Telegram-Gründer Durov in Bedrängnis: Freiheit am Scheideweg
Telegram-Chef Pavel Durov, der noch im Februar in den höchsten Tönen von seinem „perfektem Job, perfektem Leben“ schwärmte, sieht sich nun einer ungewissen Zukunft gegenüber. Der russischstämmige Milliardär, der sich oft als Vordenker einer freien digitalen Welt inszenierte, steht in Frankreich vor schweren Anschuldigungen, darunter die Duldung krimineller Inhalte auf seiner Plattform sowie die Verweigerung von polizeilichen Datenanfragen. Dies könnte für ihn ein mögliches Gefängnis bedeuten.
In seinem modernen Büro in Dubai, hoch oben im 35. Stock, erklärte Durov einst die Symbolik des Telegram-Logos – ein weißes Papierflugzeug auf blauem Hintergrund –, das für ihn grenzenlose Freiheit repräsentiert. Doch wenige Monate später droht ihm der Verlust eben dieser Freiheit, nachdem er kürzlich am Flughafen verhaftet wurde. Zwar ist Durov nun wieder auf freiem Fuß, aber er darf die Vereinigten Arabischen Emirate nicht verlassen.
Durov, der in seiner Heimat Russland als Gründer der Plattform VKontakte Bekanntheit erlangte, hat Telegram stets als Bastion unverfälschter Meinungsfreiheit positioniert. Unter seiner Führung entwickelte sich Telegram zu einem bedeutenden Kommunikationsmittel für Dissidenten in repressiven Regimen, oft aber auch zu einem Tummelplatz für illegale Aktivitäten. Die Plattform nähert sich der Schallmauer von einer Milliarde Nutzern, während Durov ein nomadisches Leben als Multimilliardär führt.
Die idealistische Verweigerung von Sicherheitsmaßnahmen hat jedoch ihren Preis. Staaten zeigen sich wenig beeindruckt von solchem Idealismus, der die Sicherheit gefährdet. Durovs Verhaftung könnte ein Wendepunkt sein und die Zeiten niedrigerer Verantwortlichkeit für Tech-Führer beenden. Ambitionierte Pläne für einen Börsengang könnten nun ins Wanken geraten.
Wie wird Durov auf diese Krise reagieren? Steht er zu seinen Prinzipien, könnte dies ihm den Märtyrerstatus einbringen, wobei auch eine lange Gefängnisstrafe droht. Sein ehemaliger Mitgründer Axel Neff sieht Durov, der sich früher unantastbar fühlte, nun in einer veränderten Realität. Sollte er seine Haltung ändern, würde er jedoch nicht mehr der „echte Pavel Durov“ sein.
Durovs Lebenslauf ist facettenreich. Er wurde 1984 in Sankt Petersburg geboren, baute in den 20ern VKontakte auf und sah sich 2014 gezwungen, Russland zu verlassen, nachdem er sich weigerte, Daten ukrainischer Oppositioneller weiterzugeben. Mit seinem Bruder Nikolai gründete er Telegram aus dem Bedürfnis nach sicherer Kommunikation heraus. Besonders die Enthüllungen von Edward Snowden über die Überwachungspraktiken der US-Geheimdienste inspirierten ihn.
Privatleben und Geschäftspraktiken von Durov sind oft von Geheimnissen und Spekulationen umwoben. Kritiker und Unterstützer sehen in ihm zugleich einen visionären Unternehmer und einen Meister der Selbstinszenierung. Neff beschreibt ihn als Mischung aus Eitelkeit und Noblesse. Seine strenge Fitnessroutine und zahlreiche Schilderungen seiner asketischen Lebensweise verleihen seinem Bild weiteren mystischen Glanz.
Sein Verhalten gegenüber Russland bleibt unklar. Trotz zahlreicher Gerüchte über heimliche Reisen und Verbindungen leugnet Durov jegliche heimlichen Beziehungen zu seinem Geburtsland und vermeidet klare Statements zur aktuellen politischen Lage.
Diese halbherzig neutrale Positionierung könnte seiner Reputation und seinem Ziel, sich von Russland zu distanzieren, schaden. Experten wie Aleksandra Urman von der Universität Zürich sehen in Durovs Unentschiedenheit eine Gefahr für seine Glaubwürdigkeit. Die jüngsten Ereignisse haben jedenfalls genug Zündstoff für diplomatische Konflikte zwischen Paris und Moskau geliefert, wodurch Durovs Weg in die Zukunft noch unsicherer wird.

