Sechs Gründe für mehr Wachstum: Warum die Eurozone 2026 positiv überraschen könnte
1. Weniger Gegenwind aus den USA
Der erste Faktor liegt außerhalb Europas. Nach Schmiedings Einschätzung dürfte der handelspolitische Druck aus Washington 2026 nachlassen. Im Vorfeld der US-Kongresswahlen werde Präsident Trump darauf achten müssen, die Inflation nicht weiter anzuheizen.
Sollte es tatsächlich zu keiner aggressiven Ausweitung der Zölle kommen, würde der außenwirtschaftliche Gegenwind für europäische Exporteure abnehmen – ein spürbarer Entlastungsfaktor für das verarbeitende Gewerbe.
2. Die lockere Geldpolitik wirkt
Die geldpolitische Lockerung der Europäischen Zentralbank entfaltet zunehmend Wirkung. Besonders sichtbar wird das im Kreditmarkt:
- Hypothekenkredite wuchsen zuletzt mit 2,8 Prozent – nach nur 0,5 Prozent Ende 2024
- Baugenehmigungen und Bauaufträge zeigen eine Trendwende
Der Wohnungsbau könnte 2026 wieder anziehen und 2027 weiter an Dynamik gewinnen. Der klassische geldpolitische Transmissionsmechanismus greift – mit zeitlicher Verzögerung.
3. Energiepreisschock weitgehend verarbeitet
Die Energieeinfuhrrechnung der Eurozone ist von knapp 6 Prozent des BIP im Jahr 2023 auf unter 2,5 Prozent im dritten Quartal 2025 gesunken.
Drei Entwicklungen wirken hier zusammen:
- niedrigere Öl- und Gaspreise
- strukturelle Einsparungen
- Verschiebung weg von energieintensiven Industrien
Das schafft finanziellen Spielraum für Konsum und Investitionen im Inland – ein bedeutender Wachstumstreiber.
4. Rekordniedrige Arbeitslosigkeit
Mit 6,2 Prozent lag die Arbeitslosenquote im Dezember 2025 auf dem niedrigsten Stand seit Einführung des Euro.
Ein robuster Arbeitsmarkt stützt:
- das Verbrauchervertrauen
- die Konsumneigung
- die Investitionsbereitschaft der Unternehmen
Gerade in einem binnenwirtschaftlich getriebenen Aufschwung ist dies ein entscheidender Stabilitätsanker.
5. Politische Stabilisierung in Frankreich
Das Risiko einer schweren politischen Krise in Frankreich ist zuletzt gesunken. Die Minderheitsregierung konnte Misstrauensvoten überstehen, der Haushalt 2026 wurde verabschiedet.
Zwar löst dieser die strukturellen Probleme des Landes nicht, verschärft sie aber auch nicht wesentlich. Die Wirtschaftsstimmung verbesserte sich zuletzt deutlich und erreichte wieder ihren langfristigen Durchschnitt.
Ein stabileres Frankreich reduziert politische Unsicherheitsprämien im Euroraum.
6. Deutscher Fiskalimpuls gewinnt an Fahrt
Deutschland dürfte 2026 einen zusätzlichen Wachstumsimpuls liefern. Auch wenn die staatlichen Ausgaben langsamer fließen als erhofft, erwartet Schmieding einen positiven Beitrag von rund 0,3 Prozentpunkten.
Das deutsche Wachstum könnte sich damit von 0,3 Prozent im Vorjahr auf rund 0,8 Prozent erhöhen. Frühindikatoren wie steigende Inlandsaufträge im verarbeitenden Gewerbe deuten bereits auf diesen Effekt hin.
Zyklischer Höhepunkt 2027 – danach Bremse durch die EZB
Für 2026 rechnet Berenberg mit einem Wachstum von 1,3 Prozent – leicht über der Trendrate von 1,2 Prozent. 2027 könnte die Eurozone sogar 1,5 Prozent erreichen.
Doch ein stärkerer Zyklus hat geldpolitische Konsequenzen. Ab Mitte 2027 dürfte die EZB ihren Einlagensatz schrittweise von 2 Prozent auf etwa 3 Prozent anheben – zurück in einen neutralen Bereich.
Die Folge: 2028 dürfte sich das Wachstum wieder moderat auf rund 1,3 Prozent abschwächen.
Fazit
Erstmals seit vier Jahren überwiegen laut Schmieding die Aufwärtsrisiken gegenüber den Abwärtsrisiken.
Weniger externer Gegenwind, geldpolitische Unterstützung, fiskalische Impulse und ein robuster Arbeitsmarkt bilden ein solides Fundament.
Die Eurozone steht damit vor einer Phase moderater, aber nachhaltiger Beschleunigung – sofern größere externe Schocks ausbleiben.


