Straßenverkehr

Unfallforscher: Weniger Tempo kann Fußgängerleben retten

23. April 2026, 15:44 Uhr · Quelle: dpa
Björn Steiger Stiftung mit Crashtest
Foto: Lars Berg/dpa
Ein Mensch hätte keine Chance gehabt: Das Crashtest-Auto hatte ihn mit 40 Stundenkilometern ungebremst erfasst.
Rund 400 Fußgänger sterben jährlich im Straßenverkehr. Unfalldaten zeigen, dass sie häufig beim Überqueren der Straße verunglücken. Warum Experten Tempo 30 als Regel statt Ausnahme fordern.

Münster (dpa) - Er hat die Mitte des Zebrastreifens erreicht, als ihn das Auto mit Tempo 40 frontal erfasst. Ein dumpfes Krachen, die Windschutzscheibe zersplittert. Der Dummy ist mit dem Kopf gegen das Glas gekracht und wird über die Motorhaube hinweg meterweit nach vorne auf den Asphalt geschleudert.

Der Crashtest, der auf einem Testgelände in Münster im Auftrag der Björn Steiger Stiftung durchgeführt wurde, veranschaulicht deutlich, welche schweren Folgen Zusammenstöße wie diese im echten Leben mit sich brächten. 

«Was wir hier haben sind schwerste Kopfverletzungen, viele Knochenbrüche, wahrscheinlich auch ein Genickbruch», sagt Siegfried Brockmann. Der Leiter der Unfallforschung bei der Björn Steiger Stiftung hat sich nach der Kollision über die zerschrammte Puppe gebeugt und stellt fest: Ein Fußgänger hätte wohl keine Chance gehabt. 

Fußgänger verunglücken häufig beim Queren der Straße

Ein solches Szenario ist auf deutschen Straßen keine Seltenheit, wie eine an diesem Tag vorgestellte Analyse der Unfallforscher zeigt. Für die Auswertung hatte das Team der Unfallforschung der Stiftung das Unfallgeschehen zwischen 2021 und 2024 unter die Lupe genommen und mehr als 1.700 polizeiliche Unfallberichte ausgewertet. 

Die Daten zeigen: Wer als Fußgänger im Straßenverkehr schwer oder gar tödlich verunglückt, hat häufig versucht, eine Straße abseits von Kreuzungen zu überqueren. Der sogenannte Überschreiten-Unfall mache mit einem Anteil von 60 Prozent den Großteil aller Autounfälle mit Fußgängerbeteiligung aus. Danach folgen Abbiegeunfälle mit 29 Prozent. 

Die Mehrheit der Unfälle bei Überqueren der Straße passiere dabei auf Strecken, auf denen eine Geschwindigkeit von 50 Stundenkilometern erlaubt sei, so Brockmann. Um Fußgänger besser zu schützen, fordern die Fachleute daher eine deutliche Reduktion der Regelgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften auf Tempo 30. 

Warum weniger Tempo einen großen Unterschied macht

«20 Stundenkilometer können einen Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen», sagt Brockmann. Eine einfache Rechnung, die so mancher noch aus der Fahrschule kennen dürfte, zeigt den Unterschied: Durch den verlängerten Reaktionsweg - also jene Strecke, die ein Auto zurücklegt, bevor der Fahrer auf die Bremse treten kann - können Autofahrer bei Tempo 50 oft gar nicht mehr ausweichen, wenn vor ihnen ein Mensch auf die Straße tritt. Dabei wäre bei Tempo 30 noch ausreichend Zeit gewesen, das Auto zum Stehen zu bringen. «Das ist aus meiner Sicht eine lebensrettende Maßnahme erster Ordnung», betont Brockmann. 

Er wolle dabei gar keine flächendeckende Tempo-30-Zone in Städten - aber eine «Umkehr von Regel und Ausnahme». Schnelleres Fahren könnte dann zur Ausnahme erklärt werden - etwa auf größeren Hauptstraßen. Bei geltender Gesetzeslage sei es häufig für Planer schwierig, Tempo 30 durchzusetzen. Für Autofahrer seien andererseits sich ständig ändernde Tempo-Begrenzungen schnell unübersichtlich.

Kinder und Senioren sind besonders gefährdet

Laut Statistischem Bundesamt waren Verkehrstote gerade in Städten häufig zu Fuß unterwegs: Rund jeder dritte Unfalltote innerorts war im Jahr 2024 Fußgänger. Besonders häufig sind es sehr junge oder sehr alte Menschen, die als Fußgänger in schwere Autounfälle verwickelt sind, wie Brockmanns Analyse zeigt. 

Allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen, wie die Polizeiberichte offenbaren: Wurden Senioren oft einfach nur übersehen, traten Kinder häufig hinter Hindernissen, wie geparkten Autos, hervor oder rannten für den Autofahrer nicht absehbar auf die Straße. «Eltern müssen ihre kleinen Kinder hier unbedingt im Blick haben», mahnt der Experte.

Senioren sterben dabei insgesamt sehr viel häufiger bei den Kollisionen als andere Altersgruppen: 62 Prozent der getöteten Fußgänger bei einem Überschreiten-Unfall innerorts waren in der Analyse älter als 75 Jahre. Ein Erklärungsansatz: «Hochbetagte können nicht mal eben zum nächsten Zebrastreifen laufen, sie queren die Straße dort, wo sie gerade sind», glaubt Brockmann. Verunglücken sie, seien sie zudem aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters verletzlicher. «Kinder sind da elastischer», so der Experte. 

Experte: Viele Überwege vermitteln Scheinsicherheit

Es brauche daher vor allem an Stellen mit viel Fußgängerbetrieb mehr Querungshilfen, sagt Brockmann - sprich Fußgängerampeln, Zebrastreifen oder Mittelinseln. Das Aber liefert die Unfallanalyse gleich mit: Dort wo Fußgänger sich sicher fühlen, sind sie es nicht immer. 

Jeder vierte schwere Unfall beim Überqueren der Straße passierte an einem Überweg - und zwar nicht nur, weil hier naturgemäß besonders viele Menschen die Straßenseite wechseln, sondern weil sie schlecht gemacht seien. Drei Viertel der Anlagen wiesen laut Unfallberichten Mängel auf: Sie waren durch Buschwerk schlecht einsehbar, parkende Autos versperrten die Sicht, Markierungen waren verblasst oder die Schilder fehlten gänzlich. «Solche Anlagen vermitteln eine Scheinsicherheit und sind inakzeptabel», so Brockmann.

Unfälle / Wissenschaft / Verkehr / Nordrhein-Westfalen / Deutschland / Fußgänger
23.04.2026 · 15:44 Uhr
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