Sexuelle Übergriffe auf Frauen

Mir hilft hier keiner - Zehn Jahre Kölner Silvesternacht

30. Dezember 2025, 08:56 Uhr · Quelle: dpa
Kölner Silvesternacht
Foto: picture alliance / Markus Boehm/dpa
Junge Männer auf dem Platz vor dem Dom und keine Polizei weit und breit - so blieb die Kölner Silvesternacht visuell in Erinnerung. Viele Frauen wurden in der Nacht Opfer sexueller Übergriffe. (Archivbild)
Ein Gutachten zur Silvesternacht 2015/16 in Köln beleuchtet sexuelle Übergriffe und deren Einfluss auf die Flüchtlingspolitik in Deutschland.

Köln (dpa) - Die körnigen Bilder gingen um die Welt: im Vordergrund junge, dunkelhaarige Männer, vor ihnen Rauch und explodierende Feuerwerkskörper, im Hintergrund die Portale, Fenster und Strebebögen des Kölner Doms. Der Platz zwischen Kathedrale und Hauptbahnhof war in der Silvesternacht 2015/16 Schauplatz sexueller Übergriffen auf Frauen. 

Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg hat für den nordrhein-westfälischen Landtag mehr als 1.000 Anzeigen aus der Kölner Silvesternacht ausgewertet und ein Gutachten erstellt. Er ist sich sicher: «Ein solches Geschehen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben, auch nicht in einem anderen europäischen Staat.» Das erkläre auch das überragende internationale Interesse an dem Ereignis.

Frauen empfanden Zustand völliger Hilflosigkeit

Die Anzeigen ergäben in der Zusammenschau ein verblüffend einheitliches Bild, berichtet Egg der Deutschen Presse-Agentur. «Die Frauen empfanden einen Zustand völliger Hilflosigkeit, weil die Polizei entweder gar nicht da war oder nicht eingriff. Sie gaben auch übereinstimmend an, dass sie die Täter gar nicht richtig beschreiben könnten, weil alles so schnell gegangen sei.» 

Beides zusammen habe den besonderen Schrecken der Situation ausgemacht: die sexuelle Belästigung in Kombination mit dem Bewusstsein «Ich bin hier ganz allein auf mich gestellt, mir hilft hier keiner».

Den Ablauf des Geschehens rekonstruierte Egg so: Die Frauen trafen am Silvesterabend im Kölner Hauptbahnhof ein, um in der Stadt zu feiern. «Eine Frau berichtete zum Beispiel, dass sie mit zwei Freundinnen über den Bahnhofsvorplatz gegangen sei.» Sie waren bereits im Hotel gewesen und hatten sich dort ausgehfertig gemacht. 

«Plötzlich, so schilderte es die Frau, wurden sie von hinten begrapscht, und als sie sich umdrehten, blickten sie in die grinsenden Gesichter mehrerer junger Männer mit südländischem Aussehen. Wer was gemacht hatte, konnten sie in dieser Situation gar nicht sagen.» Das sei auch der Grund dafür gewesen, warum nur so wenige Täter zur Rechenschaft gezogen worden seien. 

Die Übergriffe waren spontan, nicht geplant 

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln gab es 1.210 Strafanzeigen, von denen sich 511 auf sexuelle Übergriffe bezogen. Angeklagt wurden letztlich 46 Personen, von denen 36 verurteilt wurden - nur zwei wegen sexueller Nötigung. Der Großteil der Beschuldigten kam aus Nordafrika, vor allem aus Algerien und Marokko - nicht aus Syrien, dem Land, aus dem in den Monaten zuvor Hunderttausende Kriegsflüchtlinge in Deutschland Schutz gesucht hatten. 

Nach Eggs Recherchen hatten sich die jungen Männer über die sozialen Netzwerke verabredet, um die Silvesternacht in Köln zu verbringen. Da sie aber kein Geld hatten, um irgendwo feiern gehen zu können, blieben sie in der Umgebung des Hauptbahnhofs und in der Nähe der Hohenzollernbrücke, von der aus man um Mitternacht einen guten Blick auf das Feuerwerk hat. 

«Es ist keineswegs davon auszugehen, dass alle mit dem Plan angereist sind, Frauen zu belästigen», betont Egg. «Es war vielmehr so, dass einige das getan haben und die anderen dann merkten, dass nichts geschah. Und das hat diese dann dazu gebracht, ebenfalls Frauen zu begrapschen und Diebstähle zu begehen. Es war eine Art soziale Ansteckung.» Dass die muslimischen Täter bewusst gehandelt hätten, um die Ohnmacht der westlichen Gesellschaft vorzuführen, bezeichnet Egg als «Verschwörungserzählung».

Alle Ausländer wurden über einen Kamm geschert

Die Kölner Polizei habe das Ausmaß der Übergriffe zunächst nicht öffentlich gemacht, wodurch alles erst mit Verspätung bekannt geworden sei. Neben dem Leid der Frauen bedauert Egg am meisten die nach dem Ereignis einsetzende Hetze gegen Ausländer. «Die Stimmung im Land, die vorher von der Willkommenskultur geprägt war, hat sich gedreht und pauschalisierend gegen Migranten gerichtet.» In einer der Anzeigen sei jedoch auch ein Fall geschildert worden, in dem ein Täter einen anderen Migranten aufgefordert habe, sich zu beteiligen, der dies aber verweigert habe. «Für solche Differenzierungen war damals kein Platz, es wurden dann alle über einen Kamm geschert», kritisiert Egg. 

Dass Migranten in der Silvesternacht nicht nur Täter waren, zeigte auch der erste Prozess zu den Übergriffen. In diesem Strafverfahren wurde 2016 ein marokkanischer Asylbewerber zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Angeklagte hatte einer Frau aus Baden-Württemberg das Handy aus der Hand gerissen, wobei die 20-Jährige selbst nicht gesehen hatte, wer es getan hatte. Ein anderer Mann rief ihr aber zu: «Das ist der Dieb!» Sie verfolgte den Täter, und als ihm jemand ein Bein stellte, holte sie ihn ein und ließ sich das Handy zurückgeben. 

Im Gerichtssaal stand die bestohlene Frau dem Hinweisgeber kurz gegenüber. Sie lächelte ihn an und gab ihm die Hand. Und erfuhr, wer er war: ein afghanischer Flüchtling.

War die Silvesternacht wirklich das Ende der Willkommenskultur?

Die Kölner Silvesternacht löste 2016 eine intensive Debatte über die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und über das erschütterte Vertrauen in den Rechtsstaat aus. Dabei ging es auch um die Rolle der Medien, etwa um die Frage, ob in Berichten über Straftaten die Nationalität des Täters genannt werden sollte. 

Vielfach wurde das Thema sexuelle Gewalt mit Migranten verknüpft - und manchmal schwang dabei mit: Wenn wir die fremden jungen Männer wieder loswerden, dann halten wir uns damit auch dieses Problem vom Hals. Die weitaus meisten sexuellen Übergriffe finden jedoch durch Freunde und in der Familie statt. Die «Stadtbild»-Debatte von 2025 nach Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte Anklänge an den damaligen Diskurs. 

Immer wieder wurde die Kölner Silvesternacht als das Ende der deutschen Willkommenskultur beschrieben. Doch Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass sich ein so radikaler Umschwung nicht durch Zahlen belegen lässt. «Dass 2015/16 wirklich so eine Scheidelinie in der Migrationspolitik war - da bin ich skeptisch», sagt der Soziologe Steffen Mau («Triggerpunkte») im Gespräch mit der dpa. «Wenn man sich die Sonntagsfrage von 2020 bis 2022 anschaut: Da lag die AfD die meiste Zeit zwischen 9 und 11 Prozent. Der wirkliche Zuwachs fand erst hinterher statt, als der lange Sommer der Migration und die Kölner Silvesternacht schon lange zurücklagen.»

Ebenso sieht es der Historiker Frank Trentmann aus London, Autor der Bücher «Aufbruch des Gewissens» und «Die blockierte Republik». Er erinnert daran: Noch 2018 erklärten in einer repräsentativen Umfrage 53 Prozent der Befragten, wenn Zuwanderer sich in ihrem Land zu Hause fühlten, dann mache sie das glücklich.

Silvester / Kriminalität / Gesellschaft / Flüchtlingspolitik / Köln / Jahrestag / Migrationsdebatte
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