Ukraine-Krieg

US-Militärhilfe ausgesetzt - Was das für Kiew bedeutet

04. März 2025, 18:18 Uhr · Quelle: dpa
US-Präsident Trump setzt die Militärhilfe für die Ukraine aus, während sie im russischen Angriffskrieg ohnehin unter Druck steht. Es drohen verheerende Folgen. Können Deutschland und Europa helfen?

Washington/Kiew/Moskau (dpa) - Ohne die US-Hilfen, hieß es immer, ist die Ukraine nicht in der Lage, im russischen Angriffskrieg zu bestehen. Nun hat die US-Regierung unter Präsident Donald Trump die Unterstützung ausgesetzt, um nach dem Eklat im Weißen Haus Druck auf den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj auszuüben, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen. Die Botschaft kam an: Selenskyj reagiert schnell und geht auf Trump zu. Was bedeutet die Aussetzung der US-Hilfen - nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Deutschland und Europa? Hier einige Fragen und Antworten dazu:

Was wird jetzt nicht ausgeliefert und welchen Umfang hat das?

Der Umfang der gestoppten Lieferungen ist vorerst nicht bekannt. Trump hatte von seinem Vorgänger Joe Biden eine Erlaubnis übernommen, noch Waffen aus US-Arsenalen im Wert von umgerechnet über 3,7 Milliarden Euro auszuliefern. Der angeordnete Stopp soll dabei Medien zufolge alle US-Ausrüstungen betreffen, die bisher nicht in der Ukraine sind. Also auch Waffen, die per Flugzeug oder Schiff gerade transportiert werden oder sich in Transitbereichen in Polen befinden.

Was genau auf dem Weg in die Ukraine gestoppt wurde, ist ebenfalls nicht bekannt. Dem Pentagon zufolge war zuletzt Munition für die Himars-Mehrfachraketenwerfer, Panzerabwehrwaffen und Artilleriegranaten in der Auslieferung. Zum Ende Dezember noch genehmigten Paket gehörten auch Munition für Flugabwehrsysteme und schultergestützte Stinger-Flugabwehrraketen. Bereits vor der Trump-Anordnung drohte der Waffenfluss aus den USA wegen fehlender neuer Pakete zu versiegen.

Enden auch geheimdienstliche Informationen aus Washington und Starlink?

Ob die USA auch die Weitergabe ihrer Aufklärungsdaten einstellen, ist unklar. Eine Einstellung wäre für die ukrainischen Streitkräfte ein herber Schlag. Präzisionsschläge hinter der Frontlinie auf Logistikhubs und Stäbe der russischen Armee würden dadurch erschwert. Auch die ukrainische Flugabwehr ist stark auf US-amerikanische Daten beispielsweise über Raketenstarts und in der Luft befindliche strategische Bomber Russlands angewiesen. 

Der vor allem für das Frontgebiet wichtige Einsatz der Starlink-Systeme für Internetverbindungen per Satellit scheint zumindest nicht gefährdet zu sein. Trump-Berater und Starlink-Besitzer Elon Musk dementierte Berichte prompt, dass Washington mit einer Abschaltung drohe. Finanziert wird der Betrieb von etwa 25.000 Starlink-Terminals derzeit durch Polen. Und diese Finanzierung ist nach Auskunft des polnischen Digitalisierungsministeriums mindestens bis Ende September gesichert.

Was bedeutet das für die Ukraine? 

Es ist nicht so, dass die Front nun sofort zusammenbricht, weil das Land noch Reserven hat. Allerdings sind die Nachrichten aus Washington für den Kampfgeist der ukrainischen Verteidiger ein schwerer Schlag. 

Schon als der US-Kongress zu Beginn des Jahres 2024 neue Ukraine-Hilfen blockierte, fiel die Industriestadt Awdijiwka im ostukrainischen Gebiet Donezk in russische Hand. Die gut ausgebaute Frontlinie war vor allem aus Mangel an Artilleriegranaten nicht mehr zu halten, und die ukrainischen Truppen wurden um teils einige Dutzend Kilometer zurückgedrängt. Dieses Mal könnten die Folgen wesentlich dramatischer sein. 

Wie Präsident Selenskyj vor einem Monat erklärte, stammen gut 30 Prozent der Waffen und der Technik, die von der ukrainischen Armee eingesetzt werden, aus den USA. Bei den Waffen selbst lag der US-Anteil demnach sogar bei 40 Prozent, während die Europäer bisher weniger als 30 Prozent beisteuerten. Die Ukrainer und ihre verbliebenen Verbündeten sind dabei nicht in der Lage, einen Ausfall der US-Hilfen zu kompensieren. 

Wie lange kann das von Russland angegriffene Land durchhalten?

Bisher gingen Experten in Schätzungen davon aus, dass die ukrainische Armee allenfalls bis zum Sommer in der momentanen Intensität weiterkämpfen könne. Spätestens dann würde ihr die Munition vor allem bei US-amerikanischen Waffensystemen, wie den Himars-Raketenwerfern oder auch der Patriot-Flugabwehr, ausgehen. Schläge auf die russische Logistik im Hinterland würden seltener werden; und russische Raketen und Drohnen könnten im Gegenzug leichter die ukrainische Flugabwehr durchbrechen.

Sollten die US-Hilfen längere Zeit ohne Ersatz ausfallen, dann sind auch stärkere Frontverschiebungen mit drastischen Konsequenzen auch für das ukrainische Staatsoberhaupt selbst nicht mehr ausgeschlossen. Bisher hat Selenskyj einen in den USA geforderten Rücktritt kategorisch abgelehnt.

Wie reagiert Kiew auf die Drohungen?

Selenskyj hat versucht, die Wogen zu glätten. So drückte er sein Bedauern über den Eklat im Weißen Haus aus und erklärte, es sei Zeit, «die Dinge in Ordnung zu bringen». Zudem betonte er noch einmal ausdrücklich sein Bestreben nach einer schnellen Beendigung des Kriegs. Der erkennbare Wille zum Frieden sei eine der Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Waffenlieferungen, hatte das Weiße Haus deutlich gemacht. 

Selenskyj kommt Trump auch in einem weiteren Punkt entgegen: So erklärte er seine Bereitschaft zur sofortigen Unterzeichnung des vom US-Präsidenten forcierten Rohstoffabkommens. Mit diesen Zugeständnissen hofft Kiew, den schlimmsten Fall der völligen Abkehr Washingtons abwenden zu können.

Was bedeutet das für Russland?

Russland fordert seit langem ein Ende der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine - als Voraussetzung für eine Beendigung des Blutvergießens. Deshalb begrüßte Kremlsprecher Dmitri Peskow die Ankündigung aus Washington, die Militärhilfe einzustellen. Damit erhöhe sich auch der Druck auf Selenskyj für eine Verhandlungslösung.

Die russische Armee könnte aus Sicht des Instituts für Kriegsstudien (ISW) in Washington die Lage nun massiv ausnutzen. «Die Einstellung der US-Militärhilfe und der finanziellen Unterstützung zur Stärkung der ukrainischen Rüstungsindustrie könnte dazu beitragen, das Gleichgewicht des Kriegs zu kippen und Russland größere Vorteile auf dem Schlachtfeld in der Ukraine zu verschaffen, was die Wahrscheinlichkeit eines russischen Siegs in der Ukraine erhöhen würde», heißt es in der ISW-Analyse. Die Experten betonten, dass die bisherige Hilfe dazu beigetragen habe, russische Erfolge zu verhindern.

Konkret könnte Russland nun lange anvisierte Ziele wie die Städte Pokrowsk, Tschassiw Jar und Kupjansk erobern. Auch der für Selenskyj persönlich wichtige ukrainische Brückenkopf im russischen Gebiet Kursk läuft Gefahr, komplett verloren zu gehen. Nach dem Einmarsch dort Anfang August geraten die ukrainischen Truppen schon jetzt zunehmend unter Druck.

 

Können die Europäer einspringen?

Unter den europäischen Staaten tragen bisher Deutschland und Großbritannien die Hauptlast der militärischen Hilfe, wie der Ukraine Support Tracker zeigt. Andere große Staaten - Spanien, Italien und teils auch Frankreich - waren zurückhaltend. 

Der militärische Chefkoordinator der deutschen Ukraine-Hilfe, Generalmajor Christian Freuding, war im Februar in der Ukraine und sagte danach, mit dem nötigen Willen könnten die Europäer US-Hilfen kompensieren. Schon jetzt leisteten sie mit Kanada 60 Prozent der Militärhilfe. Bei kritischer Munition stellten die Europäer und andere Partner nach ukrainischen Angaben sogar 80 Prozent des Materials bereit. Neben mehr Luftverteidigungssystemen brauchen die Ukrainer nach Freudings Worten für ihre 100 kämpfenden Brigaden auch mehr gepanzerte Gefechtsfahrzeuge - als Ersatz für Ausfälle.

Gibt es schon konkrete Pläne der EU?

Auf einem EU-Sondergipfel am Donnerstag wollen die 27 Staats- und Regierungschefs über einen Milliarden-Verteidigungsplan sprechen, den EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat. Dieser sieht etwa einen neuen Fonds von 150 Milliarden Euro vor, um die Verteidigungsinvestitionen in der EU zu erhöhen - unter anderem für Militärhilfen für die Ukraine. 

Von der Leyen hofft, dass ihr Vorschlag zusammen mit privatem Kapital und zusätzlichen Mitteln für die Europäische Investitionsbank nahezu 800 Milliarden Euro für die Verteidigung mobilisieren könnte.

Doch der Gipfel könnte auch Unstimmigkeiten innerhalb der EU in Bezug auf die Ukraine aufzeigen, denn weitreichende Entscheidungen in der EU müssen einstimmig getroffen werden. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban und sein slowakischer Amtskollege Robert Fico haben bereits ihren Widerstand gegen eine gemeinsame Gipfelerklärung zugunsten der Ukraine signalisiert. Beide befürworten Trumps Kurs im Ukraine-Konflikt und pflegen enge Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin.

Was bedeutet das Ausscheren der USA für Deutschland?

Als größter Waffenlieferant der Ukraine nach den USA richtet sich der Blick in erster Linie auf Deutschland. Schon im Wahlkampf wurde über eine Bereitstellung von drei Milliarden Euro zusätzlich für die Ukraine gestritten. Kanzler Olaf Scholz wollte das nur unter Bedingung zulassen, dass die Schuldenbremse ausgesetzt wird. Das wiederum wollte die Union nicht. 

Jetzt beraten Union und SPD in ihren Sondierungsgesprächen über die Regierungsbildung nach der Wahl darüber, wie zusätzliche Milliarden für die Ukraine und die Landesverteidigung locker gemacht werden können. Im Gespräch sind ein Sondervermögen im dreistelligen Milliardenbereich und die Reform der Schuldenbremse.

Welche Folgen hätten zusätzliche Ukraine-Hilfen für die Bundeswehr?

Sollte die Hilfe für die Ukraine ausgeweitet werden, müssten womöglich industrielle Kapazitäten für die Aufrüstung der Bundeswehr umgeleitet werden. Aktuell sind weitere Lieferungen in die Ukraine angekündigt, darunter 20 Schützenpanzer und mehr als 20 Kampfpanzer, zudem drei kombinierte Feuereinheiten des Luftabwehrsystems Iris-T. Außerdem sollen Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard, Radhaubitzen und Panzerhaubitzen, zudem 300 geschützte und gepanzerte Transportfahrzeuge und «viel Munition» an Kiew gehen.

Krieg / Konflikte / Militär / USA / Ukraine / Russland / Fragen und Antworten
04.03.2025 · 18:18 Uhr
[15 Kommentare]
Asylunterkunft (Archiv)
Berlin - Die Asylzahlen in Deutschland sind 2025 deutlich gesunken. Laut Bundesinnenministerium (BMI) gab es im vergangenen Jahr über 82.000 weniger Asylanträge als im Jahr 2024, schreibt die "Bild am Sonntag". Die Antragszahlen sanken konkret von 250.945 auf 168.543 Erst- und Folgeanträge - ein Rückgang von 32,8 Prozent. 2023 waren es noch 351.915 Anträge. Das Innenministerium begründet die […] (00)
vor 16 Minuten
Dieter Bohlen
(BANG) - Dieter Bohlen schätzt an seiner Ehefrau ganz bestimmte Eigenschaften. Der Pop-Titan hat mit seiner langjährigen Partnerin Carina Walz vor wenigen Tagen den nächsten großen Schritt gewagt: Nach fast 20 Jahren Beziehung gaben sie sich an Silvester auf den Malediven das Jawort. Doch was macht Carina für den 71-jährigen Musikproduzenten so besonders? Offenbar wusste Bohlen bereits lange bevor […] (01)
vor 10 Stunden
Review: SwitchBot Smart Heizkörperthermostat-Panel im Test
Mit dem SwitchBot Smart Radiator Thermostat Panel (Matter Combo) präsentiert SwitchBot eine besonders durchdachte Lösung für modernes, intelligentes Heizen. Das System richtet sich an alle, die ihre Heizkosten senken, den Wohnkomfort steigern und gleichzeitig ihr Zuhause zukunftssicher in ein Smart-Home-Ökosystem integrieren möchten – ohne komplizierte Umbauten oder Eingriffe in die bestehende […] (00)
vor 9 Stunden
Resident Evil Requiem knackt 4 Millionen auf der „Wunschliste“
Der Countdown läuft und die Zahlen sprechen dabei eine klare Sprache für das kommende Capcom-Highlight. Resident Evil Requiem hat noch vor dem Release eine beeindruckende Marke erreicht: über vier Millionen Wunschlisten-Einträgen weltweit. Für Capcom ist das nicht nur ein starkes Signal, sondern ein deutliches Zeichen dafür, wie groß die Erwartungen an den nächsten großen Serienableger sind. Die […] (00)
vor 5 Stunden
Kate Winslet
(BANG) - Kate Winslet ist noch immer schockiert darüber, dass sie tatsächlich selbst Regie bei einem Film geführt hat. Die 50-jährige Schauspielerin gab mit 'Goodbye June' ihr Regiedebüt. Das Familiendrama wurde von ihr gemeinsam mit Joe, dem 22-jährigen Sohn ihres Ex-Partners Sam Mendes, geschrieben. Kate gab zu, dass es für sie kaum zu fassen sei, dass sie nun ihren eigenen Film realisiert hat. […] (00)
vor 10 Stunden
Johan-Olav Botn
Oberhof (dpa) - Der norwegische Gesamtweltcupführende Johan-Olav Botn und sein Teamkollege Sturla Holm Laegreid verpassen den Biathlon-Weltcup in Oberhof. Beide sind krank und daher nicht wettkampffähig, wie der norwegische Biathlon-Verband mitteilte. Stattdessen rücken Sverre Dahlen Aspenes und Martin Nevland, der sein Weltcup-Debüt feiert, ins norwegische Aufgebot.  «Ich hätte sehr gerne […] (01)
vor 7 Stunden
bitcoin, currency, finance, coin, crypto, cryptocurrency, brown finance, crypto, crypto, crypto, crypto, crypto, cryptocurrency, cryptocurrency, cryptocurrency, cryptocurrency
Ethereum zeigt nach Monaten volatiler Kursbewegungen wieder Anzeichen von Stärke und beginnt sich zu stabilisieren. Trotz technischer Verbesserungen, die auf eine positive Entwicklung für die Bullen hindeuten, bleiben entscheidende Widerstandsniveaus bestehen. Dies bedeutet, dass die Erholung vielversprechend, aber noch nicht vollständig bestätigt ist. Marktstruktur bleibt trotz Erholung fragil […] (00)
vor 1 Stunde
Marktlücke trifft Milliardenmarkt: LIR Life Sciences setzt zum Durchbruch an
Lüdenscheid, 03.01.2026 (PresseBox) - LIR Life Sciences Corp. (ISIN: CA50206C1005 | WKN: A41QA9), LIR Life Sciences oder das Unternehmen, freut sich bekannt zu geben, dass der innovative Ansatz des Unternehmens, der sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich überzeugt, Barrieren in der Adipositastherapie überwinden kann – sei es durch einfachere Anwendung, bessere Verträglichkeit oder niedrigere […] (00)
vor 10 Stunden
 
Angesichts der turbulenten Geschehnisse in Venezuela mit den jüngsten US-Angriffen und der […] (00)
Hubschrauber der US-Army (Archiv)
Caracas - In der venezolanischen Hauptstadt Caracas haben in der Nacht zu Samstag starke […] (03)
Gewitter
München/Wien (dpa) - 2025 hat es in Deutschland ungewöhnlich selten geblitzt. 99.930 Erdblitze […] (00)
In einer überraschenden Wendung der internationalen Politik hat der britische Premierminister […] (00)
KI ohne Rechenzentren: Ein Infrastrukturmodell gerät ins Wanken
Das rapide Wachstum von Anwendungen künstlicher Intelligenz hat den Bedarf an enormen […] (01)
«Besseresser»: Lege setzt auf ALDI
Eigentlich kennt fast jeder inzwischen Sebastian Leges Enthüllungen über Discounter-Tricks – doch die […] (03)
„Einfach eine bessere Switch“: Diese Nintendo Switch 2-Debatte spaltet gerade die Community
Die Nintendo Switch 2 ist so ein Gerät, das viele Fans jahrelang gefordert haben und trotzdem […] (00)
Silvester - Smartphone
Düsseldorf/Bonn (dpa) - Die Menschen in Deutschland haben in der Silvesternacht so viel […] (00)
 
 
Suchbegriff