Renditeschock statt sicherer Hafen – US-Staatsanleihen geraten unter Druck
Binnen drei Tagen steigen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen um fast 0,5 Prozentpunkte auf 4,5 Prozent – ein derart abrupter Sprung ist selbst für volatile Märkte ungewöhnlich. Parallel brechen Aktienkurse ein. Die klassische Korrelation, wonach Anleger in unsicheren Zeiten in Anleihen flüchten, scheint ausgesetzt.
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei 30-jährigen US-Treasuries: Die Rendite klettert innerhalb kürzester Zeit um 60 Basispunkte – ein Ausschlag, wie ihn die Märkte zuletzt vor über vier Jahrzehnten gesehen haben. Für das US-Finanzministerium ist das ein doppelter Rückschlag: Der Schuldenberg wächst – mittlerweile über 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und die Refinanzierungskosten steigen zugleich.
Die unmittelbare Ursache liegt weniger in makroökonomischen Daten als in der Marktmechanik: Hedgefonds, die mit dem sogenannten Basis-Trade auf kleine Preisunterschiede zwischen Staatsanleihen und Futures gesetzt hatten, sehen sich plötzlich mit Nachschussforderungen ihrer Kreditgeber konfrontiert. Sie müssen US-Anleihen rasch verkaufen, um Liquidität zu schaffen. „Das hat inzwischen nichts mehr mit Fundamentaldaten zu tun – es geht jetzt um Liquidität“, sagt Jack Chambers von der ANZ Bank.
Hinzu kommen geopolitische Spannungen. Seit dem neuen Zollpaket von Donald Trump mehren sich Spekulationen über chinesische Verkäufe amerikanischer Staatsanleihen – als politische Antwort auf die protektionistische Wende in Washington. Zwar fehlen bislang handfeste Belege, doch allein die Vorstellung reicht, um institutionelle Anleger zu verunsichern.
Dabei gelten US-Staatsanleihen traditionell als Inbegriff des sicheren Hafens – vergleichbar mit deutschen Bundesanleihen. Ihre Kreditwürdigkeit ist trotz der jüngsten Herabstufung durch zwei Ratingagenturen unbestritten, gestützt durch die Rolle des US-Dollars als Weltleitwährung und die Größe des amerikanischen Kapitalmarkts.
Doch auch diese Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken. Die steigenden Zinsen drohen den US-Haushalt massiv zu belasten – gerade in einem Wahljahr, in dem Trump neue Steuersenkungen angekündigt hat. Dass Trumps Finanzminister Scott Bessent ursprünglich von sinkenden Renditen als Folge der Zollpolitik ausgegangen war, erscheint rückblickend als fatale Fehleinschätzung.
In den Märkten wächst nun die Erwartung, dass die US-Notenbank Federal Reserve eingreifen könnte – etwa durch gezielte Käufe von Staatsanleihen, um den Renditeanstieg zu bremsen. Noch ist das nicht offiziell. Doch Beobachter wie Stephen Innes von SPI Asset Management sprechen bereits vom „Sell America“-Moment: Sollte das Vertrauen in US-Anleihen und die Dominanz des Dollars nachhaltig erschüttert werden, könnte das globale Finanzsystem vor einer tektonischen Verschiebung stehen.

