Missbrauchsskandal: Kritik an Kirche hält an

26. Februar 2010, 18:22 Uhr · Quelle: dpa
Bonn/Brüssel (dpa) - Die katholische Kirche will die Aufklärung von Missbrauchsfällen in Eigenregie in den Griff bekommen.

Der neue Sonderbeauftragte für sexuelle Missbrauchsfälle, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, betonte am Freitag, er sehe seine neue Aufgabe darin, der Bischofskonferenz zuzuarbeiten. Er sei ein Sonderbeauftragter, aber kein «Sonderermittler». Ackermann stellte klar: «Ich bin jetzt nicht der Oberermittler (...), sondern versuche, die Dinge zu koordinieren.»

Dagegen wiederholte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) ihren Vorschlag eines runden Tisches aus kirchlichen und staatlichen Vertretern. Die Ministerin sagte am Freitag am Rande des Treffens der EU-Justizminister in Brüssel: «Ich hoffe, dass da eine positive Reaktion noch kommen wird.» Dies hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, am Vortag bereits als wenig sinnvoll bezeichnet. Auch Ackermann betonte, die Kirche brauche von der Ministerin «keine Nachhilfe» hinsichtlich eines runden Tisches: «Wir sagen von uns aus: Wir laden dazu ein und werden das Thema auch bearbeiten.»

Sowohl die Berliner Opferanwältin Ursula Raue als auch mutmaßliche Missbrauchsopfer des Berliner Canisius-Kollegs kritisierten die Beschlüsse der am Donnerstag beendeten Frühjahrskonferenz der Katholischen Bischöfe als unzureichend. Bei dem Treffen hatte Zollitsch die Opfer öffentlich um Vergebung gebeten und Ackermann als Sonderbeauftragten eingesetzt.

Dazu sagte die vom Jesuiten-Orden mit der Untersuchung beauftragte Anwältin Raue am Freitag im ZDF-Morgenmagazin: «Eigentlich braucht man jemanden, der außerhalb des Systems steht.» Die Missbrauchsbeauftragten seien in vielen Institutionen Teil der Organisation. «Wer eingebunden ist in dieses System, hat andere Loyalitäten und muss Rücksichten nehmen, ist unter Umständen berichtspflichtig». Das sei nicht gut für die Aufklärung, sagte die Anwältin.

Die mutmaßlichen Opfer erkennen in einem Brief an den Jesuitenorden und die Bischöfe, der der «Berliner Zeitung» vorliegt, zwar die Entschuldigung an, bedauern aber, dass konkrete Aussagen fehlen. «Benennen Sie endlich Verantwortliche und öffnen Sie Ihre Archive externen Ermittlern!», forderten sie. Erwartet werde zudem «ein ernsthaftes Angebot für eine finanzielle Genugtuung.» Nach Angaben der Zeitung wurde der Brief von einem Betroffenen verfasst, dem sich vier weitere ehemalige Schüler anschlossen. Sie wurden eigenen Angaben zufolge in den 1970er und 1980er Jahren von Geistlichen an der katholischen Schule missbraucht. Die Kirche sei «schuldig geworden durch Wegsehen, Vertuschen und Verschweigen».

Seit Bekanntwerden der Vorwürfe vor einigen Wochen haben sich zahlreiche mutmaßliche Opfer gemeldet. Raue berichtet von mehr als 100 Fällen. Darunter seien Betroffene von allen katholischen Schulen, hauptsächlich jedoch von den drei Jesuiten-Kollegs - neben Berlin das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und das Bonner Aloisiuskolleg. Im Benediktinerkloster Ettal in Bayern ermittelt seit Wochenanfang die Staatsanwaltschaft. Hier soll es etwa 20 Opfer von Missbrauch oder Misshandlungen geben. Am Freitag trat nach dem Abt auch der Prior der Abtei und Leiter der Klosterschule, Pater Maurus Kraß, zurück.

Der Vorstand der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) hat sich am Freitag erstmals öffentlich bei Missbrauchsopfern entschuldigt. Die Opfer verlangten von den betroffenen Ordensgemeinschaften zu Recht, dass alles Mögliche zur Aufklärung unternommen werde, hieß es in einer in Bonn verbreiteten Erklärung. Die DOK sagte dem Sonderbeauftragten Ackermann enge Zusammenarbeit zu.

Dieser kündigte an: «Wir werden den Dingen offensiv nachgehen.» Trotz der Missbrauchsfälle gebe es «keinen Grund, die Kirche, die Priester, die Mitarbeiter in der Pastoral und in den Schulen unter einen Generalverdacht zu stellen». Immer wenn sich ein Missbrauchsverdacht erhärte, würden die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet. Ein bloßer Verdacht reiche aber nicht aus.

Dass es hier keine Anzeigenpflicht gebe, diene vor allem dem Opferschutz, betonte Ackermann. In den kommenden Wochen wolle er zunächst das Gespräch mit Experten und Sachverständigen suchen. Die Kirche werde zentral «Faktenmaterial» sammeln. «Wir brauchen dazu einen Kriterienkatalog, der Fälle verlässlich vergleichbar macht.» Die Bischöfe sollten sich stärker «vernetzen», um sich «schneller zusammenschalten und abstimmen zu können». Sie müssten auch das Gespräch mit den Ordensgemeinschaften suchen. Der Jesuitenorden etwa unterstehe dem Papst und nicht den Bischöfen. Auch die Priesterausbildung solle auf den Prüfstand. Die Kirche müsse sich auch selbstkritisch die Frage stellen, ob der Beruf des Priesters «Menschen mit einer Gefährdung an dieser Stelle» besonders anziehe.

http://www.bistum-trier.de

Kirchen / Schulen / Kriminalität
26.02.2010 · 18:22 Uhr
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