Humanitäre Krise

Nach Blockade: Größere Hilfslieferungen erreichen Gaza

27. Juli 2025, 18:44 Uhr · Quelle: dpa
Nahostkonflikt - Rafah
Foto: Abed Rahim Khatib/dpa
Erstmals seit Monaten lässt Israel humanitäre Hilfe in größerem Stil in den Gazastreifen.
Nach monatelanger Blockade erreichen große Hilfslieferungen den Gazastreifen. Die humanitäre Krise verschärft sich jedoch weiter.

Gaza/Tel Aviv (dpa) - Nach einer monatelangen faktischen Blockade durch Israel haben erstmals wieder größere Hilfslieferungen den Gazastreifen erreicht. Am Sonntag fuhr eine Kolonne von rund 100 Lastwagen mit Gütern für die notleidende Bevölkerung über den israelischen Grenzübergang Kerem Schalom in das großflächig zerstörte Küstengebiet, wie Quellen dort bestätigten. 

Die Waren – Lebensmittel, Medikamente, Baby-Nahrung - werden dringend benötigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte zuletzt vor einer tödlichen Hungerkrise unter den rund zwei Millionen Bewohnern des Gazastreifens. Fotos aus dem abgeriegelten Gebiet, in dem Israel Krieg gegen die islamistische Hamas führt, zeigten Kleinkinder in den Krankenhäusern, die nur noch Haut und Knochen waren. 

Nach Angaben des von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums starben bereits mehr als 100 Menschen an Unterernährung, 80 Prozent von ihnen Kinder. Israel bestreitet, dass es im Gazastreifen eine Hungerkatastrophe gebe und spricht stattdessen von einer «Kampagne» der Hamas. 

Den UN-Organisationen warf Israel zuletzt immer wieder vor, die Hilfe im Gazastreifen nicht verteilen zu wollen. Diese konterten, dass Israel keine sicheren Transportwege innerhalb des umkämpften Gebiets garantieren wollte. Tatsächlich gelangte seit Ende März, als Israel eine damalige Waffenruhe beendete, nur sehr wenig Hilfe zu den Menschen im Gazastreifen. 

Kehrtwende nach weltweiter Kritik

Die weltweite Kritik an ihrer Vorgangsweise in dem Palästinensergebiet hat die israelische Führung nun offensichtlich zu einer Kehrtwende bewogen. Überraschend kündigte das Militär in der Nacht zum Sonntag an, bis auf Widerruf jeden Tag von 10.00 bis 20.00 Uhr Ortszeit eine selbst erklärte humanitäre Feuerpause in Teilen des Gazastreifens einzuhalten. 

Die Pause gelte in den Gebieten, in denen die Armee nicht operiere: Al-Mawasi im Südwesten des abgeriegelten Küstenstreifens, in Deir al-Balah im Zentrum sowie in der Stadt Gaza im Norden. Ferner würden von 06.00 bis 23.00 Uhr Ortszeit Korridore eingerichtet, um die sichere Durchfahrt von Konvois der UN- und anderer Hilfsorganisationen zu ermöglichen, teilte die Armee weiter mit.

Auch eine Entsalzungsanlage zur Aufbereitung von Trinkwasser im Gazastreifen sei nun wieder an das israelische Stromnetz angeschlossen worden, teilte die Armee mit. Die eingeleiteten Maßnahmen zielten darauf ab, «die falsche Behauptung zu widerlegen, dass der Gazastreifen absichtlich ausgehungert wird». 

Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher begrüßte die Ankündigung des israelischen Militärs. «Mit unseren Teams vor Ort werden wir alles tun, was wir können, um in diesem Zeitfenster so viele hungrige Menschen wie möglich zu erreichen», schrieb er auf der Plattform X. 

Paletten aus der Luft abgeworfen

In der Nacht zum Sonntag warf die israelische Luftwaffe erstmals Hilfsgüter aus der Luft über dem Gazastreifen ab. Es seien zunächst sieben Paletten mit Hilfsgütern wie Mehl, Zucker und Lebensmittelkonserven abgeworfen worden, die von internationalen Organisationen bereitgestellt worden seien, teilte das Militär mit. Im Laufe des Sonntags sei diese Methode fortgesetzt worden. Insgesamt seien somit - auch in Kooperation mit Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten - 28 Paletten aus der Luft abgeworfen worden. 

Bereits im vergangenen Jahr hatten Jordanien, Deutschland und andere Länder einige Wochen lang Hilfsgüter abgeworfen. Helfer halten die Methode jedoch wegen der relativ geringen Mengen für ineffektiv und teuer, etwa im Vergleich zu Lastwagentransporten. Außerdem könnten Menschen am Boden durch die Paletten verletzt werden.

Wieder Dutzende Tote bei Angriffen 

Trotz humanitärer Feuerpause in Teilen des Gazastreifens griff Israel dort weiterhin an. Bei Deir al-Balah sollen auch Zelte mit Vertriebenen getroffen worden sein, wie Mitarbeiter der Rettungskräfte berichteten. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde kamen seit dem Morgengrauen mindestens 53 Palästinenser ums Leben. Die unabhängig nicht überprüfbare Zahl unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. 

Allein 32 Menschen sollen beim Warten auf humanitäre Hilfe getötet worden sein. Vor allem im Umfeld der Verteilzentren der von Israel und den USA unterstützten Gaza Humanitarian Foundation (GHF) kommt es immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen. 

Seit Verhängung der faktischen Blockade ließ Israel den Großteil der wenigen Güter, die in den Gazastreifen kamen, durch die GHF verteilen. Dort kam es bei der - von Experten als unsachgemäß kritisierten - Ausgabe der Lebensmittelpakete häufig zu chaotischen Szenen. Israelische Soldaten, die das Umfeld sichern sollten, schossen immer wieder in die Menge der Hilfesuchenden. Nach UN-Angaben sollen auf diese Weise rund 900 Menschen ums Leben gekommen sein. 

Auslöser des Gaza-Kriegs war der Überfall der Hamas und anderer islamistischer Terrororganisationen auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Seither sind laut dem Gesundheitsministerium bis zum Sonntag 59.821 Menschen getötet worden. Auch diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen und unterscheiden nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. Sie werden aber von UN-Organisationen als weitgehend zuverlässig angesehen.

Waffenruhegespräche in der Schwebe

Die indirekten Gespräche über eine 60-tägige Waffenruhe und die Freilassung von Geiseln aus der Gewalt der Hamas gerieten zuletzt in eine Sackgasse. Es seien nun jedoch «wirkliche Bemühungen» im Gange, um sie wieder auf die Schienen zu bringen, zitierte das öffentlich-rechtliche Kan-Radio am Sonntagmorgen namentlich nicht genannte israelische Regierungsvertreter. 

Bei den seit Monaten laufenden, sich oft im Kreis drehenden Verhandlungen vermitteln Katar, Ägypten und die USA. Israel und die USA hatten zuletzt ihre Delegationen aus der katarischen Hauptstadt zu «Konsultationen» zurückbeordert. Beide Länder warfen der Hamas vor, durch überzogene Forderungen die Gesprächsgrundlage unterminiert zu haben. Die Hamas bestritt dies. 

Die Tageszeitung «Israel Hajom» zitierte am Sonntag einen israelischen Regierungsbeamten mit den Worten, die Gespräche seien «weder kollabiert noch geplatzt». Wann es zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch kommen könnte, blieb aber unklar. 

Merz dringt bei Netanjahu auf Einigung

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) telefonierte derweil erneut mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Dabei drang er einem Sprecher zufolge auf eine Verbesserung der humanitären Lage im Gazastreifen. «Der Bundeskanzler brachte seine große Sorge zur katastrophalen humanitären Lage in Gaza zum Ausdruck. Er forderte Premierminister Netanjahu auf, alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um umgehend einen Waffenstillstand zu erreichen», teilte Regierungssprecher Stefan Kornelius mit.

Der französische Präsident Emmanuel Macron verwies auf eine an diesem Montag in New York von seinem Land und Saudi-Arabien geplante internationale Konferenz zur Zweistaatenlösung. Dort solle eine neue Dynamik zugunsten einer gerechten und dauerhaften Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts auf der Grundlage der Zweistaatenlösung geschaffen werden. Macron hatte zuvor bereits angekündigt, er werde dort dann die Anerkennung Palästinas als Staat verkünden. Dafür hatte er scharfe Kritik Israels und seines Verbündeten USA auf sich gezogen. 


 

 

 

 

 

 

 

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