Irans Ex-Präsident Chatami verurteilt «Schauprozess»

02. August 2009, 17:58 Uhr · Quelle: dpa
Teheran (dpa) - Der reformorientierte frühere iranische Präsident Mohammed Chatami hat das am Samstag begonnene Strafverfahren gegen 100 Oppositionspolitiker und Demonstranten in Teheran als «Schauprozess» verurteilt.

Auf seiner Website erklärte er am Sonntag, dies werde das Vertrauen in das Establishment schwächen. «Die Geständnisse sind wertlos», sagte er mit Blick auf Berichte, wonach ein angeklagter prominenter Reformpolitiker vor Gericht eingeknickt ist. Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi warf der Regierung vor, die Geständnisse seien unter «Folter» erzwungen worden.   

Auch der einflussreiche Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani äußerte sich kritisch zum ersten Prozess nach den Massenprotesten gegen die umstrittene Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad Mitte Juni. Den Angeklagten werden Aufruhr, Vergehen gegen die nationale Sicherheit sowie Verschwörung gegen das herrschende System vorgeworfen. Ihnen droht die Todesstrafe. Am Sonntag begann ein zweiter Prozess gegen zehn Demonstranten. Ein weiterer Prozess ist laut Berichten für Donnerstag geplant.

Rafsandschani und Chatami hatten Oppositionsbewerber Mussawi unterstützt, der bei der Wahl unterlegen war. Die Opposition erkennt das Ergebnis nicht an und spricht von Betrug.

Mussawi erklärte auf seiner Internetseite weiter: «Die Folterer und jene, die die Geständnisse erzwingen, haben es so weit getrieben, dass auch jene unter ihren Opfern sind, die diesem Land und System in bemerkenswerter Weise gedient haben.» Es ist das erste Mal seit der Islamischen Revolution im Iran vor 30 Jahren, dass Dutzende ehemalige Regierungsvertreter und prominente Politiker auf der Anklagebank sitzen.

Der angeklagte ehemalige Vize-Präsident Mohammed Ali Abtahi (51), ein enger Vertrauter Chatamis, sagte laut der halbamtlichen Nachrichtenagentur Fars vor Gericht in einer überraschenden Kehrtwende, die Präsidentenwahl sei sauber verlaufen. «Allen meinen Freunden, (...) sage ich, dass die Betrugssache eine Lüge war und ein Vorwand für die Krawalle.» Ausländischen Medien war die Teilnahme an dem Prozess zur Berichterstattung verwehrt.

Abtahi warf Rafsandschani vor, sich gegen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei verschworen zu haben. Rafsandschani, Mussawi und Chatami seien «eingeschworene» Verbündete. Ihr Ziel sei die «samtene Revolution». Rafsandschani wies das als «Lüge» zurück und erklärte, es sei «unklar, unter welchen Umständen diese Geständnisse zustande gekommen sind», wie iranische Medien berichteten.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) forderte die Führung in Teheran auf, keine Schauprozesse zu veranstalten. «Wir werden darauf achten, dass es nicht dazu kommt», sagte die Generalsekretärin von AI-Deutschland, Monika Lüke, der «Berliner Zeitung» (Wochenendausgabe). In den Gefängnissen dürfe nicht mehr gefoltert werden, die Pressefreiheit müsse wiederhergestellt werden.

Bilder aus dem voll besetzten Gerichtssaal zeigten die Angeklagten in grauer Gefängniskleidung. Unter ihnen sind zudem der ehemalige Regierungssprecher Abdullah Ramesansadeh, Ex-Vize-Außenminister Mohsen Aminsadeh und der Reformpolitiker Mohsen Mirdamadi. Ex-Vize-Präsident Abtahi sah erschöpft aus. Seine Frau sagte den Medien, er habe in 43 Tagen Haft 10 Kilogramm Gewicht verloren.

Mussawi wies Vorwürfe der Regierung zurück, ausländische Kräfte hätten ihre Finger bei den Protesten im Spiel gehabt. «Die Menschen wollen Freiheit und Gerechtigkeit, die Bewegung hat keinerlei Beziehungen zu ausländischen Elementen.» Die Regierung wirft ausländischen Agenten vor, die Proteste angeheizt zu haben und schuld an den Todesopfern zu sein. Wissenschaftsminister Mohammed Mehdi Sahedi erklärte, anti-islamische Revolutionsgruppen hätten während der jüngsten Proteste Chemiebombenanschläge geplant, die der Geheimdienst aber vereitelt habe.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte am Sonntag, die Nachrichten über den Prozessbeginn erfüllten die Bundesregierung mit Sorge. «Nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen werden die rechtsstaatlichen Mindestanforderungen für ein transparentes und faires Verfahren nicht eingehalten», sagte er laut einer Mitteilung.

Auch der Vorsitzende des kleinen Reform-Blocks im Parlament, Mohammed Reza Tabesch, kritisierte den Prozess: «Die Methoden, die dabei angewandt wurden (...), haben alle in einen Schockzustand versetzt.» Es gebe sehr beunruhigende Berichte von Angehörigen über die «kritische» Lage der Gefangenen.

Die Wiederwahl des ultrakonservativen Präsidenten Ahmadinedschad am 12. Juni hatte Massenproteste in Teheran und anderen iranischen Städten ausgelöst, die zum Teil gewaltsam niedergeschlagen wurden. Bis zu 30 Demonstranten sollen ums Leben gekommen sein, es gab mehr als 1000 Festnahmen.

Konflikte / Innenpolitik / Iran
02.08.2009 · 17:58 Uhr
[4 Kommentare]
Britisches Gericht stoppt Deal über Chagos-Inseln
Washington/London (dpa) - Der Iran hat nach Angaben des Staatsfernsehens zwei ballistische Raketen auf einen von Großbritannien und den USA gemeinsam genutzten Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia abgefeuert. Keines der beiden Geschosse habe die Militärbasis im Indischen Ozean getroffen, berichteten das «Wall Street Journal» und der Sender CNN unter Berufung auf ranghohe US-Beamte. […] (00)
vor 8 Minuten
iPhone-Hülle hat Display für Selfies auf der Rückseite und bis zu 2 TB Extra-Speicher
Die Rückkamera des iPhones ist um einiges leistungsstärker als die Kamera auf der Front, außerdem bietet sie mehr Funktionen. Für Selfies führt aber kein Weg um die Nutzung der Frontkamera herum, denn: Wie willst du sonst sehen, was genau im Bild ist? Also gibst du dich mit der niedrigeren Qualität zufrieden und kannst außerdem kein Ultraweitwinkel […] (00)
vor 3 Stunden
Pornografie im Internet
Berlin (dpa) - SPD-Rechts- und Innenpolitikerinnen begrüßen die Ankündigung von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD), zügig ein Gesetz zum besseren Schutz vor digitaler Gewalt vorzulegen. «Wir hängen da auf jeden Fall hinterher», sagte die rechtspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Carmen Wegge im WDR mit Blick auf die rechtliche […] (00)
vor 28 Minuten
Assassin’s Creed Shadows hinterlässt ein Erbe und künftige Teile werden davon profitieren
Ein Jahr ist es her, seit Assassin’s Creed Shadows die Fangemeinde in das feudale Japan entführte – und Ubisoft hat den Support inzwischen eingestellt, um sich auf Kommendes zu konzentrieren. Doch was bleibt, ist mehr als eine Erinnerung an Shinobi-Schleichen im Morgengrauen. Art Director Thierry Dansereau hat in einem Interview verraten, dass Shadows […] (00)
vor 40 Minuten
«The Chi» endet mit Staffel acht
Die Erfolgsserie von Lena Waithe steuert auf ihr Finale zu. Ein Starttermin wurde noch nicht kommuniziert. Paramount+ hat einen ersten Ausblick auf die achte und zugleich letzte Staffel von The Chi veröffentlicht. Damit geht die preisgekrönte Dramaserie in ihre finale Phase, nachdem die Produktion der neuen Folgen bereits im Januar 2026 gestartet ist. Ein genauer Starttermin steht noch aus, […] (00)
vor 1 Stunde
Ski alpin: Weltcup
Kvitfjell (dpa) - Skirennfahrer Dominik Paris hat die letzte Abfahrt der Saison in Kvitfjell gewonnen. Beim Weltcup-Finale verwies der Altmeister aus Südtirol den Schweizer Olympiasieger Franjo von Allmen um 0,19 Sekunden auf den zweiten Platz. Dritter wurde Vincent Kriechmayr aus Österreich (+0,60). Paris feierte auf der Olympia-Strecke von 1994 den […] (01)
vor 53 Minuten
bitcoin, cryptocurrency, digital, money, electronic, coin, virtual, cash, payment, currency
Traditionell war das Verdienen von Bitcoin mit komplexem Handel oder teurer Mining-Hardware verbunden, die für viele schwer zu betreiben ist. In Zeiten, in denen Anleger nach verlässlichen passiven Einkommensquellen im Bereich digitaler Vermögenswerte suchen, gewinnt eine neue Entwicklung an Bedeutung: die Teilnahme an leichter Infrastruktur. Einige frühe Anwender […] (00)
vor 49 Minuten
Ein Gespräch mit Christian Kirsch, Unternehmer, Leadership-Coach und Mitgründer von amaiko.ai
Viechtach, 21.03.2026 (PresseBox) -. Frage: Christian, wenn man deinen Weg anschaut, wirkt alles sehr klar strukturiert. War das wirklich so geradlinig? Christian Kirsch: Überhaupt nicht. Ich habe die IT-Branche 2018 eigentlich verlassen. Ich war müde vom Buzzword-Theater. Bin dann als Geschäftsführer in einen Sporthändler gewechselt – sportaffin, […] (00)
vor 4 Stunden
 
Karsten Wildberger am 18.03.2026
Berlin - Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) hat in der Debatte über ein Social- […] (01)
Buchladen "Zur schwankenden Weltkugel" (Archiv)
Berlin - Nach dem umstrittenen Ausschluss dreier Buchläden von der Preisverleihung […] (02)
Stromzähler (Archiv)
Heidelberg - Der Irankrieg und seine Folgen wirken sich auf Haushalte in Deutschland […] (10)
BASF (Archiv)
Ludwigshafen - Wenige Tage vor der Eröffnung eines neuen Chemiewerks in China räumt […] (01)
Jonathan Wheatley
Neuburg an der Donau (dpa) - Das neue Formel-1-Werksteam von Audi muss schon nach zwei […] (04)
Neuer Character Short „High Roller“ zu C4SH in Borderlands 4!
2K und Gearbox Software teilen heute den offiziellen Character Short für C4SH, the […] (00)
Geiselnahme am Golf: Teherans perfider Selektions-Plan für die Weltwirtschaft
Nach 18 Tagen totaler Blockade zeichnet sich ein Strategiewechsel in Teheran ab: Die […] (01)
Sky zeigt veröffentlicht Infos zu «Sweetpea»
Ella Purnell kehrt als mörderische Außenseiterin zurück und gerät diesmal selbst unter Druck. […] (00)
 
 
Suchbegriff