260 Tote bei Flugzeugabsturz

Risiko oder letzte Firewall? Der Faktor Mensch im Cockpit

17. Juli 2025, 13:18 Uhr · Quelle: dpa
Nach dem tragischen Air-India-Absturz wird die Rolle der Piloten in der Luftfahrt neu bewertet. Ist der Mensch im Cockpit ein Risiko oder ein wichtiger Sicherheitsfaktor?

Frankfurt/Main (dpa) - Nach dem Absturz der Air-India-Boeing mit 260 Toten zweifeln wieder viele Menschen an der Sicherheit der Luftfahrt. Auch wenn die Unfallursache bislang nicht zweifelsfrei geklärt ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Piloten. Wird der Faktor Mensch im Cockpit zunehmend zum Risiko oder bleiben die Piloten noch auf lange Sicht die menschliche Firewall gegen verheerende Unglücke? Dazu Fragen und Antworten:

Sind Flugreisen wirklich gefährlicher geworden?

Nein. Statistisch ist das Gegenteil der Fall. Der deutsche Luftverkehrsverband BDL nennt für den zivilen Luftverkehr 2024 weltweit 334 Todesopfer. Das war zwar ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr (80 Tote), lag aber dennoch weit unter den historischen Werten aus den 70er Jahren, als in einzelnen Jahren mehr als 2.000 Menschen bei Flugzeugunglücken ums Leben gekommen sind. 

Weil sich gleichzeitig die Passagierzahlen mehr als verzehnfacht haben auf aktuell 4,7 Milliarden, war Fliegen im vergangenen Jahr rund 53 Mal sicherer als noch in den 70er Jahren. Zum Vergleich: Allein im deutschen Straßenverkehr sind im vergangenen Jahr 2.770 Menschen ums Leben gekommen. 

Wie ist der Stand der Ermittlungen beim Air-India-Absturz?

Bislang steht fest, dass unmittelbar nach dem Start die Treibstoffzufuhr der Boeing 787 mittels zweier manueller Schalter gestoppt wurde und das Flugzeug in ein Wohngebiet stürzte. Das Wiedereinschalten der Spritversorgung kam zu spät. Während der vorläufige Untersuchungsbericht der indischen Behörden keinen Verursacher nennt, steht etwa für den Hamburger Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt und andere fest, dass einer der Piloten die Schalter betätigt haben muss - mutmaßlich in Suizidabsicht.

Auf einer Tonaufnahme ist zu hören, dass die beiden indischen Piloten noch darüber gesprochen haben, wer den Schalter betätigt hat. Unter Berufung auf US-Ermittler berichtet das «Wall Street Journal», dass der jüngere Co-Pilot entsetzt den Kapitän zur Rede gestellt habe. Dieser sei betont ruhig geblieben und habe abgestritten, den Schalter betätigt zu haben. 

Ein Sprecher des indischen Ministeriums für Zivilluftfahrt und die indische Behörde für Flugunfall-Untersuchung teilten auf Anfrage des Blattes mit, der Bericht der Zeitung über die Piloten sei einseitig. Er lehnte es demnach ab, ihn weiter zu kommentieren.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sieht hingegen wichtige technische und systemische Aspekte noch ungeklärt. Dies gelte beispielsweise für die Arretierungsfunktion der fraglichen Schalter, die möglicherweise nicht korrekt funktioniert habe. «Trotz bekannter Sicherheitsbedenken wurde dieses Bauteil bei Air India weder überprüft noch durch eine verbesserte Version ersetzt.» Für die Piloten steht fest, dass der bisher vorgelegte Bericht keinen eindeutigen Schluss auf eine absichtliche Handlung zulässt. 

Wie häufig sind Piloten-Suizide die Ursache von Abstürzen bei Verkehrsflugzeugen? 

Sogenannte «erweiterte Suizide», bei denen Verkehrspiloten die ihnen anvertrauten Passagiere und Crew-Mitglieder mit in den Tod reißen, sind sehr selten. Das bekannteste Beispiel ist der Co-Pilot Andreas Lubitz, der 2015 zunächst seinen Kapitän aus der Kabine ausschloss und anschließend den Germanwings-Airbus in die französischen Alpen abstürzen ließ. Von den 150 Insassen überlebte niemand. 

Das gilt auch für die 33 Insassen einer Embraer der Airline LAM aus Moçambique, die im November 2013 von ihrem lebensmüden Piloten zum Absturz gebracht wurde. Gerüchte ranken sich zudem um den ungeklärten Absturz der MH370 der Malaysian Airlines, die im März 2014 mit 239 Menschen an Bord über dem Pazifischen Ozean verschwunden ist. Der Flugschreiber der Boeing 777 wurde bislang nicht gefunden. 

Könnten Piloten im Cockpit überhaupt ersetzt werden? 

Das ist noch in weiter Ferne. Zwar forscht die Industrie ähnlich wie bei Autos oder Lastwagen an Flugzeugen, die ohne Besatzung geflogen werden können. Dies soll aber zunächst nicht autonom, sondern per Fernsteuerung (Remote) vom Boden passieren. Mögliche Vorteile wären Einsparungen bei den Personalkosten und verlängerte Flugzeiten für extreme Entfernungen. Ein erster Schritt wäre die Reduzierung auf einen Menschen im Cockpit, was die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) aber gerade nach einer umfassenden Studie als zu unsicher eingestuft hat.

«Zwei gut ausgeruhte, qualifizierte und ausgebildete Pilotinnen und Piloten im Cockpit bleiben der Goldstandard für einen sicheren Flug», sagt der Präsident der deutschen Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Andreas Pinheiro. Allerdings werde die Industrie die Entwicklung weiter vorantreiben. Ungelöste technische Probleme sieht seine Vorstandskollegin Vivianne Rehaag bei der verlässlichen Übermittlung von Daten zwischen der Station und dem Flugzeug. «Das Signal muss absolut sicher und unverfälschbar sein. Das ist aus meiner Sicht derzeit nicht möglich.»

Wie sieht der Arbeitsalltag von Piloten aus?

Die typische Besatzung in den Cockpits von Verkehrsflugzeugen ist seit den 1960er Jahren von fünf auf zwei Mitglieder geschrumpft, die von zahlreichen Computer- und Assistenzsystemen unterstützt werden. Auf ganz langen Strecken sind drei Pilotinnen oder Piloten an Bord. Wichtigster Sicherheitsgrundsatz in der Luftfahrt ist die Redundanz bei den Systemen ebenso wie bei den sie steuernden Menschen. Der zweite Mensch soll also mögliche Fehler des anderen kompensieren. 

Wann fliegt die Besatzung eigentlich noch selbst?

Der Start wie auch die Landung einschließlich des Anflugs sind Sache des vorher festgelegten Flugzeugführers. Kapitän und Co-Pilot wechseln sich darin in der Regel Strecke um Strecke ab, wenn nicht einer von beiden noch zusätzliche Nachweise zum Erhalt der Lizenz benötigt. Am Boden hat der Kapitän oder die Kapitänin die oberste Verantwortung für das Flugzeug. 

Der Auto-Pilot wird eigentlich nur auf der Strecke, typischerweise ab einer Flughöhe von rund 1.000 Fuß (300 Meter), eingeschaltet. Auf dem Leitstrahl des Instrumentenlandesystems kann ein moderner Verkehrsjet auch automatisch landen. Vor allem bei extrem schlechter Sicht wählen Piloten in Absprache mit den Lotsen diese Option. Es gelten dann wesentlich strengere Regeln für Windgeschwindigkeiten und Abstände zu anderen Flugzeugen. 

Können Piloten den Auto-Piloten ausschalten?

Das ist jederzeit möglich und manchmal auch überlebenswichtig, wenn etwa vereiste Sensoren falsche Messwerte liefern. Widersprüchliche oder gar falsche Reaktionen des Systems sind Hauptgegenstand der Piloten-Trainings im Simulator. Schon in der Ausbildung legen sich Piloten so einen Instrumentenkasten zurecht, wie sie mit kniffligen Situationen umzugehen haben. 

Als Paradebeispiel ist das «Wunder vom Hudson» bekannt, als der US-Airways-Pilot Chesley «Sully» Sullenberger seinen Airbus A320 mitten in New York auf dem Hudson River notwasserte und sämtliche Passagiere mit dem Leben davonkamen. Kurz nach dem Start hatte Vogelschlag beide Triebwerke des Flugzeugs lahmgelegt.

Update: In einer früheren Version des Artikels hieß es: Das bekannteste Beispiel ist der Co-Pilot Andreas Lubitz, der 2015 zunächst seinen Kapitän aus der Kabine ausschloss und anschließend den Eurowings-Airbus in die französischen Alpen abstürzen ließ. Es handelte sich aber um ein Flugzeug der Gesellschaft Germanwings.
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17.07.2025 · 13:18 Uhr
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