistoß Joshua Kimmich, Volleyschuss Leon Goretzka: So hat der FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga einen 54 Jahre alten Torrekord gebrochen. Zwischen den beiden Champions-League-Krachern gegen Real Madrid gewannen die Bayern mit 5: 0 (1: 0) beim FC St. Pauli und schossen dabei ihre Saisontreffer 101 bis 105. Die bisherige […] (00)
vor 52 Minuten
bitcoin, blockchain, currency, coin, gold, money, finance, digital, crypto, payment
Ein Analyst hat eine mutige Prognose für Ethereum abgegeben und erklärt, dass die Kryptowährung kurz vor einem parabolischen Anstieg steht. Diese Einschätzung basiert auf der Bildung eines sogenannten Goldenen Dreiecks im Chart, das auf einen bevorstehenden Ausbruch des führenden Altcoins hindeutet. Ein solcher Ausbruch könnte auch eine breitere Rallye […] (00)
vor 44 Minuten
Redwood AI: Cloud-Upgrade stärkt Vermarktungspotenzial von “Reactosphere”
Lüdenscheid, 11.04.2026 (lifePR) - Redwood AI (ISIN: CA7579221093 | WKN: A422EZ) , Redwood oder das Unternehmen, freut sich bekannt zu geben, dass “Reactosphere” (die Software oder Plattform), seine KI-gesteuerte chemische Syntheseplattform, jetzt vollständig in der Cloud bereitgestellt wird und Nutzern über eine verbesserte, produktionsbereite […] (00)
vor 10 Stunden
 
Mehrere Verletzte nach Achterbahn-Unfall in Wien
Wien (dpa) - Bei einem Unfall auf einer Achterbahn im Wiener Prater sind fünf […] (00)
Prinz Aimone und Prinzessin Olga von Savoyen-Aosta
Mailand (dpa) - Im ehemaligen italienischen Königshaus Haus Savoyen ist ein seit […] (02)
Shell-Tankstelle (Archiv)
Berlin - Die Chefin der Mittelstandsunion (MIT), Gitta Connemann, warnt die […] (02)
Polizei (Archiv)
Eisfeld - Rivalisierende Fußballanhänger der Fußballclubs Dynamo Dresden und des 1. […] (08)
Der Milliarden-Dollar-Schock: Wie der KI-Boom Samsungs Gewinne über Nacht verachtfacht
Die Explosion der Profitabilität markiert einen beispiellosen Wendepunkt im globalen […] (00)
Harrison Ford
(BANG) - Harrison Ford erklärt, dass seine Schauspielambitionen ihm geholfen haben, […] (01)
FC St. Pauli - Bayern München
Berlin (dpa) - Der FC Bayern hat in der Fußball-Bundesliga eine weitere Bestmarke […] (00)
Leaker: Apples erstes faltbares Smartphone könnte als iPhone Ultra erscheinen
Aktuellen Berichten zufolge plant Apple den Markteinstieg in das […] (00)
 
 
Suchbegriff