Zentralasien

Mehr als 160 Tote bei Unruhen in Kasachstan

09. Januar 2022, 21:38 Uhr · Quelle: dpa
Am Freitag befahl Kasachstans Präsident Tokajew, auf Demonstranten zu schießen. Langsam wird das dramatische Ausmaß der Unruhen in dem autoritär regierten Land deutlich.

Almaty (dpa) - Wenige Tage nach einem von Präsident Kassym-Schomart Tokajew erteilten Schießbefehl haben die autoritären Behörden in Kasachstan von mindestens 164 Todesopfern bei den schweren Unruhen gesprochen.

Alleine in der besonders schwer betroffenen Millionenstadt Almaty seien 103 Menschen ums Leben gekommen - darunter zwei Kinder, berichtete das kasachische Staatsfernsehen am Sonntag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium.

Am Abend gab es jedoch Verwirrung um die Angaben. Staatsmedien löschten im Nachrichtenkanal Telegram entsprechende Berichte, die zuvor unter Berufung aufs Gesundheitsministerium veröffentlicht wurden. Gründe wurden nicht angegeben. Die Behörde teilte dem Portal vlast.kz zufolge mit, diese Zahlen nicht veröffentlicht zu haben. Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitierte das Ministerium mit den Worten: «Wir bestätigen diese Informationen nicht.» Neue Angaben wurden aber zunächst nicht verbreitet.

Auch wie viele der Todesopfer Zivilisten waren, blieb weiter unklar. Ein Einwohner der Stadt Almaty berichtete der Deutschen Presse-Agentur am Telefon von schlimmen Verwüstungen. Die US-Regierung verurteilte den Schießbefehl und rief die Behörden in Kasachstan dazu auf, die Rechte friedlicher Demonstranten zu wahren.

In den vergangenen Tagen waren aus der Wirtschaftsmetropole im Südosten des Landes immer wieder Fotos von abgedeckten Leichen auf Gehwegen, brennenden Gebäuden und schwer bewaffneten Sicherheitskräften nach außen gedrungen. Weil das Internet wiederholt komplett abgestellt und die Mobilfunkverbindung ständig unterbrochen waren, ist es allerdings zwischenzeitlich kaum möglich gewesen, an verlässliche Informationen aus Almaty zu kommen. Kasachstan hat zudem seine Grenzen für Ausländer geschlossen.

«Heute ist die Situation in der Stadt relativ ruhig», sagte ein in Almaty lebender Journalist der dpa am Sonntag. «Gestern Abend habe ich noch selbst Schüsse gehört.» Viele Lebensmittelgeschäfte seien geplündert worden. «Bankfilialen, Bankautomaten - alles ist kaputt.» Vor Bäckereien, die den Betrieb wieder aufgenommen hätten, bildeten sich lange Schlangen, erzählte der 50-Jährige. Weiterhin funktioniere das Internet nicht. Der Flughafen der Stadt wurde vorübergehend von Protestierenden besetzt und soll schwer beschädigt worden sein. Wann er seinen Betrieb wieder aufnimmt, war zunächst unklar.

Genaue Zahl der Opfer und Festgenommenen unklar

Gerade mit Blick auf Almaty hatten Kasachstans Behörden immer wieder von aus dem Ausland gesteuerten «Terroristen» gesprochen. Dafür gab es zunächst keine Belege. Immer klarer scheint aber mittlerweile, dass in der Stadt - anders als in vielen anderen Landesteilen mit friedlichen Demos - wohl auch bewaffnete Mobs unterwegs waren. Der vor Ort wohnende Journalist sprach am Telefon von rund 2000 Menschen, die Ende vergangener Woche laut schreiend und mit Stöcken in den Händen an seinem Haus unweit des Stadtzentrums vorbeigelaufen seien.

Am Freitag hatte Präsident Tokajew Polizei und Armee befohlen, «ohne Vorwarnung» auf Demonstranten zu schießen. International löste das großes Entsetzen aus. Befürchtet worden war daraufhin, dass es viele zivile Todesopfer geben könnte. Laut offiziellen Angaben sind landesweit bislang mehr als 2200 Menschen verletzt worden. Knapp 6000 Demonstranten wurden festgenommen. Auch diese Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

US-Außenminister Antony Blinken sagte am Sonntag im Sender CNN mit Blick auf den Schießbefehl: «Ich verurteile diese Aussage. Und wenn das die nationale Politik ist, dann verurteile ich diese Politik.» Die Behörden in Kasachstan müssten Recht und Ordnung schützen, zugleich aber auch sicherstellen, «dass die Rechte derjenigen, die friedlich protestieren, geschützt werden». Die USA hätten die dortige Regierung außerdem um Klärung gebeten, warum sie das von Russland dominierte Militärbündnis OVKS zur Unterstützung gerufen habe.

Die Unruhen in der an China und Russland grenzenden Ex-Sowjetrepublik dauern seit einer Woche an. Unmut über gestiegene Treibstoffpreise in dem öl- und gasreichen Land schlug in Proteste gegen die Staatsführung um. Tokajew verhängte den Ausnahmezustand und bat die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit um Unterstützung (OVKS) um Hilfe. Rund 2500 ausländische Soldaten wurden nach Angaben des von Russland geführten Bündnisses, dem auch Armenien, Belarus, Kirgistan und Tadschikistan angehören, nach Kasachstan geschickt.

Im Hintergrund geht es um die politische Macht im Land

Tokajew ordnete für Montag eine landesweite Staatstrauer an, um der Opfer zu gedenken. Gleichzeitig baute der 68-Jährige die Staatsführung weiter um. So entließ er am Samstag den stellvertretenden Sekretär des einflussreichen Sicherheitsrates, Asamat Abdymomunow, der vor einigen Jahren von seinem Vorgänger Nursultan Nasarbajew ernannt worden war. Zuvor hatte Tokajew schon Nasarbajew selbst den Vorsitz in dem Gremium entzogen - und ihn selbst übernommen. Tage später erklärte Nasarbajews Sprecher, der Ex-Langzeit-Machthaber habe die Position freiwillig aufgegeben.

Der 81 Jahre alte Nasarbajew - der politische Ziehvater Tokajews - galt auch nach seinem Rücktritt im Jahr 2019 als mächtigster Mann in Kasachstan. Einige Experten meinen, dass Tokajew die aktuelle Krise nutze, um sich mehr Einfluss zu sichern. So entließ der Staatschef in der vergangenen Woche bereits die gesamte Regierung und ersetzte die Geheimdienstführung durch eigene Vertraute. Ex-Geheimdienstchef Karim Massimow wurde wegen Hochverrats festgenommen.

Die Unterdrückung der Unruhen erfolge zunehmend in Form einer «rigorosen Befreiung des amtierenden Präsidenten aus der Bevormundung des Vorgängers», schrieb der Experte des Moskauer Carnegie Center, Alexander Baunow. Andere Experten meinen, dass Tokajews Preis für die neue Machtfülle unter anderem eine größere Abhängigkeit von Russland sei, dessen Soldaten er sich nun ins Land geholt hat. Für Montag war ein Video-Gipfel des Militärbündnisses OVKS zur Lage in Kasachstan geplant, an dem auch Kremlchef Wladimir Putin teilnehmen wollte.

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09.01.2022 · 21:38 Uhr
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