Übernahmegerüchte um Abivax: CEO spricht von „Lärm“ – und nährt zugleich die Fantasie der Märkte
Kursexplosion und M&A-Fantasie
Abivax zählt zu den spektakulärsten Börsengeschichten des vergangenen Jahres. Zwischen Juli und Dezember 2025 schoss die Aktie um mehr als 2.000 Prozent nach oben und erreichte Ende Dezember ein Hoch von 145 Euro, bevor sie nach Dementis der französischen Regierung auf rund 101 Euro zurückfiel.
Auslöser war der klinische Erfolg des entzündungshemmenden Medikaments Obefazimod, das in späten Studienphasen bei Colitis ulcerosa überzeugte. Doch der Kursanstieg wurde zusätzlich befeuert durch Berichte, wonach der US-Pharmariese Eli Lilly an einer Übernahme interessiert sein könnte.
Die französische Publikation La Lettre hatte im Dezember geschrieben, Lilly habe bereits Gespräche mit der französischen Regierung über einen möglichen Erwerb geführt. Regierung und Unternehmen dementierten – und nun bezieht auch CEO Marc de Garidel klar Stellung.
„Es gibt keine Übernahmegespräche“
In einem Interview mit Reuters bezeichnete de Garidel die Spekulationen als „noise“ – als Ablenkung ohne Substanz. Berichte über eine angebliche Prüfung durch das französische Wirtschaftsministerium seien mit den gesetzlichen Abläufen unvereinbar.
Nach französischem Recht könne eine staatliche Investitionskontrolle erst dann beginnen, wenn eine Transaktion offiziell angekündigt worden sei. „Es muss zuerst eine öffentliche Vereinbarung zwischen Käufer und Verkäufer geben. Das ist nicht geschehen“, so de Garidel. Die Vorstellung, es habe bereits formelle Gespräche über eine Übernahme gegeben, sei daher „nicht realistisch“.
Ob es informelle Kontakte mit Pharmaunternehmen gegeben habe, ließ der CEO offen. Zu Marktgerüchten äußere man sich grundsätzlich nicht.
Warum der Markt dennoch an Lilly glaubt
Trotz der Dementis halten viele Investoren eine Übernahme für plausibel. Abivax entwickelt mit Obefazimod ein potenzielles Blockbuster-Medikament für entzündliche Darmerkrankungen. J.P. Morgan beziffert den adressierbaren US-Markt bis 2030 auf über 25 Milliarden Dollar. Analysten von Morgan Stanley, Piper Sandler und Truist sehen Kursziele zwischen 140 und 145 Dollar und stufen Abivax explizit als attraktives M&A-Ziel ein.
Auch die Person an der Spitze verstärkt die Fantasie: Marc de Garidel gilt als einer der erfolgreichsten „Deal-Maker“ der europäischen Biotech-Szene. Er führte Corvidia Therapeutics für 2,1 Milliarden Dollar zu Novo Nordisk und CinCor Pharma für bis zu 1,8 Milliarden Dollar zu AstraZeneca – jeweils in Phasen, in denen der Markt für Übernahmen eigentlich als schwierig galt.
Kapitalbedarf und strategische Optionen
Finanziell ist Abivax bis ins vierte Quartal 2027 durchfinanziert, wird jedoch weiteres Kapital benötigen, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Auf der J.P.-Morgan-Gesundheitskonferenz in San Francisco traf das Management zuletzt zahlreiche Investoren – offiziell, um die Aktionärsbasis zu verbreitern. Inoffiziell dürften dort auch strategische Optionen ausgelotet worden sein.
Entscheidend wird der nächste Meilenstein: Ende Juni werden die Phase-3-Daten zur Erhaltungstherapie von Obefazimod erwartet. Ein Erfolg würde das klinische Risiko massiv senken – und Abivax von einer hochspekulativen Wette in ein reifes Übernahmeziel verwandeln.
De Garidel mag die Übernahmegerüchte als „Lärm“ bezeichnen. Doch an den Kapitalmärkten gilt: Wo sich fundamentaler Durchbruch, Milliardenmarkt und ein CEO mit bewährter Exit-Historie treffen, entsteht zwangsläufig M&A-Fantasie. Ob Eli Lilly tatsächlich zugreift, bleibt offen. Sicher ist nur: Abivax ist längst auf dem Radar der globalen Pharmariesen.


