Lagarde fordert strategischen Kurswechsel: Europa soll globale Rolle des Euro aktiv ausbauen
EZB-Präsidentin Christine Lagarde sieht in der geopolitischen Unsicherheit unter Donald Trump eine historische Gelegenheit: Europa könne den Dollar als dominante Leitwährung herausfordern – vorausgesetzt, die EU ergreife jetzt die Initiative. „Das ist eine Gelegenheit, mehr Kontrolle über unser wirtschaftliches Schicksal zu gewinnen“, sagte Lagarde am Montag in Berlin. „Aber dieses Privileg wird uns nicht geschenkt. Wir müssen es uns verdienen.“
Die europäische Gemeinschaftswährung sei inzwischen in der Lage, als alternatives Reserveinstrument zur US-Währung zu fungieren, so Lagarde weiter. Anders als in den 1970er Jahren, als Richard Nixon die Goldkonvertibilität des Dollars aussetzte, stehe heute mit dem Euro eine glaubwürdige Alternative bereit. Die zunehmende Unsicherheit über Amerikas Handels- und Sanktionspolitik sowie ein schwächerer Dollar stärken diese Dynamik.
In der Praxis bedeutet das: Europa müsse die Voraussetzungen für die internationale Nutzung des Euro verbessern. Lagarde nannte drei zentrale Handlungsfelder. Erstens brauche es ein belastbares geopolitisches Fundament – also offene Märkte und eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur. Zweitens sei die Vollendung des Binnenmarkts entscheidend, insbesondere mit Blick auf Start-ups, Kapitalmarktunion und weniger Regulierung. Drittens forderte Lagarde mehr gemeinsame Finanzierungsinstrumente, etwa im Verteidigungsbereich: „Ökonomisch betrachtet müssen öffentliche Güter gemeinsam finanziert werden.“
Die Idee, europäische Gemeinschaftsanleihen in größerem Stil zu etablieren, ist nicht neu – doch politisch umstritten. EZB-Direktorin Isabel Schnabel hatte kürzlich betont, ein tiefes europäisches Anleiheuniversum sei Grundvoraussetzung für eine globalere Rolle des Euro. Lagarde griff diesen Gedanken auf: „Ein stärkerer europäischer Kapitalmarkt schafft sichere Anlageformen, die Anleger weltweit benötigen.“
Unterstützung erhielt sie von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Auf einer separaten Veranstaltung in Berlin sprach auch er von einer nötigen „strategischen Neujustierung“. Europa müsse ökonomisch widerstandsfähiger werden und weniger Illusionen anhängen. „Vielleicht waren wir in der Vergangenheit zu naiv“, sagte Nagel. „Jetzt ist die Zeit für mehr Eigenständigkeit.“

