Gewalt in Arztpraxen

Patient schlägt Hausarzt krankenhausreif - kein Einzelfall

18. Februar 2025, 06:00 Uhr · Quelle: dpa
Ein Allgemeinmediziner wird zusammengeschlagen. In seiner Praxis, einfach so. Ein Einzelfall? Mitnichten. «Es ist nicht mehr auszuhalten», sagt ein anderer Mediziner aus dem Kreis Wolfenbüttel.

Spenge/Hannover (dpa) - Beim Arzt bespricht man die persönlichsten und intimsten Fragen, man fühlt sich dort in der Regel sicher und geschützt. Die Praxis sei ein geschützter Raum, sagt Hausarzt Andreas Schimke - dort würden «Dinge besprochen, die sonst nirgends besprochen werden». Ein Schutzraum nur für Patienten? Keineswegs, auch für Arzt oder Ärztin, betont der Mediziner aus Spenge in Nordrhein-Westfalen. «Das darf nicht missbraucht werden, nicht vom Arzt und auch nicht vom Patienten.» 

Mediziner wird krankenhausreif geschlagen

Die Realität sieht allerdings manchmal anders aus: Ende Januar wird der 54-Jährige in seiner Praxis von einem Patienten bewusstlos geschlagen, «unvermittelt, unvorbereitet, aus meiner Sicht auch grundlos». Die Polizei ermittelt. 

Es ist offensichtlich kein Einzelfall: Erst am Montag bedroht im Düsseldorfer Uni-Klinikum ein Mann einen Arzt mit einem Messer und wird daraufhin von einem Polizisten angeschossen, nachdem ein Elektroschockgerät wirkungslos bleibt. Der Schuss trifft sein Bein, er wird notoperiert. Ein Allgemeinmediziner aus dem Landkreis Wolfenbüttel wiederum sagt der «Braunschweiger Zeitung»: «Es ist nicht mehr auszuhalten.» Beleidigungen seien an der Tagesordnung, er denke darüber nach, aufzuhören. 

Schimke sagt zu der Attacke: «Das macht mich fassungslos.» Er habe erhebliche Gesichtsverletzungen erlitten, leide unter Schmerzen, sei über mehrere Stunden im Krankenhaus behandelt worden und falle zwei Wochen am Arbeitsplatz aus. Von bleibenden Schäden sei glücklicherweise nicht auszugehen. Der Täter habe außerdem gedroht, ihn und seine Familie umzubringen. Mehr will er unter Hinweis auf seine ärztliche Schweigepflicht zu dem Vorfall nicht sagen. 

Arzt schlägt vor: Strafrecht verschärfen, Hemmschwelle erhöhen

Was aus seiner Sicht ohnehin schwerer wiegt: «Ich wundere mich über fehlende Konsequenzen, als der Geschädigte fühle ich mich nicht wirklich vertreten vom System.» Nach Angaben der Polizei in Herford wird der mutmaßliche Täter, ein 24-Jähriger, fachärztlich begutachtet, ist aber weiter auf freiem Fuß. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur kommt der 24-Jährige nur vorübergehend in eine Psychiatrie, auch eine zweite Untersuchung ändert daran nichts.

Zwar fahre die Polizei Streife vor seiner Praxis, sagt Schimke. Aber: «Ich fühle mich nicht in ausreichendem Maße geschützt.» Sein Eindruck sei, dass sich etwas tue in der Gesellschaft - und man in einer Gesellschaft, die zunehmend verrohe, die Hemmschwelle erhöhen müsse. Sein Vorschlag: Das Strafrecht verschärfen. Hausärzte, Klinikärzte und Beschäftigte in Praxen sollten in den Paragrafen 115 des Strafgesetzbuchs aufgenommen werden. 

Bundesärztekammer verlangt «ganzes Maßnahmenbündel»

Ein Gesetzentwurf der gescheiterten Ampel-Koalition sollte zudem mit einer leichten Verschärfung des Strafrechts unter anderem Rettungskräfte besser vor Gewalt schützen. Allerdings: Nach Angaben des Bundesjustizministeriums dürfte mit einem Abschluss des Gesetzgebungsvorhabens angesichts des vorzeitigen Endes der Legislaturperiode nicht mehr zu rechnen sein.

Dennoch: Die Regelung müsse «um alle in der direkten Patientenversorgung tätigen Berufsgruppen» erweitert und von einer neuen Bundesregierung beschlossen werden, mahnt Marion Charlotte Renneberg, Hausärztin und stellvertretende Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen.

Mit der Forderung steht sie nicht allein, dafür sprechen sich auch andere Verbände und Kammern aus. Die Bundesärztekammer mahnt sogar ein ganzes Maßnahmenbündel an, das über eine Strafrechtsverschärfung weit hinausgeht: Ermittlungsbehörden und Gerichte bräuchten notwendige personelle und finanziellen Ressourcen, um die rechtlichen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, fordert der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt.

Forderung an neue Bundesregierung

«Nur so werden potenzielle Täter verinnerlichen: Angriffe auf Beschäftigte des Gesundheitswesens sind keine Kavaliersdelikte, sie sind schwerwiegende Straftaten», betont er. Bund und Länder sollten darüber hinaus Meldesysteme für Angriffe auf Einsatzkräfte und medizinisches Personal einführen. Weil Ärztinnen und Ärzte tagtäglich unter großem Arbeits- und Zeitdruck stünden, sähen sie nicht selten davon ab, Beleidigungen oder Pöbeleien anzuzeigen, weil in der Hektik des Tages dafür einfach keine Zeit sei. 

Reinhardt erklärt: «Wenn ausgerechnet diejenigen angegriffen und in ihrer Arbeit behindert werden, die anderen Menschen bei Krankheit und in Notsituation helfen, ist das nicht nur eine neue Dimension gesellschaftlicher Verrohung, es ist ein echtes Problem für die Allgemeinheit.» Der Schutz von Leib und Leben im Gesundheitswesen gehöre dringend auf die Agenda der neuen Bundesregierung, fordert er. «Diese Gewaltspirale muss gestoppt werden.»

Hohe Dunkelziffer vermutet

Denn es betreffe ihn nicht allein, meint Schimke - er habe viele Zuschriften von Kollegen erhalten: «Es muss eine unendlich hohe Dunkelziffer geben.» Allerdings seien Aggressionen weniger im Sprechzimmer, sondern mehr an der Anmeldung zu beobachten: «Man merkt den rauen Ton.» 

Auch Reinhardt betont, es handele sich um keinen Einzelfall: «Gereiztheit ist weit verbreitet, und die Schwelle, an der sie übergeht in Aggression, ist definitiv gesunken. Auf den Straßen werden Notärzte und Rettungssanitäter angegriffen. In den Notfallambulanzen werden die Mitarbeiter wegen Nichtigkeiten angepöbelt oder sogar angegriffen. Auch in unseren Praxen kommt es immer häufiger zu gewaltsamen Übergriffen.»

Renneberg spricht von einem «immer rücksichtsloser werdenden Umgang mit den Beschäftigten im ärztlichen Notdienst, in Notaufnahmen, in Praxen, Kliniken sowie an vielen anderen Stellen der Gesundheitsversorgung». Sie betont: «Dies ist absolut inakzeptabel.» 

Viele Gewalterfahrungen

Nur: Wie häufig kommt es zur Gewalt? Nach einer Online-Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unter knapp 7.600 Ärzten und Ärztinnen, Psychotherapeuten und medizinischen Fachangestellten haben vier Fünftel von ihnen 2023 Beschimpfungen, Beleidigungen oder Drohungen erlebt. Davon schalteten 14 Prozent die Polizei ein oder erstatteten Anzeige. Und 43 Prozent der Befragten erlebten in einem Zeitraum von fünf Jahren auch körperliche Gewalt. Diese reichte von Tritten gegen das Schienbein, Schubsen und Spucken bis hin zu schweren Angriffen.

Erhellend dürfte auch eine Umfrage der Ärztekammer Westfalen-Lippe unter ihren Mitgliedern zu deren Erfahrungen mit Gewalt von Mai 2024 sein. Binnen weniger Tage meldeten sich 4.513 Ärztinnen und Ärzte zurück - und mehr als die Hälfte (2.917) davon bejahte die Frage, im ärztlichen Alltag bereits Gewalt erfahren zu haben. 

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe teilte mit, bei einer Umfrage zu Gewalt im vergangenen Jahr hätten 750 Praxen geantwortet - fast 20 Prozent hätten wegen Gewalterfahrungen in der Praxis Schwierigkeiten, ausreichend Personal zu finden.

«Hausärzte sind immer allein»

Was speziell niedergelassenen Ärzten das Leben erschwert: Hausärzte verzichteten auf persönlichen Schutz, indem sie sich in potenziell gefährliche Situationen begäben, um Patienten zu helfen - wie beim Hausbesuch, erklärt Schimke. Dabei sei oft unklar, ob sie etwa auf einen psychisch kranken oder einen drogenabhängigen Menschen treffen. Doch während Rettungskräfte normalerweise nicht allein im Einsatz seien, gelte: «Hausärzte sind immer allein.»

Und wie macht der 54 Jahre alte Hausarzt Andreas Schimke aus Spenge nun weiter? Es mache etwas mit den Menschen, wenn sie mit dem Tod bedroht würden, sagt er - betont aber auch: «Ich bin nicht der Typ, besorgt in die Praxis zu gehen.»

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18.02.2025 · 06:00 Uhr
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