Karlsruhe kippt massenhafte Datenspeicherung

02. März 2010, 19:03 Uhr · Quelle: dpa
Karlsruhe/Berlin (dpa) - Telefon- und Internetdaten dürfen in Deutschland vorerst nicht mehr massenhaft gespeichert werden. Das Bundesverfassungsgericht schob dieser Praxis am Dienstag einen Riegel vor.

Die Karlsruher Richter erklärten das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig und gaben damit der größten Massenklage in der Geschichte der Bundesrepublik statt. In der Bundesregierung zeichnet sich nun ein Konflikt ab.

Während Innenminister Thomas de Maizière (CDU) die Datenspeicherung in engen Grenzen zügig doch noch durchsetzen will, tritt Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) auf die Bremse. Nach Ansicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft das Urteil neue Probleme für die Sicherheitspolitik auf. In einer Sitzung der Unions-Bundestagsfraktion wies sie nach Angaben von Teilnehmern auf das «Vakuum» hin, das durch die Löschung der bisher gespeicherten Daten entstehen werde. Für diese bereits erfolgten Speicherungen fordert die Telekommunikationswirtschaft hunderte Millionen Euro zurück.

Die Speicherung von Telefon- und Internetdaten für sechs Monate war Ende 2007 von der damaligen großen Koalition beschlossen worden, um Ermittlungen gegen Terrorverdächtige und Schwerverbrecher zu erleichtern. Grundlage dafür war eine EU-Richtlinie. Fast 35 000 Bürger zogen gegen das Bundesgesetz nach Karlsruhe und bekamen nun weitgehend Recht.

Bei der Datenspeicherung handele es sich «um einen besonders schweren Eingriff mit einer Streubreite, wie sie die Rechtsordnung bisher nicht kennt», sagte Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier bei der Urteilsverkündung. Anhand der Daten seien «tiefe Einblicke in das soziale Umfeld» möglich. Die Speicherung der Daten ohne einen Verdacht sei geeignet, ein «diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetsein» hervorzurufen.

Unternehmen müssen die gesammelten Daten nun vernichten. Die Deutsche Telekom leitete dies umgehend in die Wege. «Wir haben den Prozess für die Löschung der Daten gestartet. Rund 19 Terabyte Daten zu löschen, wird allerdings ein wenig dauern», sagte ein Konzernsprecher der dpa. Er bestätigte damit einen entsprechenden Bericht der «Frankfurter Rundschau».

Die Karlsruher Richter erteilten einer Speicherung aber keine generelle Absage. Die EU-Richtlinie stellten sie nicht infrage. Damit umschifften sie eine Vorlage beim Europäischen Gerichtshof. Um die Strafverfolgung effektiver zu machen, könne ein Eingriff in das Telekommunikationsgeheimnis grundsätzlich angebracht sein, erklärten die Richter.

Für eine mögliche Neufassung des Gesetzes machten sie aber klare Vorgaben: So muss die Sicherheit der Daten durch eine entsprechende Aufsicht gewährleistet sein, und der Betroffene muss erfahren, dass seine Daten übermittelt wurden. Wichtigste Voraussetzung: Die Daten werden von den einzelnen Telekommunikationsunternehmen gesammelt, so dass der Staat niemals selbst in Besitz eines Datenpools kommt.

Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sprach von einem «herausragend guten Tag» für Grundrechte und Datenschutz. «Diese Entscheidung wird auch auf Europa ausstrahlen.» Für weitere anlasslose Datensammlungen auf EU-Ebene sei der Spielraum geringer. Dies betreffe etwa die Speicherung von Flugpassagierdaten. Der FDP- Parteivorsitzende und Vize-Kanzler Guido Westerwelle sagte: «Ich finde es hervorragend, dass Liberale dieses Urteil erstritten haben.»

De Maizière will dagegen an der Vorratsdatenspeicherung festhalten. Er forderte Leutheusser-Schnarrenberger auf, die EU- Richtlinie zügig und verfassungskonform umzusetzen. «Ich hätte mir am heutigen Tag ein anderes Urteil gewünscht», sagte der CDU-Politiker. Die Richter hätten jedoch auch Wege aufgezeigt, wie man die Speicherung von Vorratsdaten verfassungskonform umsetzen könne. Zuständig sei die Justizministerin: «Jetzt ist es an der Zeit, nicht mehr nur "Nein" zu sagen. Sondern jetzt ist es an der Zeit, kluge Gesetzgebungsarbeit zu leisten.»

Auch der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, forderte eine schnelle gesetzliche Neuregelung. «Wenn kein Gesetz auf den Weg gebracht wird, das die Voraussetzungen des Verfassungsgerichts erfüllt, dann können ganz bestimmte Dinge einfach nicht mehr aufgeklärt werden», sagte er im Hessischen Rundfunk.

Die EU-Kommission erwartet von Deutschland ebenfalls Bewegung. Berlin müsse nun rasch ein neues Gesetz erarbeiten, sagten EU- Diplomaten in Brüssel. Die Opposition zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einer «richtigen Klatsche» für den Gesetzgeber. Die Linke forderte einen Kurswechsel in der Innenpolitik für mehr Bürgerrechte.

Die Telekommunikationswirtschaft verlangt von der Regierung Kostenerstattung. Branchenverbände argumentieren, dass die ohnehin schon hohen Kosten bei einem neuen Gesetz durch aufwendigere Speichervorschriften nochmals erheblich steigen. «Wir hatten nach altem Gesetz mit Kosten von über 300 Millionen Euro allein für Anschaffungen der nötigen Speichertechnik gerechnet», teilte der eco Verband der Internetwirtschaft mit, der für rund 500 Unternehmen spricht. «Nunmehr gehen wir davon aus, dass die Kosten für die neue Vorratsdatenspeicherung wahrscheinlich erheblich steigen.»

Prozesse / Innere Sicherheit / Datenschutz
02.03.2010 · 19:03 Uhr
[5 Kommentare]
Bärbel Bas (Archiv)
Berlin - Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, verteidigte den Verzicht von SPD-Chefin Bärbel Bas auf eine Kanzlerkandidatur. "Das ist nicht ambitionslos, sondern eine klare Prioritätensetzung", sagte er dem Nachrichtenmagazin Politico. Bas wolle ihren Fokus auf ihre Arbeit als Bundesarbeitsministerin und anstehende Reformen richten und habe "eine Menge vor […] (00)
vor 6 Minuten
Jenseits des Greenwald-Limits: Chinas Tokamak erzielt neue Plasmadichten
Die Suche nach einer kontrollierten Kernfusion, die mehr Energie liefert als sie verbraucht, gilt als eines der größten wissenschaftlichen und technischen Ziele des 21. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt dieser Forschung stehen sogenannte Tokamak-Reaktoren, ringförmige Apparate, in denen ein extrem heißes Plasma aus Wasserstoffisotopen magnetisch eingeschlossen wird. Bei Temperaturen von über hundert […] (00)
vor 12 Stunden
Wikipedia-Logo
San Francisco/Berlin (dpa) - Wikipedia wird 25 Jahre alt. Am 15. Januar 2001 ging das Onlinelexikon unter www.wikipedia.com ins Netz. Die beiden Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger wollten ihre von professionellen Autoren verfasste Online-Enzyklopädie Nupedia eigentlich nur durch ein Mitmachprojekt ergänzen. Doch während das Profi-Projekt kaum von der Stelle kam und 2003 eingestellt wurde, wuchs […] (00)
vor 2 Stunden
Helldivers 2: Premium-Kriegsanleihe „Zensiertes Regiment“ erscheint im Januar
Am 20. Januar erhalten Helldiver auf PlayStation 5, PC und Xbox Series mit der neuen Premium-Kriegsanleihe „Zensiertes Regiment“ Zugriff auf eine Vielzahl neuer Waffen und Ausrüstungsgegenstände für den intergalaktischen Krieg, welche Spielern die Möglichkeit geben, heimlich vorzugehen oder verbrannte Erde auf dem Schlachtfeld zu hinterlassen. „Kriegsanleihen” sind ein Live-Service in Helldivers […] (02)
vor 10 Stunden
Weitere «Notruf»-Specials
Ende Januar und Anfang Februar strahlt Sat.1 zwei weitere Folgen aus. Allerdings nicht mehr in der Primetime. Am vergangenen Montag strahlte der Fernsehsender Sat.1 das Notruf -Special „Verschüttet im Hotel - Das Wunder von Kröv“, welches auf einem wahren Ereignis basiert. Es ist die Nacht des 6. August 2024, als das Hotel "Zur Reichschenke" in sich zusammen stürzt. Neun Menschen werden unter den Trümmern begraben. Die Primetime-Sendung […] (00)
vor 1 Stunde
Australian Open - Training
Melbourne (dpa) - Alexander Zverev hat bei den Australian Open ein unangenehmes Auftaktlos erwischt. Der Vorjahresfinalist trifft in der ersten Runde auf den Kanadier Gabriel Diallo, immerhin die Nummer 41 der Tennis-Welt. Es ist das erste Duell zwischen den beiden. Danach könnte auf den an Nummer drei gesetzten Zverev der Australier Alexei Popyrin warten. Zverev wurde in die Turnierhälfte mit dem […] (00)
vor 35 Minuten
finance, currency, bitcoin, crypto, cryptocurrency, investment, wealth, money, brown money, brown finance, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, crypto, crypto, crypto, cryptocurrency
Die Großbank Standard Chartered hat ihre Prognose für den Ethereum-Kurs bis Ende des Jahres auf $7.500 angehoben, nachdem zuvor ein Ziel von $4.000 genannt wurde. Die digitale Vermögensabteilung der Bank führt die Anpassung auf eine steigende Nachfrage seitens Unternehmensschatzkammern und Spot-ETH-Produkten zurück. Erhöhte Kursziele für Ethereum Der leitende Analyst der Bank erwartet, dass das […] (00)
vor 36 Minuten
Lir Life Sciences startet globale Anti-Adipositas-Offensive mit nadelfreier Therapie
Lüdenscheid, 14.01.2026 (lifePR) - LIR Life Sciences Corp. (ISIN: CA50206C1005 | WKN: A41QA9) dürfte mit ihrer innovativen Therapieplattform einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von “Adipositas”, also starkes Übergewicht leisten – einem der drängendsten globalen Gesundheitsprobleme unserer Zeit. Mit der Entwicklung eines transdermalen Pflasters (ein Pflaster zum Aufkleben auf die Haut) zur […] (00)
vor 12 Stunden
 
Hape Kerkeling (Archiv)
Berlin - Hape Kerkeling kehrt im März mit seiner Rolle als Kultfigur Horst Schlämmer zurück ins […] (03)
Solidarität mit Protesten im Iran - London
Teheran/Washington (dpa) - Nach dem brutalen Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte gegen die […] (00)
Schlüsselkästen an Hauswand
London/Rom/Wien/Madrid (dpa) - Mancherorts gelten sie als praktischer Helfer, in anderen […] (00)
Holzstämme im Wald (Archiv)
Berlin - Angesichts zu hoher Holzvorräte müssen in deutschen Wäldern dringend mehr Bäume […] (03)
KI-Firma xAI
Austin (dpa) - Nach heftiger internationaler Kritik hat Elon Musks KI-Firma xAI neue Schranken […] (00)
finance, currency, bitcoin, crypto, cryptocurrency, investment, wealth, money, brown money, brown finance, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, crypto, crypto, crypto, cryptocurrency
Der Kurs von XRP nähert sich einem kritischen Ausbruchsniveau, wobei die Kursbewegungen darauf […] (00)
(BANG) - Robbie Williams hat "aufgegeben", zu versuchen, Amerika zu "knacken", weil er dort gar nicht berühmt sein möchte. Der Take-That-Star lebt mit seiner Frau Ayda und ihren vier Kindern in den USA, hat […] (00)
Gegen das Vergessen: ARTE-Thementage zur Auschwitz-Befreiung
Viele Dokus, aber auch Spielfilme laufen im Umfeld des Holocaust-Gedenktages am 26. und 27. Januar. ARTE […] (00)
 
 
Suchbegriff