KI-Goldrausch macht deutsche Mittelständler reich – Billionen-Geschäft läuft im Verborgenen
Der Hype um Künstliche Intelligenz sorgt für einen wirtschaftlichen Boom beim Bau von Rechenzentren. KI-Anbieter ziehen sie derzeit rund um den Globus hoch, um darauf KI-Anwendungen laufen zu lassen. Allein die fünf amerikanischen IT-Giganten Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle dürften nach Schätzung des Analysehauses Visible Alpha in den kommenden fünf Jahren zusammen rund vier Billionen Dollar in Rechenzentren investieren.
Der Boom hat viele Profiteure – zum Teil offensichtliche, zum Teil eher heimliche. Der Münchner Chiphersteller Infineon etwa wächst derzeit stark bei Chips für die Stromversorgung von KI-Rechenzentren. So weit, so erwartbar.
Der Bau von KI-Rechenzentren beflügelt jedoch auch die Geschäfte vieler Zulieferer aus dem Maschinen- und Werkzeugbau, angefangen bei Montagesystemen über Gehäuse und Führungssysteme bis hin zu Schrauben, Sensoren und Regeltechnik. Darunter befinden sich viele deutsche Mittelständler, wie sich eindrücklich auf der derzeit stattfindenden Industrieausstellung Hannover Messe zeigt.
Ein Schwarzwälder verkauft 26.000 Griffe nach Las Vegas
Ganter Norm aus Furtwangen im Schwarzwald stellt Normteile her – also standardisierte Komponenten für den Maschinen- und Anlagenbau wie Griffe, Scharniere und Klemmhebel. „Wir profitieren unmittelbar vom Boom bei Rechenzentren", erzählt Stefan Ganter, geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens. „Heute können wir in diesem Geschäft teilweise Großprojekte realisieren, die früher undenkbar waren."
Das Unternehmen realisierte zuletzt einen Umsatz im unteren dreistelligen Millionenbereich. Konkrete Umsatzanteile mag Ganter nicht nennen, aber er kann den Boom an einem konkreten Beispiel belegen: So hat er im vergangenen Jahr in einem einzigen Auftrag 26.000 Bügelgriffe verkauft, die an Servertüren in einem US-Rechenzentrum in Las Vegas montiert wurden.
„Solche Stückzahlen sind für uns als Normteilhersteller eher ungewöhnlich – aber sie zeigen klar den Hype", berichtet Ganter. Ein einzelner Auftrag, der früher die Größenordnung eines ganzen Quartals gehabt hätte.
Grund für den Boom: Das Unternehmen mit gut 500 Mitarbeitern fertigt einen Großteil der 80.000 angebotenen Produkte in Deutschland und hält diese in Lagern rund um den Globus verfügbar. „Ein Rechenzentrum wird innerhalb weniger Monate hochgezogen", sagt Ganter. „Und wenn es schnell gehen muss, kommen wir als Normteilanbieter ins Spiel."
Dabei profitiert sein Unternehmen gleich in mehreren Dimensionen von dem aktuellen KI-Boom. Denn Ganter beliefert nicht direkt die Rechenzentrumsbetreiber, sondern auch deren Zulieferer in verschiedenen Feldern wie etwa Hersteller von Kühlungen, Stromversorgung oder Schaltschränken. „Das sind allesamt bereits Kunden von uns, denn sie brauchen für ihre Produkte ebenfalls Normteile", erklärt der Mittelständler.
Im nächsten Schritt arbeitet Stefan Ganter daran, das Geschäft noch größer zu ziehen. „Wir wollen unseren weltweiten Vertrieb auf den Hype aufmerksam machen", sagt er. Die Ganter-Außendienstler sollen dann weltweit aktiv mit den Angeboten potenzielle Kunden kontaktieren.
Letztlich hilft ihm der KI-Boom mehr als nur mittelbar: „Er sorgt dafür, dass wir trotz stagnierender Wirtschaft wachsen", berichtet Ganter.
Kölner Kunststoffspezialist rettet sich in die Nische
Ein ebenfalls überraschender Profiteur ist Igus, ein Familienunternehmen mit rund 1,1 Milliarden Euro Gesamtumsatz aus Köln. Igus ist spezialisiert auf Kunststoffgleitlager und Leitungsführungen – und liefert in beiden Segmenten auch Produkte an die Hersteller von Schaltschränken.
„Alles, was sich bewegt, wollen wir mit Kunststoff lösen", sagt Stefan Niemann, der das Geschäft mit den sogenannten Linearlagern bei Igus leitet. „Und überall, wo eine Linearbewegung ist, müssen Leitungen hinterhergezogen werden", ergänzt Jörg Ottersbach, Leiter des Geschäftsbereichs Energieketten.
Diese Anforderungen kommen vor allem bei Schubladen von Serverschränken ins Spiel. Diese müssen idealerweise ohne Schmiermittel geführt werden, weil in Rechenzentren oft Reinraumbedingungen herrschen. Zudem befinden sich unter den Schubladen oft Führungen und Stabilisierungen für die Kabel – beide Produkte kann Igus aus seinem Portfolio von rund 120.000 Artikeln bestücken.
Wie groß das Geschäft bereits ist, wollen die beiden Igus-Manager nicht verraten. Gelegen aber kommen die Aufträge derzeit allemal: „Im klassischen Werkzeugmaschinenbau werden wir aufgrund der derzeitigen Wirtschaftsflaute nicht viel mehr zusätzlich verkaufen", sagt Niemann.
Daher richte sich Igus zunehmend auf neue Märkte wie die Batteriefertigung, die Lieferung von Komponenten für den Bau und Betrieb von humanoiden Robotern sowie das Rechenzentrumsgeschäft aus. „Diese Geschäfte haben teils ähnliche Randbedingungen, etwa hinsichtlich des Klimas oder des engen Bauraums", so Ottersbach.
Für Igus sind Rechenzentren heute zwar erst eine Nische – aber eben eine wachsende.
Steckverbinder für extreme Stromlasten
Das dürfte ebenfalls für Harting gelten, einen Hersteller von Industriesteckverbindern mit Hauptsitz in Espelkamp im nordrhein-westfälischen Kreis Minden-Lübbecke. Das Familienunternehmen erwirtschaftete im Jahr 2025 rund 1,1 Milliarden Euro Umsatz.
„Unser Rechtecksteckverbinder unter der Marke Han ist in der Industrie so etwa wie Tempo bei Papiertaschentüchern", sagt Jörg Scheer, Senior Vice President Market bei Harting. Diese Steckverbindungen lieferte Harting lange Zeit vor allem in die „robustere Welt", wie Scheer es ausdrückt, etwa in den Maschinenbau oder die Bahnindustrie.
„Also überall, wo unsere Stecker Vibrationen oder Umwelteinflüssen ausgesetzt sind – und zudem hohe Ströme auf kleinem Raum übertragen müssen." Genau die letztere Eigenschaft hilft Harting heute im Geschäft mit Rechenzentrumsbetreibern, also der Reinraumwelt.
„KI-Chips sorgen für immer größere Leistungsaufnahme", erläutert Scheer. Früher waren klassische CEE-Stecker zur Stromversorgung von Servern ausreichend. „Heute braucht es neue Lösungen, und da kommen wir ins Spiel."
So liefert Harting heute auch die Stecker für die Stromverteilung in Rechenzentren. „Wir betrachten Rechenzentren aber nicht isoliert", ergänzt Scheer. „KI treibt immenses Wachstum in vielen verschiedenen Industrien, wie beispielsweise auch in der Halbleiterindustrie, der Automatisierung oder der Infrastruktur."
Flüssigkeitskühlung bringt das große Geld
Kein komplett neues Geschäft ist die Belieferung von Rechenzentren dagegen für den Mittelständler Jumo aus dem osthessischen Fulda. Das Unternehmen mit rund 300 Millionen Euro Umsatz gilt als Hidden Champion im Bereich Sensorik und Automatisierung.
„Kühlung und Klimatisierung von Rechenzentren sind für uns keine besonders komplizierte Aufgabe", kommentiert Michael Wiener, Jumo-Produktmanager für Steuerungssysteme. „Die Kühlung als solche adressieren wir bereits seit langer Zeit."
Aber den Boom dank KI spüren auch die Hessen: „Das Geschäft mit Rechenzentren wächst aktuell sehr stark und sichert so unser Umsatzwachstum", erzählt Nico Müller, Jumo-Produktmanager für Software.
Dabei profitiert das Unternehmen sogar doppelt vom derzeitigen Boom. Weil die Energieaufnahme der Rechenzentren dank immer leistungsfähigerer Chips von Nvidia, AMD und anderen immer weiter steigt, reicht oftmals konventionelle Luftkühlung von Servern nicht mehr aus. Stattdessen verbauen immer mehr Betreiber heute Flüssigkeitskühlung.
„Darin ist mehr Steuerungs- und Messtechnik verbaut", sagt Jumo-Manager Müller, „etwa neben Sensoren zur Temperaturmessung auch solche für pH-Wert und Leitfähigkeit." Insgesamt, schätzt sein Kollege Wiener, seien Systeme zur Steuerung von Flüssigkeitskühlung um den Faktor drei bis vier teurer als solche für Luftkühlung.
Anders ausgedrückt: Jumo profitiert sowohl von einer wachsenden Zahl von Rechenzentren als auch vom Umstieg auf aufwändigere Kühlung.
Für die Rechenzentrumsbetreiber lohnt sich die Investition in bessere Steuerung gleichwohl. „Denn unsere Kosten sind im Vergleich zu den Gesamtkosten vernachlässigbar", sagt Wiener – und rechnet vor: Ein Jumo-Sensor zur Überwachung der Luftfeuchtigkeit koste den Kunden zwischen 200 und 300 Euro. Ein Rechenzentrum mit einer Leistung von einem Megawatt könne bei einer fünfprozentigen Verbesserung der Luftfeuchtigkeit locker 10.000 Euro bei den Energiekosten einsparen.
„Das ist ein großer Hebel für Betreiber", sagt Wiener. Der dafür sorgen sollte, dass das Jumo-Wachstum auch in den kommenden Jahren anhält.


