Terry Mystica: Der Brettspiel-Strategiekracher im Test
Terra Mystica steht mittlerweile schon seit mehr als drei Jahren im Handel. Unter Brettspiel-Freunden genießt der Titel einen exzellenten Ruf und wurde unter anderem auch mit dem Deutschen Spielepreis 2013 ausgezeichnet. Ein solches Highlight darf in unserer Rezensionsreihe natürlich auch keinen Fall fehlen. Wir haben also in den Archiven gekramt und Terra Mystica auf den Prüfstand gestellt.
Nach Haus der Sonne und Arler Erde wildern wir einmal mehr in den Gefilden des Feuerland-Verlags und knöpfen uns nun Terra Mystica vor. Auf dem Tisch liegt ein dickes und schweres Spielepaket, vollgestopft mit etlichen Tableaus, Markern und Figuren.
Hochwertiges Material
Wie nicht anders vom Feuerland-Verlag gewohnt, verfügt auch Terra Mystica über ein sehr hochwertiges Material. Die Figuren sind aus Holz und die zahlreichen Marker aus Pappe sind dick und robust. Die Optik ist eher zweckmäßig gehalten. Statt quietschbunter Illustrationen wurde mehr Wert auf die Übersichtlichkeit des Spiels gelegt. So erklären sich viele Mechaniken schon auf den ersten Blick. Eine gute Entscheidung, denn Terra Mystica ist mit einem ziemlich umfangreichen Regelwerk ausgestattet. Eines vielleicht vorweg: trotz der vielen unterschiedlichen Mechaniken und Feinheiten, die es im Spiel zu beachten gilt, spielt sich Terra Mystica wie aus einem Guss. Auf den ersten Blick wirken die Regeln erschlagend, doch schon nach kurzer Zeit fühlt sich alles logisch und homogen an.
Im Spiel streiten sich unterschiedliche Völker um die Vorherrschaft in einer Fantasy-Welt. Sie bauen Häuser, Tempel und Festungen, um ihre Stellung im Reich zu festigen. Zur Auswahl stehen dabei nicht weniger als 14 (!) Völker. Dessen Vorlieben könnten allerdings unterschiedlicher kaum sein. Während sich die Hexen lediglich in Wäldern wirklich wohl fühlen, bevorzugen die Zwerge das Gebirge, die Chaosmagier die Einöde und die Fakire die Wüste. Ihre Gebäude errichten sie lediglich auf ihrem bevorzugten Terrain. Zum Glück verfügen alle Völker über die wunderbare Fähigkeit des Terraformings. So kann eine Sumpflandschaft mit etwas Aufwand in einen Wald verwandelt werden.
Fleißige Handwerker
Jedes Volk kann grundsätzlich auf vier unterschiedliche Gebäudetypen zurückgreifen: Wohnhäuser, Handelshäuser, Tempel, Festungen und Heiligtümer. Diese werden zu Spielbeginn auf dem individuellen Völker-Tableau platziert. Sobald ein Gebäude vom Tableau entfernt und ins Spiel gebracht wurde, bekommt ihr frisches Einkommen hinzu, das euch nun in jeder neuen Runde zur Verfügung steht. Je mehr Gebäude ihr also ins Spiel bringt, auf desto mehr Ressourcen könnt ihr auch zugreifen.
Investiert werden können vornehmlich Arbeiter und Gold. Durch die Kraft der Arbeiter könnt ihr allerdings nicht nur Häuser bauen, sondern auch die Geländearten terraformen. Ein wesentliches Problem besteht dabei jedoch darin, dass Gelände nur verändert werden darf, wenn es sich in Nachbarschaft zu einem eigenen bebauten Feld befindet. So müsst ihr also entweder einen immensen Aufwand betreiben und das gesamte Gebiet umpflügen oder aber einen anderen Weg finden. In manchen Fällen hilft euch vielleicht eine einfache Brücke weiter, die euch den Weg über einen der vielen Flüsse ermöglicht. Alternativ setzt ihr auf die Schifffahrt. Mit Erlernen dieser Technik könnt ihr eine oder gar mehrere Flussfelder überwinden und entlegene Gebiete für euch erschließen.
Konkurrez belebt das Geschäft
Die Kunst der Schifffahrt müsst ihr allerdings erst erlernen, müsst also zuvor bestimmte Ressourcen investieren, die euch dann an anderer Stelle möglicherweise wieder fehlen. Auch die wichtige Funktion des Terraformings kann verbessert werden. Baut ihr diese Völker-Fähigkeit aus, müsst ihr weniger Arbeiter für eine Umwandlung von Gelände einsetzen.
Es lohnt sich aber auch durchaus, nicht nur auf die entlegenen Felder der Karte auszuweichen. Die direkte Nähe zu einem der Konkurrenten hat doch erhebliche Vorteile. Setzt ihr ein Gebäude in die Nachbarschaft eines Mitspielers, könnt ihr Siegpunkte in Machtpunkte umwandeln. Das bringt uns gleich zu einer weiteren wichtigen Mechanik in Terra Mystica: der Macht.
Jedes Volk besitzt insgesamt zwölf Machtchips, die sich in drei Schalen aufteilen. Es können jedoch nur Machtpunkte eingesetzt werden, die sich in der dritten Schale befinden. Erhaltet ihr durch eine Aktion nun einen Machtpunkt, schiebt ihr einen Chip von der ersten in die zweite Schale. Erst wenn sich in der ersten Schale keine Chips mehr befinden, wandern sie in Schale Nummer drei. Liegt auch nur ein einziger Chip in der ersten Schale, muss dieser Chip auch als erstes wieder verschoben werden. Alle Chips, die sich in der letzten Schale befinden, können jedoch investiert werden. In diesem Fall werden die ausgegebenen Chips wieder in die erste Schale gelegt. Das klingt vielleicht zunächst kompliziert, erschließt sich im laufenden Spielbetrieb aber ziemlich rasch.
Das Spiel mit der Macht
Die Macht spielt in Terry Mystica eine gewichtige Rolle. Sie gibt euch Zugriff auf viele wichtige Funktionen. Mit ihr könnt ihr zum Beispiel eine Brücke bauen, weitere Arbeiter bekommen oder auch einen Priester. Letzterer muss etwa investiert werden, um die Schifffahrt-Technik zu verfeinern, aber auch für einige andere Aktionen. Mit Machtpunkten könnt ihr aber auch ohne weitere Kosten das Gelände verändern. Allerdings kann jede Machtaktion pro Runde nur einmal eingesetzt werden. Löst ein Spieler also eine dieser Aktionen aus, kann sie von keinem anderen Spieler mehr verwendet werden. Das Timing, wann welche Aktion eingesetzt wird, ist in Terra Mystica also auch von Bedeutung.
Doch damit nicht genug. Jedes Volk kann weiteres Einkommen generieren, wenn es einen Tempel oder ein Heiligtum baut. Der Bau dieser Gebäude werden nicht nur mit einer Priesterfigur pro Runde belohnt, sondern auch mit einer Gunst der Götter. Die Göttergünste verleihen euch zusätzliche Vorteile, wie etwa Machtpunkte, Gold oder Arbeiter. Einige der Gunst-Plättchen lassen euch aber auch in der Hierarchie der Elemente weiter aufsteigen. An dieser Stelle kommen nun die Kultskalen ins Spiel.
Die Macht der Elemente
Die Kultskalen werden durch ein gesondertes Tableau dargestellt. Aufgeführt sind hier die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Zum Beispiel durch den Gewinn eines Gunstplättchens dürft ihr eure Marker in einem der vier Bereiche nach oben bewegen. Auf dem Weg nach oben sammelt ihr unterwegs immer wieder ein paar Machtpunkte ein. Besonders wichtig werden die Kultskalen jedoch am Ende des Spiels. Bei der Auswertung gibt es mit den Kultskalen eine Menge Extrapunkte zu gewinnen. Die oberste Stufe einer Skala kann allerdings erst erklommen werden, wenn ihr eine Stadt gegründet habt.
Um eine Stadt zu gründen, müsst ihr mindestens vier Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft errichtet haben. Befindet sich darunter ein Heiligtum, reichen auch drei Gebäude. Allerdings müssen die Gebäude über einen Wert von mindestens sieben Punkten verfügen. Ein Wohnhaus ist einen Punkt wert, ein Handelshaus oder ein Tempel bringt euch zwei Punkte, Festung und Heiligtum zählen bei dieser Berechnung jeweils drei Punkte. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, steht der Stadtgründung nichts mehr im Wege. Als schicken Bonus könnt ihr euch noch eine der Stadtplättchen auswählen, die euch noch ein paar Extras einbringen. In der Endauswertung gibt es obendrauf noch gehörig viele Siegpunkte für die größten zusammenhängenden Areale.
Viele Wege führen zum Sieg
Ein paar kleinere Mechaniken von Terra Mystica seien euch an dieser Stelle erspart. Den Gesamtwerk der Regeln findet ihr allerdings auf der Homepage von Feuerland-Spiele zum kostenlosen Download. Vor dem ersten Spiel müsst ihr schon durch 20 Seiten Anleitung wühlen. Der Einsatz einer Vielzahl von Mechaniken und kleinen Feinheiten wirkt möglicherweise zunächst abschreckend. Unter dem Strich werdet ihr aber auch schnell mit allen Details vertraut gemacht.
Dafür belohnt euch Terra Mystica am Ende mit einem gut ausbalancierten Spielerlebnis, in der keine Partie wie die andere verläuft. Dafür sorgen vor allem die vierzehn unterschiedlichen Völker. Jedes von ihnen spielt sich dank ihrer Spezialfertigkeiten gänzlich anders. Wenn ihr beim Spielen die Völker immer ein wenig wechselt, werdet ihr die bemerken, dass stets eine andere Strategie erfolgversprechender ist. Die vielbeschworene Langzeitmotivation ist bei Terra Mystica auf jeden Fall ein ganz dicker Pluspunkt.





