So nahe war die Meyer Werft dem Aus
Staatseinstieg nach existenzieller Schieflage
Über mehr als 230 Jahre war die Werft im emsländischen Papenburg ein Familienunternehmen. Ende 2024 änderte sich das abrupt. Bund und Land Niedersachsen stiegen mit jeweils 40 Prozent ein und stellten 400 Millionen Euro Eigenkapital bereit. Der Familie Meyer blieben 20 Prozent.
Auslöser war eine existenzielle Liquiditätskrise. Banken zogen sich zurück, Aufträge waren zwar vorhanden, erwiesen sich jedoch als wirtschaftlich hochriskant. Die Alternative zum Staatseinstieg wäre die Insolvenz gewesen.
Verluste in bislang unbekannter Größenordnung
Dem Handelsblatt vorliegende interne Zahlen zeigen, wie dramatisch die Lage war. Der Einzelabschluss der Werft in Papenburg weist für 2024 einen Verlust von 489 Millionen Euro aus. Auf Konzernebene, inklusive der Neptun Werft in Rostock, summierte sich das Minus auf 574 Millionen Euro.
Bereits 2023 hatte Papenburg 225 Millionen Euro Verlust gemacht, der Konzern 261 Millionen. Innerhalb von zwei Jahren liefen damit Verluste von mehr als 700 Millionen Euro allein am Hauptstandort auf.
Ein Großteil des Minus 2024 entfällt auf Drohverlust-Rückstellungen für unrentable Aufträge aus der Zeit vor dem Staatseinstieg. Nach Einschätzung des heutigen Managements hätten diese Projekte nie angenommen werden dürfen.
Streit um Verantwortung
Genau hier beginnt der Konflikt. In Unternehmenskreisen wird zunehmend ein Narrativ verbreitet, wonach Fehlentscheidungen der Familie Meyer maßgeblich zur Krise geführt hätten: mangelhafte Prozesse, veraltete IT, unklare Zuständigkeiten und wirtschaftlich problematische Aufträge.
Familienoberhaupt Bernard Meyer weist das zurück. Aus seinem Umfeld heißt es, die Vorwürfe seien einseitig und blendeten die außergewöhnliche Lebensleistung der Familie aus. Die öffentliche Debatte treffe ihn persönlich hart, der Begriff „Enteignung“ sei gefallen.
Erfolg auf fragilem Finanzierungsmodell
Die strukturellen Probleme reichen weit zurück. Das Geschäftsmodell im Kreuzfahrtschiffbau ist kapitalintensiv. Rund 80 Prozent des Kaufpreises werden erst bei Übergabe eines Schiffes gezahlt. Bis dahin müssen Baukosten über Anzahlungen, Bankkredite und Bürgschaften finanziert werden.
Dieses System brach in der Pandemie zusammen, als Reedereien keine neuen Schiffe bestellten und Kreuzfahrten weltweit stillstanden. Spätestens seit der Insolvenz der MV Werften 2022 wurden Banken bei der Schiffsfinanzierung noch vorsichtiger.
Wettbewerber mit Staat im Rücken
Während die Meyer Werft auf private Finanzierung angewiesen war, konnten Konkurrenten auf staatliche Eigentümer bauen. Fincantieri gehört mehrheitlich dem italienischen Staat, Chantiers de l’Atlantique zu über 80 Prozent Frankreich. Das erleichterte die Finanzierung neuer Großprojekte erheblich.
Um die Auslastung zu sichern, akzeptierte Meyer Aufträge mit geringen oder negativen Margen. Kurzfristig blieben Jobs erhalten, langfristig fraß das die Eigenkapitalbasis auf.
Sanierung und neue Aufträge
Seit April 2024 versucht Sanierer Ralf Schmitz gemeinsam mit Geschäftsführer Bernd Eikens, die Werft zu stabilisieren. Der Staatseinstieg war Voraussetzung dafür. Zugleich führte er zu mehr Transparenz und öffentlichen Berichten über Probleme – was den Konflikt mit der Familie weiter verschärfte.
Ende 2025 kam die Wende: Die Schweizer Reederei MSC Cruises bestellte vier bis sechs neue Kreuzfahrtschiffe mit einem Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro. Die Zahlungsmodalitäten wurden angepasst, mit Abschlägen nach Baufortschritt statt erst bei Übergabe.
Blick nach vorn mit neuem Chef
Zum 1. Juli übernimmt André Walter die Führung der Werft. Der Produktions- und Sanierungsexperte kommt von Airbus und bringt Erfahrung im Umgang mit komplexer Fertigung, Politik und Gewerkschaften mit.
In Führungskreisen heißt es, der hohe Verlust 2024 könne auch als reinigender Schnitt verstanden werden. Altlasten seien bilanziell verarbeitet, ab 2025 werde mit deutlich besseren Zahlen gerechnet.
Ob sich damit auch das zerrüttete Verhältnis zwischen Familie, Management und Staat entspannen lässt, ist offen. Als Moderatoren sollen unter anderem der frühere Bundespräsident Christian Wulff und der Jurist Christian von Lenthe vermitteln. Klar ist: Die Meyer Werft war näher am Aus, als lange bekannt war – und ihre Zukunft hängt nun davon ab, ob wirtschaftliche Stabilisierung und innerer Frieden gleichzeitig gelingen.


